Dass er das wichtigste Tor der Vereinsgeschichte geschossen hat, wird ihm erst 2009 bewusst, als sein 3:1 gegen Juventus zum „Jahrhundert-Tor“ von Borussia Dortmund gewählt wird. Erzielt am 28. Mai 1997 im Endspiel um die UEFA Champions League. Lars Ricken – heute Geschäftsführer Sport – erinnert sich. An die Tage vor dem Spiel. An den Moment der Einwechslung. An sein Tor. An das, was danach auf ihn einprasselte.

Das größte Spiel der Vereinsgeschichte steht an. Doch die Vorfreude ist getrübt. Mit der Niederlage am vorletzten Spieltag der Bundesliga-Saison in Hamburg hat sich die Mannschaft der letzten Möglichkeit beraubt, über die Liga erneut die Zulassung für die lukrative Champions League zu erlangen. Dass die Einnahmen aus diesem Wettbewerb wiederum dringend nötig sind, kommt unmittelbar vor dem Finale ans Licht der Öffentlichkeit. Lars Ricken erinnert sich anlässlich des 25. Jubiläums im Mitgliedermagazin Borussia an diese Tage.

„Es war nicht so, dass wir in Hamburg mit aller Macht gewinnen wollten. Tatsächlich wollte sich einfach keiner verletzen. Uns war bewusst, dass wir im kommenden Jahr nicht in der Champions League spielen würden, wenn wir das Finale nicht gewinnen. Es war insgesamt keine einfache Zeit. Es gab eine gewisse Grüppchenbildung. Ich hatte das Glück, 19 Jahre alt zu sein und habe mich mit den Dingen gar nicht groß beschäftigt. Diese Mannschaft war geprägt von Erfolgen. Und der Reiz auf Erfolg hielt sie zusammen. Die totale Fokussierung lag darauf, diesen Titel zu gewinnen. Es war kein Zweifel zu spüren. Sechs Spieler waren im Sommer zuvor Europameister geworden. In Reuter und Kohler hatten wir die erfolgreichsten deutschen Spieler der 90er-Jahre. Alle anderen waren ebenfalls mit Titeln dekoriert. Paulo Sousa hatte im Jahr davor mit Juve die Champions League gewonnen. Von der Stimmung um uns herum haben wir wenig mitbekommen. Wir waren abgeschottet. 2013 in Wembley, als ich quasi als Fan in London war, habe ich die Stimmung viel intensiver wahrgenommen, auch weil ich am Abend vorher in der Stadt war, weil ich die letzten Meter zu Fuß zum Stadion gegangen bin.“ 

1997 ist Ricken 19 Jahre jung – und beim Bund. Nachschubausbildungskompanie in Ahlen (Westfalen). Der junge Mann, der am 28. Mai 97 das Jahrhunderttor für Borussia Dortmund schießt, pendelt zwischen Kaserne und Trainingsplatz und hat vor dem Finale „andere Themen“, wie er lachend erzählt.  

„Schon fürs Viertel- und Halbfinale brauchte ich Sonderurlaub von der Bundeswehr. Die waren gar nicht so begeistert. Und mein Hauptfeldwebel war Schalker. Um das Finale spielen zu können, brauchte ich vier Tage frei. Am Wochenende vorher hatte ich aber vergessen, meinen Spind abzuschließen. Da war meine Gewehrkarte drin. Theoretisch hätte jemand damit mein Gewehr holen und jemand anderen erschießen können. Dafür wollte man mich für drei Tage ins Militärgefängnis stecken. Ich musste aber leider sagen: ‚Geht nicht, wir spielen gegen Juve in der Champions League.‘ Stattdessen musste ich dann später ein paar Nachtdienste übernehmen.“

Anlässlich des 25. Jubiläums kehrt Ricken im Frühjahr 2022 ins Münchner Olympiastadion zurück. Er lässt zunächst versonnen den Blick schweifen und die Eindrücke dieser zeitlos-eleganten Spielstätte mit dem markanten Zeltdach auf sich wirken. Die Erinnerungen sind sofort wieder da. In erster Linie sind es die an die Momente vor dem Spiel.

