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EVONIK WORTSPORT

Die Literatur-Kolumne von EVONIK

DIE GESCHICHTE DER NULL – Ein Kai-Falke-Trivialroman

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Die DFB-Autorennationalmannschaft ist die Nationalelf der Schriftsteller. Im Jahr 2010 wurde sie Europameister - mit einem Finalsieg im Stadion Rote Erde. In dieser Saison begleitet sie alle Heimspiele des BVB in literarischer Form. Heute: Andreas Merkel über das Spiel Borussia Dortmund gegen den 1. FC Köln (14.03.2015). Für seinen Wortsport-Beitrag erinnert er sich an „Kai Falke“, einen Comic-Helden seiner Jugend, der als Fußball-Profi in Köln und Barcelona spielte – aber leider nie in Dortmund, wie für den vorliegenden Beitrag exklusiv hinzuerfunden. 

(Die Kolumne spiegelt nur die Meinung des Autors, aber nicht zwangsläufig die des BVB wider.)

DIE GESCHICHTE DER NULL – Ein Kai-Falke-Trivialroman

Kai Falke hat zwei Leidenschaften in seinem Profi-Leben: Fußball und die Literatur. Wirklich Fußball? Ja, er hat ihn in Dortmund gelernt, wo sein Vater in den 80ern Torwarttrainer der Amateure gewesen war, so dass es Kai Falke umgehend in den Sturm zog. Mit 18 ging er zum 1.FC Köln. Es folgte ein kurzes Gastspiel in der Premier League (bei Crystal Palace), bevor die Talent-Scouts von Hertha ihn zurück nach Deutschland holten, wo er in der vergangenen Winterpause mehr oder weniger spektakulär zum BVB „heimkehrte“ (Ruhr Nachrichten). Kai Falke ist immer noch Anfang 30 und topfit, sein graumeliertes dichtes Haar sowie die majestätische Adlernase lassen ihn ein klein wenig intelligenter wirken als er (trotz seines Literatur-Faibles) tatsächlich sein könnte. Aber auf dem Platz interpretiert er die falsche Neun ebenso gut wie den echten Sechser und ist damit ein Routinier der zweiten Reihe, wie ihn jede Mannschaft gut gebrauchen kann. Von Ferne sieht er aus wie eine gut gealterte Mischung aus George Clooney, Big Jeff und Andrea Pirlo, seinem aktuell leider verletzten Lieblingsspieler aus der Seria A. Und wenn im Sommer keine WM oder EM ist, führt Kai Falkes Fussball-Leidenschaft dazu, dass er mit bemerkenswerter Aufmerksamkeit Frauenfussball auf Eurosport guckt (… keine Ahnung wieso, das Spiel hat für ihn dort, bei den Frauen, etwas Unschuldiges, Ursprüngliches bewahrt, über das er gar nicht länger nachzudenken braucht).

Aber Kai Falke und die Literatur … – jetzt mal im Ernst: die ganze Literatur? Ja, Kai Falke liest tatsächlich alles, was ihm vor die Flinte kommt: Lyrik mit merkwürdigen Metaphern, lakonische Comicstrips, brillante Essays, kurze historische Romane, gutgemalte Graphic Novels fallen ihm spontan ein. Nur mit den grossen Dramatikern des deutschen Gegenwarts-Theaters (Ostermaier, Brecht, Rinke usw.) wird er nicht richtig warm, was er diesen aber selbst nicht vorwerfen mag, wenn er die Rezensionen ihrer neuesten Inszenierungen mit distanziertem Wohlwollen in den Feuilletons der großen überregionalen Tageszeitungen überfliegt, wie er es sich im Rahmen seiner Bücher-Sucht angewöhnt hat … - Egal: Dann schon lieber Drehbücher! Im Trainingslager lädt er sich die von movie-script.tv auf sein iPad runter (interessanterweise geht Kai Falke nicht gern ins Kino, ja, er teilt noch nicht mal die Vorliebe vieler Mannschaftskollegen für so grossartige Serien wie How I Met Your Mother oder so).

