Einundachtzigtausenddreihundertsechzig

So viele Fans passen in den SIGNAL IDUNA PARK, Deutschlands größtes Fußball-Stadion 

Hätte man den Dortmundern vor 30 Jahren von einem Fußball-Tempel mit über 80.000 Plätzen inmitten ihrer Stadt erzählt, von einem Stadion mit Glasfassade, Rasenheizung und der größten Stehplatztribüne Europas, alle hätten ob derlei Phantastereien nachsichtig gelächelt. Heute steht an der Strobelallee mit dem SIGNAL IDUNA PARK tatsächlich Deutschlands größtes Fußballstadion. Fassungsvermögen: Exakt 81.360 Plätze. Dass dieser Gigant der Borussia beinahe finanziell das Genick gebrochen hätte, ist ein anderes, glücklicherweise seit Ende Mai 2006 gelöstes Kapitel.. 
  
Die Spielstätte an der Strobelallee, für Fans schlicht "der Tempel", von Presse, Profis und Prominenz nicht selten mit dem Attribut "schönstes Stadion der Republik" versehen, ist nach Vollendung der dritten Ausbaustufe eine der größten und komfortabelsten Arenen Europas. Ein langer Prozess der Errichtung und Umgestaltung hat mit den Umbaumaßnahmen zur FIFA WM 2006 seinen Höhepunkt erreicht. Dennoch gibt es keine Sommerpause, in der nicht gewerkelt wird im Stadion. Zehn Millionen Euro steckte der BVB allein 2012 in die Renovierung der in die Jahre gekommenen Spielstätte. So wurde nicht nur der Rasen komplett erneuert, sondern auch die Drainage in der südlichen Spielhälfte. Die Südtribüne wurde durch Stützungsmaßnahmen versteift, im Norden fanden Betonsanierungsmaßnahmen statt. Auf der Osttribüne entstanden im Bereich des früheren Presseraums sieben weitere Logen. Neue Videokameras mit beeindruckender Digitaltechnik erhöhen die Sicherheit. Insbesondere der Gästeblock und der Unterrang der "Süd" stehen unter erweiterter Beobachtung. Im Jahr zuvor wurden neue Anzeigetafeln installiert. 
  
Die Stadion-Story beginnt vor über 40 Jahren, genauer gesagt am 5. April 1965. Nach vier langen Jahren der Diskussionen um Erweiterung und Modernisierung der in die Jahre gekommenen Kampfbahn "Roten Erde" nimmt der Haupt- und Finanzausschuss der Stadt "die Anregung zur Kenntnis, nicht das Stadion Rote Erde auszubauen, sondern durch Einbeziehung der beiden westlichen Übungsfelder und geringfügiger Flächen des Luftbades ein neues Fußballstadion zu errichten". Die erste Hürde auf dem Weg zu einer neuen Arena, im offiziellen Sprachgebrauch "Zwillingsstadion" genannt (weil parallel zur Roten Erde errichtet), ist genommen. 
  
 Den entscheidenden Impuls erfährt das Projekt jedoch erst, als die Stadt Köln Anfang der 1970-er Jahre auf einen Stadionneubau verzichtet, damit erst den Weg frei macht für eine Bewerbung Dortmunds für die Fußball-Weltmeisterschaft 1974 - und damit für den Bau eines neuen Stadions. Ohne die zu diesem Anlass bereit gestellten Bundes- und Landesmittel wäre das Westfalenstadion nicht zu finanzieren gewesen. 
  

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Am 2. April 1974 - neun Jahre nach dem Beschluss der städtischen Gremien - ist es dann endlich so weit: 54.000 überwiegend stehenden Besuchern bietet das Westfalenstadion im Ursprungszustand Platz. Eingeweiht wird es mit einem Freundschaftsspiel gegen Schalke 04. An seiner Faszination hat es bis heute nichts eingebüßt. Im Gegenteil. Von der "Scala des deutschen Fußballs" schwärmen Radio-Reporter, wenn sie von diesem einzigartigen Fluidum berichten: der Nähe zum Spielfeld, der Akustik durch die komplette Überdachung, gepaart mit der einzigartigen Begeisterungsfähigkeit der Fußballfreunde im Revier. All dies sorgt für knisternde Atmosphäre, die Besucher in ihren Bann zieht und von Gegnern gefürchtet wird. Bei einer Umfrage im Mai 2006 nannten die Profis der 18 Bundesliga-Vereine die Spielstätten in Hamburg (28%) und in Dortmund (27%) als ihre liebsten. 