„Wo sind die 25 Jahre hin? Es fühlt sich ganz weit weg an. Und mit einem Schlag ist es wieder ganz nah, als wäre es mehr oder weniger gestern passiert. Erinnerungen kommen hoch, nicht unbedingt an mein Tor und an die Feierlichkeiten danach. Es sind insbesondere die Bilder vor dem Spiel. Unsere Fans, das schwarzgelbe Fahnenmeer, gegenüber das Weiß der Italiener. Wir waren voller Selbstbewusstsein. Das wird unser Tag. Das Gefühl hatten alle: Fans und Spieler. Wir werden hier nach dem Spiel feiern! Für mich persönlich war es insofern eine kuriose Situation, weil ich es tatsächlich nie geschafft habe, mit Borussia Dortmund hier in diesem Stadion gegen Bayern München zu gewinnen. Ich habe allerdings in deren Kabine zwei meiner größten Erfolge gefeiert: 1997 die Champions League, und 1996 sind wir nach dem 2:2 gegen 1860 München hier Deutscher Meister geworden.“

Am Vorabend hat Ottmar Hitzfeld seinen jungen Helden an die Seite genommen und ihm erklärt, warum er ihn zunächst auf die Bank setzt. Dort studiert Ricken die Bewegungsmuster von Juve-Schlussmann Angelo Peruzzi und hat einen klaren Plan, als er in der 70. Spielminute für Stéphane Chapuisat eingewechselt wird...

„Natürlich war ich ein bisschen enttäuscht, weil ich ja gegen Manchester und gegen Auxerre jeweils das 1:0 geschossen hatte. Aber ich war nicht grummelig oder gar sauer, dass er mich auf die Bank gesetzt hat. Das war einfach die große Stärke von Ottmar Hitzfeld. Er hat mir erklärt, warum ich nicht spiele, dass er mich aber auf jeden Fall irgendwann im Laufe des Spiels brauchen wird. Denn zu jedem Zeitpunkt wäre ein Tor notwendig gewesen. Entweder, weil wir knapp in Führung liegen, oder weil wir einen Rückstand aufholen müssen. Viele Spiele auf dem Niveau entscheiden sich vor dem Hintergrund: Was kannst du noch von der Bank bringen? Ich habe versucht, den anderen ein wirklich gutes Gefühl zu geben und wusste, irgendwann komme ich rein. Und auf diesen Moment wollte ich so gut wie möglich vorbereitet sein. Von der Bank aus habe ich gesehen, dass Peruzzi die ganze Zeit extrem weit vor dem Tor stand und bin mit dem Gedanken ins Spiel gegangen: Wenn du einen Ball bekommst, schieß ihn sofort aufs Tor. Wahnsinn, dass sich die Situation dann genau so entwickelt hat, dass es tatsächlich die beste aller Möglichkeiten war, es so zu machen. Und sie kam nur deshalb zustande, weil sich mein Gegenspieler von mir löst und stattdessen Andy angreifen will. Wenn er das nicht macht, passiert das Tor nicht! Möller war so ein toller Kicker. Er hat die Situation sofort erkannt und gesehen, dass hinter meinem Gegenspieler der gesamte Raum frei ist. Ich habe in der Champions League extrem von Andy profitiert. Er hat nicht nur das Tor vorbereitet. Er hat sowohl mein 1:0 im Halbfinale in Manchester mit einem ähnlich genialen Pass als auch mein 1:0 im Viertelfinale in Auxerre eingeleitet.“

Endlos lang zieht sich die Nachspielzeit. Und für Ricken ist das Spiel nach dem Schlusspfiff lang noch nicht beendet. Der 19-Jährige absolviert einen Interview-Marathon. Als er dann zurück ist in der Kabine, ist diese schon fast halbleer.

„Da war jetzt keine große Party. Alle saßen auf den Bänken, waren auch ein bisschen erledigt von diesem intensiven Kampf. Juve hat uns ganz schön gescheucht. Wir haben zusammen ein Bierchen getrunken, den Moment genossen, ohne komplett auszurasten. Das Gefühl, es geschafft zu haben, war einfach cool. Ein Stück weit war auch Erleichterung dabei. Und dann wurde ich auch sofort wieder rausgeholt, weil ich zur Pressekonferenz musste. Als ich dann wieder hier drin war, war keiner mehr da. Ich bin kurz ins Entmüdungsbecken gesprungen, weil man das eben so macht. Letztlich habe ich mich aber sehr beeilt, damit die anderen im Bus nicht mosern, wann wir endlich abfahren können.“
Boris Rupert