Heute vor 50 Jahren, am 5. Mai 1966, schrieb Borussia Dortmund Fußball-Geschichte. Als erste deutsche Mannschaft gewann der BVB einen Europapokal. Die Elf um Kapitän Wolfgang Paul triumphierte im Pokalsieger-Wettbewerb mit 2:1 nach Verlängerung über den FC Liverpool. Siggi Held und Stan Libuda mit seinem unvergesslichen Treffer in der 107. Minute machten den Triumph perfekt.

Über 40 Millionen Zuschauer an den Fernsehschirmen, aber nur 42.000 in der großen, 135.000 Besucher fassenden Betonschüssel – Borussias Kassierer hatte sich deutlich mehr erhofft, doch von den neutralen Zuschauern aus der schottischen Hauptstadt verirrten sich nur wenige ins Stadion – sahen eine der größten Sensationen im europäischen Fußball bis dahin überhaupt. Zwar hatte der BVB als Deutscher Pokalsieger von 1965 nach Siegen über Floriana La Valetta (Malta) und ZSKA Sofia für Ausrufezeichen gesorgt, als er zum einen im Viertelfinale die Serie von zuvor 17 Heimsiegen auf europäischem Terrain von Atletico Madrid beendete (1:1 in Spanien, 1:0 in Dortmund), zum anderen Titelverteidiger West Ham United im Halbfinale ausschaltete und zugleich für den ersten Sieg einer deutschen Mannschaft überhaupt auf englischem Boden sorgte (2:1).

Doch der Gegner im Finale schien übermächtig.

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Bill Shankly hatte beim FC Liverpool ein großartiges Team aufgebaut und war davon überzeugt, Europas beste Vereinsmannschaft zu trainieren, zumindest aber Englands beste Elf. Er scheute auch nie den Vergleich mit der Nationalelf, die im gleichen Jahr Weltmeister werden würde. „Es gibt nur zwei gute Mannschaften in England“, pflegte er zu sagen, „das sind unsere erste Mannschaft und unsere Reserve.“ Und über den Gegner hatte er geringschätzig gesagt: „Borussia Dortmund – wer ist denn das?“

Als die Mannschaften aus ihren Bussen stiegen, spreizte Shankly Zeige- und Mittelfinger der rechten Hand zum „V“ für „Voctory“ („Sieg“), während BVB-Trainer Willy Multhaup seiner Elf mit auf den Weg gab: „Meine Herren, wir wollen unsere Haut so teuer wie möglich verkaufen.“

Die „Reds“ hatten zudem den Heimvorteil. Unter den 42.000 Zuschauern waren nur dreitausend Dortmunder – aber weit über 20.000 Anhänger des FC Liverpool. Beim Einlaufen wurden den Spielern von Borussia schnell klar, was sie erwartete: eine freundliche Begrüßung für Dortmund, wilde Begeisterung um Liverpool, das von Beginn an anrannte und die Schwarzgelben zunächst von einer Verlegenheit in die nächste stürzte. Nach einer Ecke musste Redder für den bereits geschlagenen Tilkowski auf der Linie retten.

Nach einer Viertelstunde konnte der BVB das Spiel zwar offener gestalten, kam durch Emmerich, Kurrats Volleyschoss und vor allem durch Schmidts raffinierten Schlenzer sowie durch Held zu Chancen, doch hinten musste Torwart Tilkowski wiederholt sein großes Können zeigen. Und Wolfgang Paul war überall, er war der Feuerwehrmann. Zum Ende der ersten Halbzeit hieß es 0:0 – noch immer! Liverpool hatte überlegen gespielt, aber kein Tor geschossen. Ein kleiner Erfolg für die Dortmunder Spieler.

Auch die zweite Hälfte begann mit einer Liverpooler Offensive. In der 52. Minute passte Byrne auf Milne, der ließ einen Knaller aus 20 Metern Entfernung los, und Tilkowski musste sich gewaltig strecken. Schon vier Minuten später brannte es wieder. Thompson hatte eine Flanke von rechts hereingegeben, Sturm köpfte zur Ecke. Der BVB ließ jetzt merklich nach.

