KARRIERE
Als Felipe Santana im Juli 2008 zum BVB kam, beugte Michael Zorc zu hohen
Erwartungen gleich vor: "Er bringt sehr viel mit. Er geht ab wie eine
Gazelle. Aber in Deutschland wird ein anderer Fußball gespielt. Deshalb
sollte man ihm nicht gleich beim ersten Fehler den Kopf abreißen."
Der Kopf lag nach den ersten Testspielen - um im Bild zu bleiben - aber
auf dem Schafott. In ungewohnter Rolle als rechter Verteidiger in einer
Viererkette hatte Santana, der aus Brasilien nur die Dreierkette kannte,
beim Testspiel gegen Turin nicht den sichersten Eindruck hinterlassen und
war in den Fokus der öffentlichen Kritik geraten. Doch Jürgen Klopp
erkannte damals schon: "Im Eins gegen Eins hat er schon jetzt absolute
Qualität, im Kopfballspiel sowieso. Schnell ist er. Er muss sich aber noch
an die systematischen Abläufe gewöhnen. Und dafür braucht er Zeit, die
wir ihm geben werden."
Nachdem Santana selbst sein erstes Jahr beim BVB als Lehrjahr bezeichnet
hatte, er aber bereits in der Hinrunde bei sporadischen Einsätzen
Souveränität ausstrahlte und drei Mal in Folge sogar als Torschütze auftrat
(Hoffenheim, Stuttgart, Frankfurt), zählte er seit dem 13. Spieltag mit
einer Ausnahme durchgängig zur ersten Elf. "Am Anfang war es sehr, sehr
schwer für mich, obwohl ich viel Unterstützung bekommen habe durch Dede und
Tinga, den Trainer und die Kollegen. Sie haben mir sehr geholfen. Die
Motivation, in Europa Fußball zu spielen, hat es mir ein- facher gemacht,
mich anzupassen", sagt der 24-Jährige im Rückblick.
Gemeinsam mit Neven Subotic (sechs Tore) bildete Felipe Santana (vier
Treffer) in der Sai- son 2008/2009 die torgefährlichste Innenver- teidigung
der Liga. Das Wagnis, in jungen Jahren vom südamerikanischen Kontinent in
eine völlig andere Welt zu gehen, hatte sich gelohnt: "Ich bin glücklich,
bei diesem Verein gelandet zu sein, der vor gut zehn Jahren den Weltpokal
gewonnen hat - gegen ein Team aus meiner Heimat. Und ich bin stolz, dass
ich hier war, in dem Jahr, in dem Borussia 100 Jahre alt wurde."
Der in Rio Claro (18.000 Einwohner im Bundes- staat Rio de Janeiro)
geborene Felipe Santana startete seine Karriere im Jahr 2005 bei
Figueirense Futebol Clube in Florianópolis, der Hauptstadt des
brasilianischen Bun- desstaates Santa Catarina. In der Saison 2007/2008 war
er beim Serien-Staatsmeister und brasilianischen Pokalfinalisten von 2007
Bestandteil der viertbesten Liga-Defensive (44 Gegentore in 38 Partien).
Doch Santana ist kein "Zerstörer". Über sich selbst sagt er: "Tempo und
Explosivität sind meine besten Eigenschaften. Und ich schalte mich gerne
mit in die Offensive ein. Auch wenn wir verschiedene Rollen spielen: Ich
liebe es, Lilian Thuram zuzuschauen. Aber auch Juan und Lucio imponieren
mir. Ein anderer Spieler, den ich bewundere, ist Paolo Maldini."
Michael Zorc kam vor zwei Jahren mit dem Transfer des 1,94 Meter großen
Abwehrspie- lers den Einkäufern von Botafogo, Flamengo und dem FC Sao Paulo
- dem FC Bayern Bra- siliens - zuvor. Die Ablösesumme lag im Bereich von
knapp über zwei Millionen Euro, Santana unterschrieb einen
Fünf-Jahres-Vertrag bis zum 30. Juni 2013. "Das war die beste Wahl im richtigen
Moment. Es war immer ein Traum für mich, in Europa zu spielen, um dort meine Ziele
zu verwirklichen", sagt Santana - und diese liegen auf internationalem
Terrain: "Mein nächstes Ziel als Profi ist ein Platz in der Selecao. Oder
im brasilianischen Olympia-Team. Erst recht, nach- dem ich der jüngste
Kapitän in unserer Meisterschaft war."
Die Einschätzungen haben sich bestätigt. In Rekordzeit lernte der
intelligente Kicker die deutsche Sprache, er beschäftigt sich in seiner
Freizeit mit vielen Dingen, liest Bücher oder fotografiert.
STÄRKEN
Der sprung- und sprintstarke Santana wird von Experten mit dem früheren
BVB-Star Julio César verglichen. "Vielleicht ist er sogar noch etwas
aggressiver", meint Dede. "Wie sich Felipe fußballtechnisch, taktisch und
muskulär entwickelt hat, das ist der reine Wahnsinn", lobt Jürgen Klopp:
"Auch sein schwächerer Fuß ist besser geworden." Zudem ist er
torgefährlich: 2008/2009 gelan- gen ihm vier Treffer. Santana eifert dem
Bremer Naldo nach: "Ich hätte gerne seine Schussstärke. Aber wahrscheinlich
hätte er auch gerne meine Explosivität im Sprint."
SAISONRÜCKBLICK
Felipe Santana ist die erste Alternative in der Innenverteidigung: Er
wurde am häufigsten beim BVB eingewechselt (zwölf Mal), weitere 13-mal
stand er in der Startelf. Mit 61% gewonnenen Zweikämpfen kann er mit den
Stammspielern Subotic und Hummels fast
mithalten. |