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„Das außergewöhnlichste Spiel im deutschen Fußball“

Generationen-Treffen

Treffen der Kapitäne: Alfred „Aki“ Schmidt, der den Pott 1963 gewann, Michael Zorc (1989) und Sebastian Kehl (2012) in einem Gespräch dreier Generationen über Titel, Thesen und Temperamente: „Wir haben in den direkten Duellen bewiesen, dass wir die Bayern schlagen können. Die Saison mit einem Titel zu beenden, wäre ein Traum.“

Aki, Du hattest das Privileg, diesen DFB-Pokal, um den es am 17. Mai wieder geht, als erster Spieler überhaupt in den Himmel recken zu dürfen.
Schmidt: Ja, das war aber auch das Einzige, was schön war an diesem Tag, denn das Spiel war gar nicht gut. Wir waren haushoher Favorit gegen den Zweitligisten aus Aachen – und es war der heißeste Tag überhaupt im Jahr 1965. Ich habe nach einem Diagonalpass von Konietzka das 1:0 gemacht…
Zorc: … ein wunderschönes Tor übrigens. Nicht umsonst trägt Aki den Beinamen „der Ballveredler“.
Schmidt (lacht): Das muss man gar nicht in Anführungszeichen setzen. Du kannst auch „Dirigent“ sagen, wenn das einfacher fällt…
Zorc (an Kehl gewandt): Die Jungs haben ihm tatsächlich immer die Kugel zugeschoben, weil er damit etwas anzufangen wusste.
Schmidt: Wir hatten halt viele Eisenfüße dabei.
Kehl (biegt sich vor Lachen)
Zorc: Ich habe mir das 65er Finale mal gemeinsam mit Josef Schneck und Norbert Dickel angeschaut, und beide fragten mich: „Ist der Videorekorder auf Zeitlupe geschaltet?“
Schmidt: Es war damals sehr heiß… Und wir waren nach den zwei schnellen Toren – Lothar Emmerich hat einen Brummer oben in den Winkel gejagt zum frühen 2:0 – der Auffassung, die hauen wir locker weg. Doch Aachen hat gekämpft, und wir haben das Spiel nur noch verwaltet. Darüber haben sich die Leute aufgeregt. Aber wir haben dann viel wieder gutgemacht auf dem Weg zum Europapokalsieg im Jahr darauf.

Sebastian, Wie fühlt es sich an, diesen Pott in den Himmel zu recken?
Kehl: Das ist ein klasse Gefühl und war im Jahr des Doubles ohnehin eine ganz besondere Geschichte. Das Finale in Berlin ist das außergewöhnlichste Spiel im deutschen Fußball.

Im Gegensatz zu Michael Zorc kennen Aki Schmidt und Du auch das Gefühl, als Verlierer vom Platz zu gehen. Gilt die Formel: Je mehr es zu gewinnen gibt, desto größer ist die Enttäuschung, wenn es nicht klappt?
Kehl: In diesem Wettbewerb gibt es nur zwei Möglichkeiten: Entweder man gewinnt ihn, oder man scheidet aus beziehungsweise verliert das Finale…
Zorc: … heutzutage wird die Niederlage dadurch noch verschärft, dass der Sieger Spalier steht für den Verlierer. Das war unangenehm für die Bayern 2012, das war unangenehm für uns im Champions-League-Finale 2013.
Schmidt: So etwas gab es zu unserer Zeit zum Glück noch nicht. Dennoch tat es weh, dass wir als Favorit gegen den HSV verloren und 1963 das Double verpasst haben. Das hätte ich Dir dann nämlich voraus gehabt, Sebastian.
Zorc: Aki ist immer schnell eifersüchtig…

1989 war Borussia Dortmund krasser Außenseiter. Welche Erinnerungen hast Du an das Spiel gegen Bremen, Michael?
Zorc: Sie sind heute noch sehr lebendig. Halb Berlin war damals schwarzgelb. Es war für den BVB das erste Mal seit 1966, seit den Zeiten von Aki Schmidt und dieser tollen Mannschaft damals, dass wir wieder einen Titel gewonnen haben. Und es war der Startschuss in eine sehr erfolgreiche Ära mit der Vizemeisterschaft 92, dem UEFA-Cup-Finale 93, den beiden Meisterschaften 95 und 96 sowie dem Champions-League-Sieg 1997.