  
Genau genommen reicht die Geschichte des SIGNAL IDUNA PARK zurück bis ins Jahr 1961. Damals befasst sich der Sportausschuss erstmals mit der Erweiterung der "Kampfbahn Rote Erde". Schon zu jener Zeit des sich anbahnenden Strukturwandels im Revier, der einsetzenden Krise bei Kohle und Stahl, sitzt das Geld ebenso wenig locker wie heute. Deshalb gehen zehn Jahre ins Land, bis der Rat der Stadt am 4. Oktober 1971 den Bau des Westfalenstadions beschließt. Schneller ist die Frage der Finanzierung nicht zu lösen gewesen. 
  
Zwar hat der Deutsche Fußball-Bund schon 1966 den Zuschlag für die Ausrichtung der WM 1974 erhalten, doch die Dortmunder Pläne für ein in konventioneller Bauweise zu errichtendes und damit rund 30 Millionen Euro teures Stadion drohen schon kurz darauf in den Schubladen zu verschwinden. Trotz der eindeutigen Ratsbeschlüsse untersucht die Verwaltung immer wieder die Möglichkeit des Ausbaus der vorhandenen Anlage in der Hoffnung, Kosten zu sparen.
  
Sportdezernent Erich Rüttel gelingt im Mai 1970 mit seinem Vorschlag, das Stadion als Fertigsystem in Palettenbauweise nach dem Vorbild der kanadischen Olympiastadt Montreal (1976) zu errichten, der entscheidende Durchbruch. Die Kosten halbieren sich, ursprünglich sind 27 Millionen Mark (knapp 14 Mio. Euro) im Gespräch. Nach Abschluss der Bauarbeiten sollten es nur sieben Millionen Mark mehr gewesen sein.
  
Bereits fünf Monate darauf, am 19. Oktober 1970, erteilt der Rat diesen Plänen grünes Licht und beschließt im darauf folgenden Jahr den Bau des Westfalenstadions. Die Kosten von 17 Millionen Euro werden zu über 80 Prozent durch Bund, Land, "Glücksspirale" und Spenden gedeckt. Die Stadt trägt von dieser Summe gerade einmal drei Millionen Mark, weil sie noch rechtzeitig erkennt, dass jenes Weltmeisterschafts-Turnier 1974 die wohl einmalige Chance bietet, eine taugliche Arena für die Zukunft zu errichten. Denn: ohne WM-Zuschlag keine Fördermittel. Zumal die provisorische Tribüne in der Südkurve der "Roten Erde" bereits Schäden aufweist und es in einem internen Papier des Planungsausschusses heißt: "Nach Abbau dieser Tribüne verringert sich das Fassungsvermögen auf 25.000 Plätze."
  
56.000 Zuschauern soll dagegen das Westfalenstadion Platz bieten. Nach Fertigstellung sind es knapp 54.000, davon allerdings nur 17.000 Sitzplätze. Dass der Großteil (47.000) der Plätze überdacht ist, wird vom damaligen Präsidenten des BVB, Heinz Günther, besonders gewürdigt. Es biete auch "dem kleinen Mann ein Dach über dem Kopf". Seinerzeit keine Selbstverständlichkeit.

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Zaire, Schottland, Schweden, Brasilien und Vizeweltmeister Holland bestreiten 1974 im Westfalenstadion ihre Vorrundenspiele - Dortmund liegt plötzlich wieder im Fußball-Fieber. Jene Begeisterung, die in den glorreichen 50-er und 60-er Jahren herrschte, flammt während der WM-Tage erneut auf und überträgt sich auch auf die Begegnungen in der zweiten Bundesliga. Nicht selten mehr als 45.000 Fans, und damit rund drei Mal so viele wie kurz zuvor noch in der "Roten Erde", pilgern plötzlich zum BVB, der von seinem neuen Stadion in hohem Maße profitiert. Zwei Jahre später, im Juni 1976, kehrt Borussia in die höchste deutsche Spielklasse zurück, feiert 1983, nach 15-jähriger Abstinenz, das Comeback auf europäischer Ebene, gewinnt 1989 den DFB-Pokal, 1995, 1996 und 2002 die Deutsche Meisterschaft, zieht in drei europäische Endspiele ein - und gewinnt eines davon, das wichtigste, 1997 gegen Juventus Turin in der UEFA Champions League.
  
