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100 Jahre Handball: Ein Blick in die Historie der BVB-Abteilung
Rund um den Borsigplatz freuten sich alle auf den 10. August 1924. An diesem Tag wurde in der Nähe des Borsigplatzes aus der „Weißen Wiese“, einem unbefestigten größeren Gelände, von dem ein Teil vom BVB sportlich genutzt wurde, der „BORUSSIA-SPORTPLATZ“. Eine tolle Sportanlage für mehr als 15.000 Besucher war von Borussia Dortmund in finanzieller und personeller Eigenhilfe errichtet worden und wurde jetzt feierlich ihrer Bestimmung übergeben. Besonders aktiv bei den umfangreichen Arbeiten waren die Leichtathleten, die künftig auch Handball spielen wollten. Ein gewisser Reichswehrhauptmann namens Drape, gleichzeitig Handball-Abteilungsleiter beim Polizei-Sportverein, hatte dem neuen BVB-Präsidenten Heinrich Schwaben den Floh ins Ohr gesetzt, dass ein Ballspielverein wie der BVB vernünftigerweise auch Handball, genauer gesagt Feldhandball, spielen sollte. Und bei Borussen wie dem Vereinsgründer Robert Unger, dem Sprinter Karl Wienke und dem einflussreichen Fußballer Egon Pentrup fiel dieser Gedanke auf sehr fruchtbaren Boden.
Heinrich Schwaben, Begründer der Handball-Abteilung 1924
Nun war also der neue Sportplatz und damit die zwingende Voraussetzung für die neue Disziplin Handball vorhanden, und der BVB konnte den offiziellen Gründungsbeschluss fassen. Das genaue Datum ist nicht überliefert. Es lag aber irgendwann im August nach der Platzweihe am 10. 8. Der „Wahrscheinlichkeits-Gründungstag“ ist der 28. August 1924, ein Donnerstag, an dem obligatorisch die Mitgliederversammlung im Vereinslokal, dem „Wildschütz“, stattfand.
Die Herren Unger und Wienke traten an die Spitze der Handballer und sorgten mit Augenmaß für den „mannschaftlichen Unterbau“ mit mehreren Männer- und Jugendteams. Deshalb nahmen die Borussen auch erst zur Spielzeit 1925/26 an den Meisterschaftsrunden teil. Das erste bekannte Spiel fand Anfang 1926 gegen Hombruch statt und wurde mit 5:1 gewonnen. Den 6:2-Sieg über den Hammer SV erlebten schon 3.000 Besucher (!) auf dem BORUSSIA-SPORTPLATZ.
Die junge Abteilung machte sich rasch einen guten Namen, und oft hatten die Handballer am Sonntagvormittag mehr Zuschauer als die Fußballer, die nachmittags spielten.
Den ersten großen Erfolg feierten die Schwarzgelben 1932, als sie in die Bezirksliga, die höchste deutsche Spielklasse, aufstiegen und auch in der Folgesaison Erfolg hatten. Leider konnte die Klasse nicht gehalten werden, da mehrere der Spitzenspieler abgeworben wurden. Das absolute Ass der damaligen Elf war Fritz Weller, der Erfinder des sogenannten „Schockwurfes,“ der auch als Leichtathlet klasse war und zum vorbereitenden Kader für die Olympischen Spiele 1936 in Berlin gehörte. Fritz Weller war darüber hinaus Sozialdemokrat und Widerstandskämpfer gegen die Nazis und Hitler und hat – anders als seine Mitkämpfer Heinrich Czerkus und Franz Hippler – den Nazi-Terror überlebt.
Der damalige Handball-Abteilungsleiter Egon Pentrup wurde 1933 Vereinspräsident, musste die Funktion aber bereits ein Jahr später nach der Machtübernahme der Nazis niederlegen, da er als überzeugter Katholik nicht in die NSDAP eintreten wollte.
