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Erklärung zum Vorgehen gegen rechtsextremistische Tendenzen im Umfeld von Borussia Dortmund
 
[21.12.] Borussia Dortmund nimmt die intensive Arbeit der vergangenen Monate zum Anlass, um eine breite Öffentlichkeit ausführlich darüber zu informieren, wie und in welcher Form der Deutsche Meister gegen jede Art von Rechtsextremismus vorgeht.
 
Liebe BVB-Fans,
werte Medienvertreter,

Borussia Dortmund nimmt die intensive Arbeit der vergangenen Monate zum Anlass, um eine breite Öffentlichkeit ausführlich darüber zu informieren, wie und in welcher Form der Deutsche Meister gegen jede Art von Rechtsextremismus vorgeht. Wir werden Sie im Folgenden über unseren Kenntnisstand bezüglich der Ausmaße des rechtsextremen Problems rund um unseren Klub unterrichten und Ihnen konkrete BVB-Maßnahmen im Kampf gegen rechtsextreme Tendenzen aufzeigen. Wir möchten Ihnen allerdings auch offen und ehrlich mitteilen, was wir als Fußballklub - allen Bemühungen und aller gebotenen Seriosität zum Trotz - leider nicht leisten können.

Um eines vorwegzunehmen: Borussia Dortmund ist strikt gegen jegliche Form von Diskriminierung, Gewalt und Rechtsradikalismus! Dieses Bekenntnis haben wir in den vergangenen Wochen und Monaten mehrfach betont und Worten Taten folgen lassen.

Rund um Spiele der Bundesliga- sowie der Drittliga-Mannschaft von Borussia Dortmund gab es seit Saisonbeginn in der Tat Vorfälle rechtsextremer Natur:

Während des Auswärtsspiels der zweiten Mannschaft bei Rot-Weiß Erfurt am 1. September fielen mehrere Personen durch rechtsextrem motivierte Aktionen auf. Unter anderem wurde eine Reichskriegsflagge gezeigt.

Am 18. August war während des DFB-Pokal-Spiels beim FC Oberneuland im BVB-Fanblock ein Plakat zu sehen, auf dem "Rico Malt - unvergessen" geschrieben stand. Zur Erklärung: Malt war ein Kampfsportler, der der Gruppe "Hoonara Chemnitz" angehörte. Die Selbstbezeichnung "Hoonara" steht für Hooligans, Nazis und Rassisten. Die Urheber des Plakates schrieben ihren Namen direkt daneben: "Northside Dortmund", eine Dortmunder Hooligan-Gruppe.

Während des ersten Spieltags der Fußball-Bundesliga war am 24. August auf der Südtribüne ein Plakat mit der Aufschrift "Solidarität mit dem NWDO" zu sehen. Das Kürzel steht für Nationaler Widerstand Dortmund, es handelt sich dabei um eine verbotene Vereinigung mit rechtsextremer Ausrichtung.

Am 20. Oktober kam es während des Revierderbys zwischen Borussia Dortmund und Schalke 04 auf einer Toilette zu einem Zwischenfall. Wie Internetmedien berichteten, habe ein BVB-Ordner einen Schalke-Fan, der einem der Hooliganszene nahen Umfeld in Gelsenkirchen entstammt, schwerwiegende Verletzungen zugefügt. Besagtes Medium rechnet den BVB-Ordner der rechten Szene zu und führt als angebliche Indizien Auszüge einer Facebook-Seite auf, die dem betreffenden Ordner zuzuordnen sein soll. Der Ordner bestreitet rechtes Gedankengut und gibt an, sich auf der Toilette lediglich verteidigt zu haben. Zurzeit steht Aussage gegen Aussage, ein Ermittlungsverfahren wurde eingeleitet.

Auf Basis unseres regelmäßigen Austauschs u.a. mit Polizei und Staatsschutz gehen wir davon aus, dass unter den 25.000 größtenteils weltoffenen und friedlichen Fans, die regelmäßig auf der größten Stehplatztribüne Europas Borussia Dortmunds Spiele verfolgen, auch einige wenige Rechtsextreme sind. Die Behörden konnten in den vergangenen Jahren eigenen Aussagen zufolge keinen signifikanten Anstieg feststellen. Es habe allerdings deutliche Veränderungen in der Art des Auftretens rassistisch motivierter Personen gegeben. Diese stellen ihre Gesinnung inzwischen offener zur Schau als in der Vergangenheit. Eine belegbar rechtsextremistisch motivierte Straftat hat es - Stand jetzt - nach Erkenntnissen der Beteiligten des Arbeitskreises im SIGNAL IDUNA PARK während der Hinrunde nicht gegeben.

Nach einigen der oben genannten Vorfälle konnte Borussia Dortmund mit Hilfe der Polizei Personalien feststellen. Es kam zu folgenden Reaktionen, obwohl juristisch betrachtet u.a. aufgrund der Meinungsfreiheit mitunter laut Staatsanwaltschaft kein Straftatbestand vorlag.

