Der 4. Dezember 1963 ist einer der größten Tage in der Geschichte von Borussia Dortmund. Im Achtelfinal-Rückspiel des Europapokals der Landesmeister schoss der BVB den portugiesischen Meister und amtierenden Titelträger Benfica Lissabon mit 5:0 aus dem Stadion Rote Erde.

Einen Monat zuvor, am 3. November 1963, war die Equipe des BVB Richtung Süden gestartet, zu einem, wie Experten meinten, aussichtslosen Unternehmen in Sachen Europapokal. Benfica hieß der Gegner, Europacupsieger 1961 mit einem mitreißenden 5:3 gegen den eindeutigen Favoriten Real, mit den Weltklassespielern Puskas, Gento und di Stefano. Benfica wiederholte den Erfolg ein Jahr später mit dem Wunderknaben Eusebio. Und nun diese Deutschen als nächstes „Opfer“ der portugiesischen Fußballkünstler?

Borussias Spielmacher Alfred „Aki“ Schmidt kam aus Stockholm nachgereist, wo die deutsche Nationalmannschaft ihre traditionelle Niederlage bezogen hatte. 1:2 war es ausgegangen, und ein ähnliches Ergebnis wünschten sich Trainer Hermann Eppenhoff und seine Spieler in Lissabon.

Und so sollte es denn auch werden. Allerdings sah der Pilot der DC 8 die Dinge etwas anders. Beim Rückflug begrüßte er seine Passagiere: „Guten Morgen, meine Damen und Herren. An Bord befindet sich auch die Mannschaft von Borussia Dortmund, der wir zu dem großen 2:1-Sieg gegen Benfica Lissabon herzlich gratulieren.“ Ein Fußballfachmann schien er nicht gerade zu sein, eher schon ein Hellseher. Doch die Borussen konnten auch mit dem Ergebnis leben, das 1:2 gegen Portugals Meister ließ hoffen.

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Dann kam der 4. Dezember 1963, ein Tag, den Dortmunds Fans ebenso wenig vergessen werden wie die restlos enttäuschten Spieler des Trainers Lajos Czeisler. Der gab sich vorher siegessicher: „Wir erreichen die nächste Runde, wenn es sein muss, auch in einem dritten Spiel in Bordeaux.“ Dazu kam es freilich nicht.

Im Hinspiel hatte Eppenhoff noch vor der Wahl gestanden, Cyliax eventuell als Mittelstürmer auszustellen. Diese Position musste seit dem Transfer von „Charly“ Schütz nach Italien neu besetzt werden, keine leichte Aufgabe. Doch Gerd Cyliax fiel wegen einer Bauchmuskelentzündung aus. Also kam Franz Brungs zum Zuge, der von Mönchengladbach gekommen war. Er wurde vor allem im Rückspiel zur großen Entdeckung. Brungs lieferte eine Mittelstürmerpartie, wie sie die Kampfbahn Rote Erde lange nicht erlebt hatte.

Aber die Borussen mussten sich bis zur 33. Minute gedulden, dann markierte Timo Konietzka, der damals noch Friedhelm hieß, endlich das 1:0, nachdem Emmerich und Wosab nur Latte und Pfosten getroffen hatten. Und nun vollzog sich ein Debakel, wie es Benfica noch nie erlebt hatte. In der 35. und 37. Minute hatte „Goldköpfchen“ Brungs den portugiesischen Meister mit 3:0 schon ausgebootet.

Und kaum war es weitergegangen, schon hatte Brungs das Werk der Demontage für Europas beste Mannschaft vollendet, 4:0 hieß es durch einen weiteren Kopfball des quicklebendigen Mittelstürmers, den der Gegner ebenso wenig in den Griff bekam wie Wosab, Schmidt, Konietzka und Emmerich. In der 58. Minute das 5:0 durch Wosab, und damit sollte es für diesen Tag genug sein.

Und endlich stand hinter diesem Quintett wieder eine Abwehr, auf die Verlass war. Wenn es Bedenken gegeben hatte, dass Willi Burgsmüller mit dem trickreichen, pfeilschnellen Simoes nicht fertig werden würde, oder Augusto Theo Redder davonlaufen könnte, so wurden diese schon nach wenigen Augenblicken ausgeräumt. Vom Benfica-Sturm war nichts zu sehen, so dass Hans Tilkowski, im Gegensatz zum Hinspiel, einen geruhsamen Abend verleben konnte.

