Derby 156 geht als höchster schwarzgelber Sieg seit 1966 in die Geschichte ein – noch viel mehr aber als das ungewöhnlichste Derby überhaupt. „Das Erlebnis eines Geisterspiels war surreal. Aber damit muss man sich auseinandersetzen, solange es keine Alternativen gibt“, sagte Hans-Joachim Watzke in einem Telefon-Interview mit den Ruhr Nachrichten.

Auch Lars Ricken war mit „gemischten Gefühlen“ ins Derby gegangen. Nach den sportlich unterhaltsamen 90 Minuten bilanzierte er im BVB-Netradio: „Es war fußballerisch eine tolle Werbung für die Bundesliga und auch für den BVB. Die halbe Sport-Welt hat zugeschaut.“ Sie sah hervorragend herausgespielte Treffer durch Erling Haaland, Raphael Guerreiro, Thorgan Hazard und nochmals Guerreiro zum klaren 4:0-Erfolg, der nur kurzzeitig gefährdet war. Schalke hatte die Chance zum 0:1, doch Torhüter Roman Bürki parierte stark mit dem Fuß.

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„Es war nichts anderes als das Spiel, wie wir es früher als Kinder gespielt haben. Ohne Zuschauer, einfach Spaß haben. Das hat man der Mannschaft angemerkt“, meinte der Schweizer Schlussmann hinterher. Das Spiel „wie früher als Kind“ hatte Julian Brandt schon Tage vor dem Anpfiff in den Fokus gerückt. Er selbst setzte es perfekt um, war an allen vier Treffern beteiligt: Zweimal kam von ihm der letzte, zweimal der vorletzte Pass zum Torerfolg. „Man versucht, in so einer Situation seinen Spaß zu finden. Den hatten wir teilweise. Und was gibt es Schöneres, als mit einem Sieg wieder einzusteigen? Wir haben es gut gemacht, auch wenn es nicht perfekt war. Für das erste Spiel nach so langer Zeit fand ich es gut. Darauf können wir aufbauen.“ Mit ihm schafften vier weitere Schwarzgelbe den Sprung in die Kicker-Elf des Tages.

Auch ohne die Unterstützung der Fans baute die Borussia ihre Heimserie weiter aus. In den bisherigen 13 Partien im Signal Iduna Park erzielte der BVB 45 Tore. Das entspricht einem Durchschnitt von annähernd 3,5 Treffern pro Begegnung. Ungeschlagen ist die Mannschaft in der Festung an der Strobelallee und bleibt in der Meisterschaft dran am FC Bayern, der am Sonntagabend durch ein 2:0 bei Union Berlin den Vier-Punkte-Abstand an der Tabellenspitze bewahren konnte. Mit dem Auftritt war Michael Zorc sehr zufrieden („Auf den Punkt eine sehr gute Leistung“), zumal sechs Spieler – Reus, Sancho, Witsel, Can, Zagadou, Schulz – fehlten und obendrein Gio Reyna kurzfristig passen musste. Zorc betonte aber noch deutlicher: „Ein Derby ohne Zuschauer, da blutet einem das Herz.“

Das spürte auch die Mannschaft. Spontan war die Geste nach dem Schlusspfiff, so wie sonst, so wie es sein müsste, auf die Südtribüne zuzulaufen – die am Samstag und mindestens bis Saisonende jedoch menschenleer bleibt. Ein Monument aus Beton und Stahl. „Es war eine spontane Idee, nicht geplant, nicht zuvor besprochen“, sagte Brandt. „Damit hat die Mannschaft all unseren Fans, die am Fernseher geschaut haben, noch einmal applaudiert“, erklärte Sebastian Kehl. Über zehn Millionen TV-Zuschauer verzeichneten Sky, ARD und ZDF allein bei den sechs Samstagpartien.

„Viele Menschen staunen über die Bundesliga und die deutsche Politik, die den Mut hatte, die Rückkehr in den Spielbetrieb auf Basis eines detaillierten Konzeptes zu ermöglichen. Der UEFA-Präsident hat zum reibungslosen Ablauf gratuliert, die Engländer haben unsere Partien übertragen und große Zeitfenster dafür genutzt, die Liga war am Sonntag auf den Titelseiten der vier spanischen Sportzeitungen“, bilanzierte BVB-Chef Hans-Joachim Watzke im Gespräch mit den Ruhr Nachrichten

Die Erleichterung über den geglückten Start ist da. Internationale Medien sehen in ihm einen Türöffner. „Psychologisch und symbolisch war das ein großer Moment. Es gibt nun ein Modell, dem der Rest Europas folgen kann“, schreibt das US-Magazin Sports Illustrated: „Als Spektakel mag es nicht perfekt sein, aber es ist das, was wir haben. Mit oder ohne Fans, Fußball ist Fußball.“ In den Niederlanden konstatierte De Volkskrant: „Es mag ein Ersatz ohne Zuschauer sein, aber Ersatz ist besser als nichts.“

Ein Anfang jedenfalls. Hans-Joachim Watzke sagt: „Froh bin ich erst dann wieder, wenn wir wieder vor unseren Fans spielen können. Ohne sie – das schmerzt.“
Boris Rupert