Nach den Vorkommnissen von Erfurt hat der BVB als Veranstalter im Rahmen seiner rechtlichen Möglichkeiten örtliche Stadionverbote gegenüber acht Personen ausgesprochen.

Der Initiator der NWDO-Plakataktion konnte mit einem bundesweiten Stadionverbot belegt werden.

Der beschuldigte BVB-Ordner wird seit Bekanntwerden der Vorwürfe (auch auf eigenen Wunsch) nicht mehr eingesetzt. Es gilt grundsätzlich die Unschuldsvermutung.

Diese Maßnahmen hat Borussia Dortmund darüber hinaus während der vergangenen Monate konkret ergriffen, um den rechten Extremismus noch effektiver bekämpfen zu können und sich klar zu positionieren:


Der klubeigene Ordnungsdienst wurde deutlich aufgestockt und um externe Security-Kräfte ergänzt. Zurzeit werden bei Heimspielen des BVB fast 800 Ordner eingesetzt.

Mit dem Saisonauftakt hat Borussia Dortmund rund 250.000 Euro in ein neues, hochauflösendes Kamerasystem investiert. Diese Technik liefert gestochen scharfe Detailbilder auch aus größter Entfernung. Durch das Zusammenspiel von Kamerasystem und intensiver Polizeiarbeit wurde unmittelbar nach dem Saisonauftakt gegen Werder Bremen jener 27-Jährige Dortmunder ausgemacht, der das rechte Plakat mit der Aufschrift "Solidarität mit dem NWDO" entrollt hatte.

Als eine von drei Säulen der neu gegründeten BVB-Stiftung "leuchte auf" hat Borussia Dortmund den Einsatz für Vielfalt in unserer Gesellschaft auf alle Zeit festgeschrieben. Es geht darum, zu integrieren, zu tolerieren, zu akzeptieren. Unser Credo lautet: Wir haben Platz für jeden und grenzen niemanden aus. Die Stiftung "leuchte auf" wird konkrete Projekte zur Förderung dieser Ziele finanziell großzügig unterstützen.

Der BVB hat mehrfach die Stadionordnung geändert. Es ist verboten, im SIGNAL IDUNA PARK Gegenstände mit rechtsradikalen, gewaltverherrlichenden und rassistischen Schriftzügen oder Emblemen zu tragen bzw. zu zeigen. Auch einzelne, der rechtsextremen Szene zuzuordnende Bekleidungsmarken, sind verboten. Jeder Besucher gibt nunmehr mit dem Erwerb der Eintrittskarte ein klares Bekenntnis zur freiheitlich-demokratischen Grundordnung der Bundesrepublik Deutschland ab. Fehlverhalten kann und wird auf der Basis dieser Änderung sofort und konsequent mit einem Stadionverbot geahndet.

Borussia Dortmund hat u.a. aufgrund der aufgezeigten Problematik zwei neue Planstellen geschaffen und zwei zusätzliche Fanbeauftragte eingestellt. Das Fanbeauftragten-Team des BVB zählt inzwischen fünf festangestellte Mitarbeiter und ist das größte in der Fußball-Bundesliga. Die personelle Aufstockung versetzt uns in die Lage, kampagnenfähiger zu sein und im Frühjahr u.a. einen Anti-Rassismus-Workshop anbieten zu können.

Der BVB hat einen "Arbeitskreis gegen Rechts" ins Leben gerufen und tauscht seit Monaten regelmäßig neueste Erkenntnisse u.a. mit der Polizei, dem Staatsschutz, dem Fanprojekt, der Fanabteilung und Opferverbänden aus. Den Erkenntnissen des AK zufolge haben sich seit Oktober zumindest keine polizeilich bereits auffällig gewordenen Rechten mehr im Signal Iduna Park befunden. Aktuell führt der BVB Gespräche mit Wissenschaftlern, die aus dem "AK gegen Rechts" resultierende Maßnahmen und Projekte begleiten und bewerten wollen.

Borussia Dortmund hat - soweit es dem Klub gestattet wurde - noch einmal polizeiliche Führungszeugnisse eingesetzter Ordner überprüft. Dies allerdings im Wissen, dass viele Strafen (z.B. Erstvergehen, die mit Geldbußen von weniger als 90 Tagessätzen geahndet wurden) von polizeilichen Führungszeugnissen nicht erfasst werden. Darüber hinaus wurden in konkreten Einzelfällen bei Vorliegen von Verdachtskriterien weitergehende Überprüfungen eingeleitet.