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In der 61. Minute allerdings fiel dann wie ein Blitz aus heiterem Himmel das 1:0 für den BVB. Held zu Emmerich, Emmerich zu Held. Das war die erste gelungene Passfolge in diesem Spiel, und Held nahm den Ball volley aus der Luft. Ließ Lawrence keine Chance. Gegen dieses Tor war wirklich kein Kraut gewachsen.

Keine sieben Minuten später aber folgte bereits die Ernüchterung. Thompson hatte sich am rechten Flügel an drei Dortmundern vorbeigespielt, der Ball war knapp im Aus, und der Linienrichter wollte es auch so gesehen haben. Aber Thompson flankte trotzdem in die Mitte, wo der Halbrechte Hunt stand, den Ball annahm und aus elf Metern haargenau in den Winkel traf. Elf Dortmunder starrten sich entgeistert an. Das Stadion glich einem Tollhaus. Hunderte von Liverpooler Fans stürzten aufs Feld, umarmten ihre Spieler, wähnten sie bereits auf der Siegerstraße. Es dauerte Minuten, ehe der Platz wieder frei war. Tilkowski rannte zum Schiedsrichter und redete beschwörend auf ihn ein, doch das Tor wurde gegeben. Willi Multhaup war sich sicher: „Jetzt sind wir weg.“

Held und Emmerich kamen in diesem Finale zwar nicht wie gewohnt zur Geltung, aber dafür lieferte Aki Schmidt eines seiner größten Spiele. Er war der Kopf der Offensive. Wenn bei ihm der Ball landete, dann wusste man, dass er etwas Richtiges tun würde. Held hatte bei Yeats einen schweren Stand, und Emmerich verriet mitunter eine unglaubliche Kopflosigkeit. Er wirkte bei weitem nicht so clever, so abgebrüht wie in seinen großen Bundesligaspielen. Der halblinke Sturm hatte vorwiegend Defensivaufgaben zu erfüllen. Aber wie er sie erfüllte! Er war einer der stärksten Borussen-Spieler. Die Dortmunder wuchsen über sich hinaus. Sie gaben sich nicht geschlagen. Weder durch ein irreguläres Tor, noch davon, das einige ihrer Spieler weit von ihrer Bestform entfernt waren.

In der 100. Minute, also zehn Minuten nach Beginn der Verlängerung, krümmte sich Assauer am Boden. War es die alte Verletzung? Bange Frage bei den mitgereisten Anhängern. Und dann, zwei Minuten später, fiel die Entscheidung: Schmidt setzte Held ein, Held ging an einem Gegner vorbei, hatte nur noch den Torwart vor sich, schoss ihn an, von Lawrence prallte der Ball zurück ins Feld. Libuda nahm ihn sofort auf und tat das einzig Richtige: Er sah, dass der Torwart weit aus seinem Kasten war, ließ einen Bogenschuss los, und der landete im Netz.

„Stan“ hatte bis dahin einen grauenhaften Abend erlebt. Fast alles ging ihm daneben. Seine Dribblings blieben meist schon beim ersten, mindestens aber beim zweiten Abwehrspieler hängen. Seine Pässe kamen nicht an, seine Flanken schnappte sich der lange Ron Yeats. „Stan“ blieb alles schuldig, was ihm diesen Namen eingebracht hatte. Doch in diesem, dem entscheidenden Moment, war er, Libuda, voll da!

In den Augen der Spieler standen nach dem Schlusspfiff Tränen der Rührung. Niemand schämte sich. Selbst die Ersatzspieler weinten. Reinhold Wosab bekannte: „Ich bin so glücklich für die anderen und so traurig, dass ich nicht dabei bin.“

In Dortmund, damals noch Europas Bierstadt Nummer eins, floss der Gerstensaft in Strömen. Hupend jagten Autos um den Borsigplatz. Die Sportlerklause von August Lenz drohte einzustürzen, als „Stan“ Libuda das zweite Tor geschossen hatte.

Sie wurden empfangen wie Weltmeister. Auf der Autobahn zwischen Köln-Wahn und Dortmund ruhte der Verkehr. In offenen Wagen fuhren die Sieger von Glasgow nach Hause. Ganz Deutschland jubelte ihnen zu, Dortmund stand Kopf.

BVB total!-Video: Das Feiertagsmagazin zum Spiel in Glasgow