Seine Freundin Laura liebt Kai Falke natürlich auch. Laura modelt nebenher und studiert in Bayreuth Sportmanagement. Die beiden führen eine moderne, aber harmonische Fernbeziehung. Mit seinem Beruf oder seiner Leidenschaft für Fußball hat Laura auch überhaupt kein Problem. Im Gegenteil: Sie mag die anderen Spielerfrauen, und sie kann sich Fußballspiele mit einer Geisteshaltung anschauen, die derjenigen ähnelt, mit der man beim Yoga in einer langen Entspannungsphase ausatmet. Lediglich gelegentlich fürchtet Laura, dass hinter Kai Falkes Begeisterung für Literatur vielleicht etwas anderes stecken könnte: irgendeine diffuse Unzufriedenheit mit ihr oder mit seinem Leben. Etwas, das ihn antreibt, all das Zeug zu lesen (allein schon der halbe Winter, in dem sich Kai Falke in das mysteriöse „2666“ von Roberto Bolaño, diesem Exil-Chilenen, versenkte und mit ihr gelegentlich über Frauenmorde in Mexiko reden wollte, war der Horror). Aber auch hier wiederum: egal, das war in Berlin gewesen, wo sie an trainingsfreien Tagen ein anderes Leben geführt hatten – in Cafés und tollen asiatischen Restaurants und keinen Kinos. Vielleicht würde in Dortmund jetzt alles anders werden?!

Seine Berater Roy Renger und Chris Wells hatten ihn in der Winterpause hellsichtig zum BVB vermitteln können, nachdem in der Hauptstadt bereits intern klar war, dass die Stimmung unter Luhukay immer schlechter wurde (aber, hatte sich Kai Falke in dieser Phase gefragt, warum war eigentlich intern immer alles klar, und nach außen so gut wie gar nichts? War es – im Leben wie in der Literatur – nicht genau andersrum?!). Die gewieften Renger und Wells, alte Freunde aus gemeinsam verbrachten Jugendtagen, hatten ihm noch mal ein gutes Salär rausgehandelt und ihn gleichzeitig schonend darauf vorbereitet, was ohnehin jedem – und diesmal eben nicht nur intern – klar war: Kai Falkes Einsatzzeiten beim BVB würden sehr begrenzt sein, um mal ekelhaftere Formulierungen wie „zweiter“ oder gar „dritter Anzug“ zu vermeiden. Das war jedoch für den für seinen Realismus geschätzten Kai Falke im Frühherbst seiner Karriere absolut kein Problem. Er bezog ein (bezahlbares) Penthouse in der Dortmunder Innenstadt, leaste sich einen roten Sportwagen und fand auf Anhieb durch einen Tipp von Marcel Schmelzer, seinem neuen besten Kumpel, sofort einen neuen Lieblingsitaliener („Da Marco“). Laura hatte ein Praktikums-Semester und jobbte bei Evonik, dem sympathischen BVB-Partner. Das Leben war gut, es war März.

Am trainingsfreien Donnerstag gönnte Kai Falke sich eine Spritztour nach Leipzig und düste mit seinem roten Sportwagen zur Buchmesse, wo er sich sehr über den Buchpreis für seinen Lieblingslyriker Jan Wagner freute. Und Laura freute sich auch, weil er abends rechtzeitig zur Premiere des Musicals „Mamma Mia“ in Oberhausen zurück war, wo sie in der Pause sogar Roman Weidenfeller mit Freundin trafen. Und am Sonnabend ging es im Abendspiel des Spieltages, im sogenannten „Spiel der Woche“, gegen die Domstädter, Kai Falkes alte Mannschaft, an die er ausnehmend gute Erinnerungen hatte. Bei der Abschlussbesprechung im Mannschaftshotel teilte der Co-Trainer ihm sogar mit, dass Kai Falke nicht nur im Aufgebot stehe, sondern sich auch bereit halten solle, vielleicht werde er eingewechselt, da er gegen seinen alten Klub ja bestimmt besonders motiviert sein würde und weil es ja bereits am Mittwoch gegen Juventus gehe, da müsse am morgigen Sonnabend sowieso rotiert werden…