Weil in Deutschland 16 Millionen Menschen mit Migrationshintergrund leben und es gerade jungen Migranten immer seltener gelingt, nach der Schule eine berufliche Ausbildung zu absolvieren, stellte sich der BVB - wie alle anderen Fußball-Bundesligisten - in den Dienst der Aktion "Geh´ Deinen Weg". Am dritten Bundesligaspieltag war Dortmund Hauptaktionsort. Trikotsponsor Evonik verzichtete zu Gunsten des "Geh´ Deinen Weg"-Logos auf seinen Schriftzug, BVB-Profi Ilkay Gündogan setzte sich medienwirksam sowohl in Deutschland als auch in der Türkei für das Thema Integration ein. Bundeskanzlerin Dr. Angela Merkel diskutierte am Rande der Partie gegen Leverkusen mit Nachwuchsmannschaften über die Probleme von Jugendlichen mit Migrationshintergrund.

Regelmäßig finanziert der BVB Bildungsreisen von Fans ins ehemalige Nazi-Konzentrationslager nach Auschwitz mit, um gerade jungen Fußballanhängern das schlimmste und niederträchtigste Kapitel deutscher Geschichte nahe zu bringen. Borussia Dortmund wird seine finanziellen Zuschüsse künftig signifikant erhöhen, um noch mehr jungen Menschen den Besuch des KZ Auschwitz zu ermöglichen.

Grundsätzliche Anmerkungen

Borussia Dortmund unterstreicht ausdrücklich, dass Toleranz und Vielfalt zentrale Werte im Selbstverständnis des Klubs sind. Wir sind stolz darauf, dass wir - von der U9 bis zur Profimannschaft - Spieler unterschiedlichster Nationalitäten und Glaubensrichtungen vereinen und integrieren. Auch die 6,5 Millionen BVB-Fans in Deutschland spiegeln die Zusammensetzung unserer Gesellschaft wider. Dass wir größte Anstrengungen unternehmen, unseren Beitrag zu einem friedlichen Zusammenleben zu leisten - gerade vor dem Hintergrund der vielschichtigen Probleme in Dortmund und Umgebung -, ist für uns selbstverständlich.

Ohne die gesellschaftliche Verantwortung des BVB als Identitätsstifter für die Region geringschätzen zu wollen, müssen wir allerdings auch offen sagen, was wir nicht leisten können.

Bei der Kommunalwahl 2012 erreichte die NPD in Dortmund 1,9 Prozent der Stimmen. Die SPD-nahe Friedrich-Ebert-Stiftung veröffentlichte im November eine Studie, nach der sogar neun Prozent der Bundesbürger ein "geschlossenes rechtsextremes Weltbild" haben. Vor diesem gesamtgesellschaftlich problematischen Hintergrund können wir nicht vollkommen ausschließen, dass es unter den 564 BVB-Mitarbeitern, den fast 800 Ordnern, den über 130 Volunteers und den regelmäßig mehr als 80.000 Zuschauern einige wenige gibt, die mit rechtem Gedankengut sympathisieren. Auch können wir unsere Mitarbeiter und Anhänger nicht mit all ihren Aktivitäten in den sozialen Netzwerken auf ihre Gesinnung hin überwachen.

Bei aller Selbstkritik und im Wissen um die rechtsextreme Problematik u.a. im BVB-Umfeld mussten wir in den vergangenen Monaten leider wiederholt feststellen, dass vom krassen Fehlverhalten Einzelner unmittelbar auf die Allgemeinheit geschlossen wurde. Ein nach wie vor nicht bewiesener Vorwurf gegen einen Ordner etwa wurde herangezogen, um Borussia Dortmund einen "von Rechtsradikalen unterwanderten Sicherheitsdienst" zu unterstellen, "der rassistische Parolen verbreitet und Gästefans verprügelt". Dieser Interpretation widersprechen wir entschieden.

Verantwortung im Zusammenhang mit rechtsextremen Äußerungen im Fanumfeld bedeutet für Borussia Dortmund die Verpflichtung zu konsequenten Gegenmaßnahmen auf dem Boden der Rechtsstaatlichkeit. Als Klub, der solch entschiedenes Vorgehen aus tiefster Überzeugung zusichert, wünschen wir uns aber auch eine sachliche und differenzierte Betrachtungsweise ohne reißerische und vorschnelle Schuldzuweisungen.

Borussia Dortmund ist zur Lösung des Problems sehr an einer engen und konstruktiven Zusammenarbeit sowohl mit den Ordnungsbehörden als auch mit den Fan-Organisationen und nicht zuletzt mit den Medien gelegen. Unsere ausdrückliche Bitte gerade an unsere Fans lautet, der Polizei jede Form rechtsextremen Verhaltens unverzüglich mitzuteilen und anzuzeigen. Denn nur wenn dies geschieht, können Ermittlungen eingeleitet werden und ggf. zeitnah Sanktionen erfolgen.

Hans-Joachim Watzke
(Vorsitzender der Geschäftsführung)

Dr. Christian Hockenjos
(Direktor Organisation)

 
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