Egon Pentrup (Mitte), der erste „echte“ Handball-Abteilungsleiter
Der BVB tummelte sich jetzt weitgehend in der Zweitklassigkeit. 1938 übernahm Willi Bietzek die Abteilung als Obmann. Er wurde 1945 als nachgewiesener Nicht-Nazi von den Briten als kommissarischer Vereinspräsident eingesetzt und rettete in dieser Funktion gemeinsam mit Franz Jacobi und Egon Pentrup den BVB vor dem Untergang, als es ihnen gelang, die in der Fusion „Freier Sportverein Borussia 1898/1909“ aufgegangene Borussia wieder in die Eigenständigkeit mit dem Namen Borussia Dortmund zurückzuführen.
Das Folgejahrzehnt erlebte 1955 seinen sportlichen Höhepunkt, als es den Mannen um den „Haudegen“ Fritz Weller, dem großartigen Julius Waskowiak und Trainer Josef Fröhlich gelang, in einem dramatischen Spiel das favorisierte Team von Sachsenross Hille mit 13:12 zu besiegen und in die Oberliga Westfalen aufzusteigen. Das entscheidende Tor erzielte Senior Fritz Weller, mittlerweile 43 Jahre alt.
Aufstieg in die Oberliga 1945
Julius „Wasi“ Waskowiak spielte über 20 Jahre in der 1. Mannschaft, absolvierte 1.200 Spiele für den BVB, avancierte dadurch abteilungsübergreifend noch vor der Fußball-Legende August Lenz (1.000 Spiele) zum absoluten Einsatz-Rekordler des BVB und spielte mehrfach erfolgreich in der Westdeutschen Handball-Auswahl..
Nach zwei Jahren war die Oberligazeit wieder vorbei und der BVB dümpelte mehr oder weniger in den darunter liegenden Klassen vor sich hin. Auch der 1959 entstandene neue „Borussia-Sportplatz an der Brackeler Straße“ änderte daran nichts.
Dann kam in den 1970er-Jahren Hallenhandball groß auf und verdrängte das Spiel auf dem Feld mehr und mehr. Der BVB siedelte sich in den Hallenhandball-Kreisligen an, bis er Ende der 1980er-Jahre, mittlerweile war Heinz Reitemeyer Abteilungsleiter, nach Querelen mit dem Handballverband alle Mannschaften der Männerabteilung aus dem Meisterschaftsbetrieb zurückzog. Der BVB setzte jetzt ausschließlich auf Damenhandball.
1926: Die „BVB-Suffragetten“ trumpfen auf!
Frühjahr 1926: Während die Herren beim BVB frisch-fröhlich Leichtathletik betreiben und Fußball und Handball spielen, haben sich ihre Ehefrauen und Freundinnen sportlich enthaltsam zu verhalten. Sie dürfen bestenfalls – und das machen sie äußerst erfolgreich – die berühmten BVB-Feste organisieren, aber keinen Sport betreiben. Anders also als die Damen des DSC 95, die Vorreiterinnen der sportlichen Emanzipation.
Die BVB-Suffragetten
Also suchten die Borussinen den BVB-Vorstand auf und unterbreiteten dem Herrn Schwaben den Wunsch, auch aktiv werden zu dürfen. Der winkt lässig ab: Frauen und Sport? Ha, ha, ha. Sie gehören an den Herd, haben die Kinder zu erziehen und in die Dreifaltigkeitskirche zu gehen, um zu beten. Basta.
Das kam bei den Damen nicht gut an. Ähnlich wie die berühmten englischen Suffragetten, die sich bessere Arbeitsbedingungen und das Wahlrecht erstritten haben, gingen die Girls vom Borsigplatz auf die Barrikaden. „Entweder, wir dürfen Sport betreiben oder ihr organisiert künftig Eure Feten selber!“ heißt der Spruch zum Tage.
Das war zwar Nötigung, aber effektiv.
Also richtete der BVB bei den Leichtathleten mit ihrer „Unterabteilung Handball“ auch eine Damenriege ein. Und diese tummelte sich von Stund an sehr erfolgreich. Die ersten Gegnerinnen waren die DSCerinnen, die damals die Vorherrschaft im Handball haben und die Borussinnen gern als sportliche Mitstreiterinnen begrüßten. Erster Damen-Trainer war die Klublegende Karl Hagedorn, gemeinsam mit seinem Bruder Otto jahrelang ein exzellentes Verteidigerpaar bei den Fußballern.