Der Rest ist schnell erzählt, ohne auch nur im Geringsten zu langweilen (oder Kai Falke etwas auszumachen). Der Spieltag war ein nieseliger Sonnabend, der daraufhin umso toller im Flutlicht des Stadions erleuchtet wurde. Kai Falke genoss das Aufwärmen mit den Kollegen und fühlte sich topfit, als er anschließend im Trainingsanzug auf der angenehm beheizten Teambank Platz nehmen durfte.

Die Stimmung war toll: die BVB-Fans sowieso, aber auch die FC-Leute mit ihrer angenehmen Art, sich über kleine Aktionen zu freuen (eine Grätsche von Maroh, Ujahs Laufwege, die Parade von Timo Horn…). Auch Kai Falkes eigene Mannschaft war völlig okay, gegen dieses schwierig zu spielende Auswärts-Team, dem es einfach scheissegal war, wieviel Ballbesitz man hatte. Kai Falke war Profi genug, um mit seiner Ersatzbank-Situation fertig zu werden und die spielenden Kollegen auch bei Fehlern nicht abzuurteilen. In der zweiten Halbzeit wurde er zum Aufwärmen geschickt und war jetzt ganz nah dran. Er machte ein paar Sprints, dehnte sich und guckte zwischendurch mit kerzengerader Haltung und seiner Feldherren-Nase aufs das Spiel. Kai Falke vermittelte jedem, der ihn sah, einen souveränen Eindruck. Er hatte einfach diese Aura, die sich mit Fußball oder Literatur alleine nicht erklären ließ, als ihm klar wurde, dass es vermutlich auf eine klassische Nullnummer hinauslaufen und er vermutlich heute nicht mehr eingewechselt werden würde. Absolut nicht schlimm, am Mittwoch kam ja schon Juventus. Und so würde es immer weitergehen!

von Andreas Merkel

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Andreas Merkel

Andreas Merkel, Jahrgang 1970, lebt in Berlin, arbeitet als Literaturkritiker für das Magazin „Interview“ und twittert unter @americandenken. Als Autor der Romane „Große Ferien“ und „Das perfekte Ende“ hat sich das eingetragene Mitglied des 1.FC Köln für die Position des Stammkeepers in der Autoren-Nationalmannschaft empfohlen. Für seinen Wortsport-Beitrag erinnert er sich nach einem hochzufrieden verfolgten 0:0-Spiel vom FC beim BVB an „Kai Falke“, einen Comic-Helden seiner Jugend, der als Fußball-Profi in Köln und Barcelona spielte – aber leider nie in Dortmund, wie für den vorliegenden Beitrag exklusiv hinzuerfunden. Merkels Moment für die Ewigkeit: die gesamten Achtziger hindurch die ewige Wiederkehr desselben Gefühls, mit dem man sonnabends nach der gemeinsam geguckten Sportschau rausgeht in die wie leergefegten Strassen einer norddeutschen Kleinstadt: Nach dem Fussball – wohin jetzt?!  

    

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Evonik Industries, Hauptsponsor von Borussia Dortmund, gehört zu den führenden Spezialchemie-Unternehmen der Welt. Während der BVB mit überraschenden Ideen den Weg zum Tor findet, entwickeln wir innovative Lösungen für unsere Kunden. Und geben dabei Antworten auf die Megatrends Gesundheit, Ernährung, Ressourceneffizienz und Globalisierung. Für Evonik und Borussia Dortmund gilt: Kreativität macht den Unterschied. Die Fähigkeit, im Labor wie auf dem Platz immer wieder neue Verbindungen herzustellen, entscheidet über unseren Erfolg. Daher haben wir die Kolumne „Evonik Wortsport“ ins Leben gerufen – sie verspricht eine Saison lang immer neue, überraschende Kombinationen von Fußball und Literatur.

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