Bis 1992 erleben die Besucher das Westfalenstadion 18 Jahre lang weitgehend im Originalzustand. In den folgenden 14 Jahren gibt es immer wieder einschneidende Veränderungen, fünf insgesamt. 1992 wird das Fassungsvermögen durch die Umrüstung von Steh- in Sitzplätze auf der Nordtribüne auf 42.800 Zuschauer reduziert. Im Rahmen der "Ausbaustufe eins" werden schon drei Jahre später West- und Osttribüne um einen Oberrang mit jeweils 6.000 Sitzplätzen aufgestockt. In einer zweiten Ausbaustufe kann die Kapazität 1999 auf 68.600 erhöht werden. Dabei wird die Südtribüne, das Epizentrum Dortmunder Fußballbegeisterung, auf 24.454 Plätze und somit zu Europas größter Stehplatztribüne ausgebaut. Für internationale Spiele lassen sich die Stehplätze in Sitzplätze umwandeln.
  
Am 6. Mai 2002 beginnen schließlich die Arbeiten an der Schließung und dem Ausbau der Eckbereiche. Zunächst werden im Nord- und Südbereich 15 Meter lange Bohrpfähle in die Erde gebracht und in den Ecken des späteren Treppenhauses platziert. Sie leiten die unglaubliche Last von 3.000 Tonnen pro Tribünendach auf tragfähigen Boden ab. Auf diesen Pfählen erfolgt die Fundamentierung für die Stützen und Treppenhäuser. Eine weitere hoch anspruchsvolle Ingenieurs-Aufgabe betrifft die Konstruktion der Stadionbedachung. Dabei werden die Eck-Pylone im Inneren des Stadions, die das Dach stützen und eine Sichtbehinderung für die neuen Sitzplätze im ausgebauten Eckbereich darstellen würden, durch acht außen installierte gelbe Stahlpylone ersetzt.

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Die am 13. September 2003 abgeschlossene dritte Ausbaustufe beschert nicht nur eine Erhöhung des Fassungsvermögens um rund 14.000 Zuschauer. Auch in punkto gepflegter Gastlichkeit setzt der BVB neue Maßstäbe. Mit insgesamt 3.450 Bewirtungs-Plätzen verfügt der SIGNAL IDUNA PARK auch in diesem Bereich über die größten Kapazitäten der Liga. Dennoch stimmen in Dortmund die Verhältnisse: In Relation zum Gesamtfassungsvermögen beherbergen die Gastronomiebereiche lediglich einen bescheidenen prozentualen Anteil von Besuchern.
  

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Die acht 62 Meter hohen gelben Pylone sind mittlerweile markante Ausrufezeichen in der Dortmunder Skyline. Hinzu kommen seit Dezember 2005 die bis zu 3,50 Meter hohen und von den Bundesstraßen 54 und 1 weit sichtbaren Buchstaben des neuen Namensgebers, tagsüber in schwarz sichtbar, nachts in Weiß leuchtend.
  
 Die BVB-Fans haben ihren Tempel nach dem Ausbau ohne Anlaufzeit und mit Stolz angenommen. Die fabelhaften Zuschauerrekorde der letzten Jahre sprechen eine deutliche Sprache. Ein atemberaubendes Bauwerk und phänomenale Fans - das sind die besten Voraussetzungen für viele begeisternde Fußball-Feste in der tollsten (und größten) Bude der Bundesliga, die nach WM-bedingten Umbaumaßnahmen (u.a. Entfernung der letzten Sitzschalen aus dem Jahre 1974, Rückbau der "Vortribünen") und Modernisierungen ab der Saison 2015/2016 nunmehr exakt 81.360 Zuschauern Platz bietet.
  
Nur ein einziger Fußballer sammelt in diesen 32 Jahren wirklich schlechte Erfahrungen in der "Scala" an der Strobelallee: der Braunschweiger Danilo Popivoda. Am 23. April 1977 - Würmer haben den Rasen befallen - steht Popivoda ungedeckt keine sechs Meter vor dem Borussen-Gehäuse, holt aus zum Torschuss und rutscht samt Rasen weg, der keinen Halt mehr findet in den angefressenen Wurzeln, landet auf der Nase, während der Ball vor der Linie liegen bleibt. Borussia und Braunschweig trennen sich torlos 0:0...