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Als ruhender Pol erwies sich Lothar Geisler, er vertrat den verletzten Wolfgang Paul. Geisler betätigte sich nicht nur als Ausputzer, er wurde darüber hinaus zum Organisator der Deckung. „Hoppy“ Kurrat und Willi Sturm vervollständigten eine Mannschaft, bei der an diesem denkwürdigen Abend alles zusammenpasste.

Es war müßig zu fragen, ob Benfica mit Eusebio, der wegen einer Verletzung nur Zuschauer war, eine Chance gehabt hätte. Eusebio dazu: „Borussia hat so gut gespielt wie wir in unserer besten Zeit.“ Später, beim Bankett im „Römischen Kaiser“, brachte er „Ein dreimal Hoch auf Borussia“ aus. Und Lajos Czeisler zollte dem Gegner Hochachtung: „In dieser Form zählt Borussia zur europäischen Elite. Ich traue der Mannschaft zu, dass sie im Europacup noch weit kommen kann.“ Was sich schließlich auch bewahrheiten sollte – bis zum Halbfinale gegen den späteren Europapokalsieger Inter Mailand.

Selbst Sepp Herberger zeigte sich beeindruckt: „Ein ganz großartiges Spiel der Dortmunder.“ Der Bundestrainer verabschiedete sich von jedem Spieler per Handschlag, nur bei einem hielt er sich ein paar Augenblicke länger auf, bei Hans Tilkowski, der ihm seit der WM 1962 in Chile gram war, weil damals der „Flieger“ Fahrian den Vorzug erhalten hatte: „Hier wollen wir nicht darüber reden, Hans, ich rufe dich mal an.“ Damit war das Comeback als Nationaltorwart eingeleitet.

Borussia hatte ein Gesetz durchbrochen, nach dem Vertreter des Deutschen Fußball-Bundes im Europacup immer an Vereinen von der Iberischen Halbinsel gescheitert waren: Schalke 04 1958/59 an Atletico Madrid, Eintracht Frankfurt ein Jahr danach im Finale an Real Madrid, der Hamburger SV an FC Barcelona, der 1. FC Nürnberg mit einem 0:6 (!) an Benfica, und schließlich Werder Bremen an Atletico.
Alfred Heymann

TEAMS & TORE

4. Dezember 1963
Europapokal der Landesmeister, Achtelfinale

Borussia Dortmund – Benfica Lissabon 5:0 (3:0)

Stadion Rote Erde (Dortmund)
Zuschauer: 42.000
Schiedsrichter: McCabe (England)

Borussia Dortmund: Hans Tilkowski, Wilhelm Burgsmüller, Theodor Redder, Dieter Kurrat, Lothar Geisler, Wilhelm Sturm, Reinhold Wosab, Alfred Schmidt, Franz Brungs, Friedhelm Konietzka, Lothar Emmerich
Benfica Lissabon: Rita, Cavem, Cruz, Coluna, Luciano, Humberto, Augusto, Santana, Yauca, Serafim, Simoes
Tore: 1:0 Konietzka (34.), 2:0 Brungs (35.), 3:0 Brungs (36.), 4:0 Brungs (47.), 5:0 Wosab (59.)

DER AUTOR

Alfred Heymann war von 1958 bis 1982 Leiter der Sportredaktion der Westfälischen Rundschau und langjähriger Wegbegleiter des BVB. Er berichtete dabei unter anderem von den fünf Endspielen um die Deutsche Meisterschaft und als Höhepunkt vom Gewinn des Europapokals der Pokalsieger am 5. Mai 1966 im Hampden Park in Glasgow, als der BVB den FC Liverpool mit 2:1 nach Verlängerung bezwang. Der am 27. September 1923 geborene „Dorstfelder Junge“, der freundschaftliche Beziehungen zu den Alt-Borussen um Lothar Emmerich pflegte, war auch nach seiner Pensionierung regelmäßiger Gast auf der Pressetribüne. Sein Fachwissen und seine nette, stets freundliche Art wurden von allen geschätzt, die mit ihm zusammenarbeiten durften. Im Januar 2007 erlag Alfred Heymann im Alter von 83 Jahren den Folgen einer langen und schweren Krankheit.