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"Den Geist von Spiez verkörperten 22,
den Rahm abgeschöpft haben nur elf"
 
[1.07.] Er zählt zu den ganz großen Borussen: Heinrich Kwiatkowski, der in diesem Sommer seinen 79. Geburtstag feiert, wurde mit dem BVB drei Mal Deutscher Meister und war Mitglied der berühmtesten aller deutschen Mannschaften, der Weltmeister-Truppe von 1954. Beim Turnier in der Schweiz kam er bei der 3:8-Vorrunden-Niederlage gegen Ungarn zum Einsatz. Am 4. Juli jährt sich das "Wunder von Bern" zum 50. Mal. Der frühere BVB-Keeper erinnert sich.
 
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Weltmeister von 54: Heinrich Kwiatkowski.
Herr Kwiatkowski, der "Geist von Spiez" steht für alle 22 Spieler des Kaders, die "Helden von Bern" waren aber nur diejenigen elf, die das Finale bestritten.
Heinrich Kwiatkowski: "Das ist richtig. Als das Spiel gelaufen war, und wir das Finale gewonnen hatten, wollten die Fotografen nur die Elf haben. Den Geist von Spiez verkörperten 22, den Rahm abgeschöpft haben elf. Von den 22 hat einer für den anderen gestanden, und plötzlich wurde ein Schnitt gemacht. Dabei haben bis auf drei während des Turniers alle gespielt."

Die vermeintlichen Reservisten spielten doch eine wichtige Rolle, unter anderem beim mit 3:8 verlorenen Vorrundenspiel gegen Ungarn. War das eigentlich Absicht von Sepp Herberger, den Gegner zu täuschen, oder ist dies eine Legende?
Kwiatkowski: "Ich weiß nicht, was in Herbergers Kopf vor ging. Ich denke schon, dass er versucht hat, die Ungarn einzulullen."

Was ging in Ihrem Kopf vor? Sie waren der Leidtragende mit acht Gegentoren.
Kwiatkowski: "Das war mein erstes A-Länderspiel, und ich hatte es mir weiß Gott anders vorgestellt. Früher wurde man mit solchen Dingen alleine fertig, heute braucht man dafür Psychologen. Gut, ich hab´ die Bude voll gekriegt, ich habe den lieben Gott angefleht, lass es bitte nicht zweistellig werden, was gut und gerne hätte passieren können. Das Publikum war genau so gemein wie nach dem 1:5 der Nationalmannschaft vor drei Wochen gegen Rumänien. Man hat uns die dreckigsten Wörter an den Kopf geschmissen, als ob wir noch nie Fußball gespielt hätten. Als wir dann plötzlich Weltmeister waren, haben alle Hosianna geschrien. ,Hosianna´ und ,kreuzigt ihn´ liegen so eng beieinander."

Da hat sich in den letzten 50 Jahren nicht viel geändert. Als es bei Borussia Dortmund in der vergangenen Saison nicht so erfolgreich lief wie erhofft, war die öffentliche Meinung auch nicht gerade positiv.
Kwiatkowski: "Ich habe 18 Jahre in dieser Klasse gespielt und viel erlebt. Wenn es nicht läuft, werden Emotionen frei..."

Kommen wir noch einmal zurück auf die elf Helden von Bern und die 22, die den Geist von Spiez verkörperten. Nicht alle bekamen eine Medaille.
Kwiatkowski: "Die Schweizer haben damals jedem Spieler eine goldene Uhr geschenkt, aber mit den Medaillen waren sie geizig. Davon gab es 13. Elf für die Spieler, eine für Herberger, der seine weitergab an Berni Klodt. Fritz Walter hat später dafür gesorgt, dass die, die keine bekommen hatten, eine Nachprägung bekamen. Nicht in Gold - er hat sie selber bezahlt -, aber dennoch eine bleibende Erinnerung. Und die Uhr trage ich heute noch."

Werden dann Erinnerungen wach?
Kwiatkowski: "Nein, ganz bestimmt nicht mehr. 50 Jahre, das sind zwei Generationen. Sie haben mich nach dem Geist von Spiez gefragt: Als wir wieder zu Hause waren, war der nicht mehr aktuell, hatte da auch nichts mehr zu suchen. Da hatten wir unsere Familien, unsere Vereine. Was hätten wir auch machen sollen? Sich jede Woche anrufen? Sportler gehen ihren eigenen Weg."

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Helden unter sich: Heinrich Kwiatkowski und Max Morlock begrüßen sich vor dem DM-Endspiel 1961, das der BVB gegen Nürnberg mit 0:3 verlor.
Sie haben für Schalke, Essen und den BVB gespielt. Wo ist Ihr Herz hängen geblieben?
Kwiatkowski: "Ich bin Dortmunder geworden, und ich bin Borusse geworden. Das Publikum hat mich dankbar aufgenommen, ich war für die Zuschauer der Heini. Ich war beliebt und habe versucht, vieles zurückzugeben. Wenn man mich angesprochen hat, war ich gefällig. Wir waren Spieler zum Anfassen. Manchmal warteten nach einem Spiel 60 Kinder, wollten Autogramme. Wegschicken konnte ich keinen."