Die Handballerinnen machten ihre Sache gut, mussten sich aber 1938 aus dem Wettkampfsport zurückziehen. Der Grund: Die Nazis, Machthaber seit 1933, haben dem BVB den BORUSSIA-SPORTPLATZ weggenommen, um dort das Stockheidebad und die Brackeler Straße zu errichten. Für die Borussinnen gab es jetzt rund um den Borsigplatz keine Sportanlage mehr, auf der sie trainieren und ihre Meisterschaftsspiele durchführen konnten. Ende der Durchsage.
1950: Das „Fräuleinwunder“ des BVB
Nach dem 2. Weltkrieg gab es dann eine Renaissance des BVB-Damen-Handballs. Willi Bietzek und Egon Pentrup sorgten mit viel Herzblut dafür. Und die Damen schlugen sich wacker: Sie stiegen auf bis in die Industrieliga, die höchste Spielklasse, absolvierten 1950/51 in Serie über 50 siegreiche Meisterschaftsspiele und wurden Vize-Westfalenmeister. Am 26. November 1950 traten sie im Vorspiel einer BVB-Partie gegen den FC Schalke vor 35.000 Besuchern in der „Roten Erde“ gegen den deutschen Meister Schwarz-Weiß Barmen an. Das dürfte die größte Besucherzahl sein, die jemals ein Damen-Handballmatch gesehen hat. Als das Team 1952 die „Hallen-Industriemeisterschaft“ gewinnt, sprach man allgemein vom „BVB-Fräuleinwunder“.
Vize-Westfalenmeister 1950
Auf dem Kleinfeld, wo man jetzt spielte, und in der Halle ging es mit beachtlichen Erfolgen auch in den 1960er-Jahren weiter. 1968 stiegen die Borussinnen auf dem Kleinfeld und in der Halle in die Oberliga auf. Nach einem Rückschlag folgte 1975 der erneute Oberliga-Aufstieg, ein Jahr später mit Trainer Harald Becker die Westfalenmeisterschaft und der Regionalliga-Aufstieg. 1979 fehlte ein Pünktchen zum Bundesliga-Aufstieg.
Heinz Reitemeyer und Gustl Wilke setzten Akzente
1988 wurde Heinz Reitemeyer Handball-Abteilungsleiter. Er holte als Trainer Gustl Wilke und landete damit eine wahren Glücksgriff!
In schöner Serie wurde der BVB Regionalliga-Meister und stieg 1992 in die 2. Bundesliga auf. Ein Jahr später grüßte er zum ersten Mal als Bundesligist, wurde 1994 DHB-Vize-Pokalsieger.
Reitemeyer und Wilke bauten eine internationale Klassemannschaft mit Spielerinnen wie Torhüterin Eike Bram (Weltmeisterin 1993), Franziska Heinz (Weltmeisterin 1993), Silvia Schmitt, Renate Wolf, Rasa Schuskyte und Corinna Kunze auf, um nur einige zu nennen. Erste Europapokal-Spiele folgen 1994 gegen Druzstevnik Topolniki und 1995 im Halbfinale gegen Lützelinden.
Michaela Erler, ebenfalls Weltmeisterin, stieß zum BVB. Helmut Roßmaier, Sportlehrer am Goethe-Gymnasium und später in mehreren exponierten Positionen tätig, entwarf gemeinsam mit Gustl Wilke einen Mehrstufenplan für eine gezielte Nachwuchsförderung.
1997 folgte der ganz große Wurf: Der BVB erreichte sowohl das Finale im EHF-Pokal als auch das Final Four im DHB-Pokal.
Das Finale des EHF-Pokals fand in der großen Westfalenhalle vor 8.700 Besuchern statt. Der BVB schrammte wegen zweier Törchen am ganz großen Erfolg vorbei, hielt sich aber nur wenige Wochen später in Riesa bei den Spielen um den DHB-Pokal schadlos. Zunächst wurde Leipzig und dann im Endspiel der große Kontrahent Lützelinden mit 24:22 geschlagen. Der erste bedeutende nationale Titel wurde gewonnen.