Favorit 1965, Außenseiter 1989, auf Augenhöhe 2012. Wie ist denn die Ausgangslage für 2014?
Kehl: Die Bayern sind leichter Favorit, weil sie eine phantastische Bundesligasaison gespielt haben. Auf der anderen Seite haben wir in den direkten Duellen bewiesen, dass wir sie schlagen können. Wir haben zuletzt in München ein großartiges Spiel gemacht. Die Saison mit einem Titel zu beenden, wäre ein Traum.
Zorc: In einem Endspiel ist alles möglich, wenn sich bei uns die Personallage nicht abermals verschlechtert. Warum sollten wir nicht nochmals eine große Überraschung schaffen?
Schmidt: Wir haben gezeigt, dass wir sie schlagen können. Dieses Wissen steckt auch in den Köpfen unserer Spieler.

Wieviel Prozent macht in einem Endspiel die Unterstützung von außen aus?
Zorc: Das, was in Berlin am Endspieltag inszeniert wird, ist großes Kino. Der Stellenwert dieses Spiels ist in den letzten Jahren dramatisch gestiegen, und er ist deutlich höher als in allen anderen Nationen. Der Klub, das gesamte Umfeld, verlegt seinen Lebensmittelpunkt für zwei, drei Tage von Dortmund nach Berlin. Der Ku’damm ist schwarzgelb, du siehst überall nur Borussen. Das schafft eine ganz besondere Atmosphäre, die natürlich auch die Spieler mitkriegen, und die sie beflügelt.

Setzt Ihr auf den zwölften Mann, Sebastian?
Kehl: Den haben wir immer an Bord. Dieses Mal sind unsere Fans auf der anderen Seite im Olympiastadion. Ich habe schon gehört, dass es eine besondere Choreographie geben wird. Wir freuen uns darauf, in dieses Stadion einzulaufen und eine Kurve in Schwarz und Gelb zu sehen. Es wird ein spektakuläres Spiel, begleitet von einer ganz speziellen Atmosphäre in einem ganz tollen Rahmen. Beide Mannschaften sind heiß darauf, dieses Spiel zu gewinnen. Denn es geht um mehr als nur um den Titel.

Borussia Dortmund erlebt derzeit die konstanteste Phase der Klubgeschichte mit zwei ersten und zwei zweiten Plätzen in den letzten vier Jahren, dazu zwei Pokal-Endspielen und dem Champions-League-Finale. Was bedeutet das für die Verantwortlichen?
Zorc: Wir schreiben eine Erfolgsstory erster Güte. Und es ist unser Auftrag nach diesen wunderbaren Jahren, die kaum zu toppen sind, dieses Leistungsvermögen auf sehr hohem Niveau zu verstetigen. Wir wollen auch 2014/15 zur Bundesligaspitze zählen, und wir wollen unsere Visitenkarte permanent in Europa abgeben, auch im Frühjahr 2015 international dabei sein.
Kehl: Wir sind im dritten Jahr hintereinander in einem großen Finale. Das ist eine berauschende Geschichte für die Mannschaft und für den Verein.

Aki, wärst Du gern Mitglied der heutigen Fußballergeneration?
Schmidt: Ganz klar, weil die Rahmenbedingungen ganz andere sind. Zu meiner Zeit wurde zwar teilweise auch zwei Mal am Tag trainiert, aber vor Gründung der Bundesliga gingen wir auch noch anderen Beschäftigungen nach. Und dennoch tanzten wir auf drei Hochzeiten: in der Liga, im Europapokal, in der Nationalmannschaft. Wir hatten damals eine Mannschaft, die sehr weit war in ihrer Entwicklung, international hat uns nur Inter Mailand, die dann auch den Weltpokal gewannen, die Grenzen aufgezeigt. Leider hat der damalige Vorstand die Entwicklung zu mehr Professionalität verschlafen. Heute ist der Klub ganz anders aufgestellt.

Sebastian, von Dir ist bekannt, dass Du nicht abgeneigt wärst, eine Zeitmaschine zu besteigen, wenn es sie denn gäbe. Wäre es für Dich reizvoll gewesen, als defensiver Mittelfeldspieler Aki Schmidt den Rücken freizuhalten?
Zorc (fällt ins Wort): Sebastian zählt sicher zu den laufstärksten Spielern unserer Mannschaft, aber selbst er könnte nicht die Löcher stopfen, die Aki gerissen hat…
Kehl (schmunzelt): Ich hätte das wirklich gern mal live erlebt.

Euer Tipp fürs Endspiel?
Zorc: Wenn wir schonmal da sind, wollen wir auch gewinnen.
Kehl: 2:1 nach Verlängerung.
Schmidt: 6:5 nach Elfmeterschießen.
Interview: Boris Rupert

 

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16.05.2014 09:37
Ulf Kullmann