Ihre Popularität dauert bis heute an. Sie wurden im November zum "Borussen des Jahres" gewählt.
Kwiatkowski: "Ich glaube, ich habe heute noch einen gute Leumund bei den Borussen. Ich hatte damals keinen Fanklub, so etwas gab es noch nicht, aber ich hatte unwahrscheinlich viele Anhänger. Und wenn ich mal einen Fehler machte, haben sie auch nie gepfiffen. Weil sie wussten, wie sehr mich das Ding ärgerte."

Am 4. Juli jährt sich das "Wunder von Bern" zum 50. Mal. Was hat der DFB geplant?
Kwiatkowski: "Es war ein Treffen in Kaiserslautern geplant, weil die meisten aus dem Haufen aus Kaiserslautern kamen. Doch dann hat man es sich anders überlegt: Wir treffen uns vom 3. bis 5. Mai in Lissabon rund um das EM-Finale. Sieben sind noch übrig geblieben von den 22, die in der Schweiz zusammen waren. Danach fliegen wir nach München, tragen uns noch einmal in das Goldene Buch der Stadt ein."

Eine ganz interessante Szene des WM-Endspiels von 1954 war die Abseits entscheidung kurz vor Schluss gegen die Ungarn. Man redet heute noch über das Wembley-Tor von 1966, über den Schiedsrichter, der den Treffer nicht geben wollte, über den russischen Linienrichter, der ihn umstimmte. Acht Jahre zuvor war es genau anders herum: Der Schiedsrichter hatte das 3:3 für die Ungarn schon angezeigt, der Linienrichter aber intervenierte. War es eigentlich abseits?
Kwiatkowski: "Ist das nach 50 Jahren noch interessant? Genauso wie die Behauptung, die Deutschen waren gedopt. Ich glaube nicht, dass Herberger das erlaubt hätte. Dafür war er zu seriös. Ich war ja auch in der Kabine und finde es unmöglich, dass dem Platzwart nach 50 Jahren einfällt, er hätte in der deutschen Kabine ein paar Ampullen gefunden. Ja gut, das konnte Traubenzucker sein, das konnte Vitamin C gewesen sein. Ich fand das unschön, dass deutsche Zeitungen und deutsche Fernsehsender das jetzt wieder aufgegriffen haben. Die Vorwürfe sind absurd. Der Deutsche wühlt mir zu sehr in der Vergangenheit. Die Reporter, die so schlau sind, sollten sich darüber freuen, dass wir vor 50 Jahren Weltmeister geworden sind. Dieser Titel bewirkte einen Umschwung im gesamten Volk, er war Früchte tragend."

Was war mit der Abseitsentscheidung?
Kwiatkowski: "Der Linienrichter hat seine Fahne oben gehabt, also war es kein reguläres Tor."

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"Ich war für die Zuschauer der Heini."
Wie war die Stimmung am Abend vor dem Spiel?
Kwiatkowski: "Wir hatten eine gute Serie gespielt, das Endspiel erreicht. Es ist schon etwas Besonderes, am Vorabend eines Endspiels zu stehen. Ich hätte auch gerne gespielt. Die Stimmung war nicht besonders angespannt, auch wenn ich mir vorstellen kann, dass der eine oder andere nicht ganz so gut geschlafen hat."

Ist es richtig, dass Herberger auf Regen gehofft und sich auf der Fahrt ins Wankdorfstadion im Bus plötzlich umgedreht und zu Fritz Walter gesagt hat: "Fritz, unser Wetter kommt"?
Kwiatkowski: "Im ersten Spiel gegen die Ungarn in Basel hatten wir einen furztrockenen Platz, und es war sehr heiß. Das alles kam den Ungarn offenbar entgegen, die von zu Hause aus harte Plätze und hohe Temperaturen gewohnt waren. Wir spielten lieber auf einem feuchten Platz, der ein bisschen weicher war. Unterwegs fing es an zu regnen - das war Ausschlag gebend für den Ausgang des Spiels. Den Ungarn lag der rutschige Platz nicht, da konnten sie ihr Kombinationsspiel nicht so aufziehen wie gewohnt. Sie verloren nach dem schnellen 2:0 den Faden, dachten wohl, es geht so weiter wie im ersten Spiel. Doch wir brachen nicht ein, legten zu, kamen zurück mit zwei Toren noch vor der Pause. Halbzeitstand 2:2. Jetzt ging es um die Wurst. Die Ungarn hatten dann nicht mehr so viel Power, haben wohl gedacht, im Laufe der zweiten Halbzeit machen wir noch einen. Doch es kam umgekehrt. Das hat der Rahn wunderbar gemacht: der Haken, und dann mit dem Linken. Das war der typische Rahn. Zwei Tore in so einem Endspiel, eine dolle Sache. Das war Rahn. Der war nicht zu halten. Es tut mir leid, dass er im letzten Sommer verstorben ist."
Das Gespräch führte Boris Rupert

 
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