DHB-Pokalsieger 1997
Bei der folgenden Weltmeisterschaft war der BVB mit Franziska Heinz, Michaela Erler und Anna Osiakowaska vertreten. Deutschland holte Bronze, Franziska Heinz wurde Spielerin der WM und Deutschlands Handballerin des Jahres.
Ein Wermutstropfen: Der große Gustl Wilke beendete nach diesen großen Erfolgen seine Trainerzeit beim BVB.
2003: Gewinn des EHF-Challengecups
Der DHB nominierte den BVB 2002/03 für den Challenge-Cup, einen der drei wichtigen Pokale auf europäischer Ebene. Trainer war jetzt Thomas Happe, Sohn einer sehr sportaffinen Dortmunder Familie (Mutter Ursula war Schwimm-Olympiasiegerin 1956 in Melbourne). Thomas Happe machte als exzellenter Handballer zunächst beim OSC und später bei TUSEM Essen eine tolle Karriere mit mehreren Titeln und holte 1984 mit der Deutschen Nationalmannschaft die olympische Silber-Medaille.
Die BVB-Damen schlugen sich im Challenge-Cup ausgezeichnet und drangen sicher bis ins Finale vor. Hier wurde dann der rumänische Vertreter HC Selmont Baia Mare der Gegner. Das Heimspiel war eine recht klare Angelegenheit. Der BVB gewann mit 24:16 und hatte damit einen Vorsprung von acht Treffern. Ein gutes Polster für das Rückspiel in Rumänien. Die Partie in der Sporthalle von Baia Mare wurde zu einer kniffligen Angelegenheit mit spannendem Verlauf. Letztendlich unterlagen die Borussinnen mit 21:27. Dieses Ergebnis reichte aber mit einer Tordifferenz von plus zwei zum verdienten Titelgewinn.
Challenge-Cup
Die Freude bei den Spielerinnen, dem Trainerstab, den Betreuern und den Offiziellen war riesengroß, hat man doch einen weiteren herausragenden Erfolg erzielt – den ersten auf internationaler Ebene – und ein signifikantes Ausrufezeichen hinter die geleistete Arbeit beim BVB gesetzt.
Die Zeit des Andreas Heiermann
2007 löste Andreas Heiermann, Unternehmer und IT-Spezialist, Dr. Markus Huckemann als Handball-Abteilungsleiter ab. Heiermann richtete den BVB strukturell neu aus und wurde der Architekt eines großen Teams, das 2021 die Deutsche Meisterschaft gewann.
Andreas Heiermann
Zunächst allerdings war der BVB 2007 aus der Bundesliga abgestiegen, um sofort wieder aufzusteigen. 2010 ging es allerdings erneut in die Zweitklassigkeit. Mit Alina Grijseels stieß 2013 ein überragendes Talent zum BVB und prägte die eingeleitete positive Entwicklung mit. Und diese sieht in Stichpunkten wie folgt aus:
2015 war der Wiederaufstieg in die Bundesliga perfekt. Mit der Weltklasse-Torhüterin Clara Woltering kam eine zweifache Champions-League-Gewinnerin zum BVB. Nachdem 2018 die B-Jugend Deutscher Meister wurde, holte das Team ein Jahr später auch den A-Jugend-Titel. 2019 kam dann Corona und die Welt war nicht mehr in Ordnung.
Der BVB erhielt nach dem Abbruch der „Corona-Saison“ 2019/20 als souveräner Tabellenführer leider nicht den deutschen Meistertitel zugesprochen. Oberbürgermeister Ullrich Sierau protestierte bei der Handball Bundesliga Frauen im Namen der Stadt. Doch: Aufgeschoben war nicht aufgehoben. Ohne eine einzige Niederlage wurde der BVB 2021 Deutscher Meister und die herausragende Alina Grijseels Deutschlands Handballerin des Jahres. Das war der bedeutendste Erfolg in der gesamten bisherigen BVB-Handball-Geschichte.
Es folgte eine Zäsur: Nach der Vizemeisterschaft im Jahr darauf löste Henk Groener Meistertrainer André Fuhr ab, und Rupert Thiele (bisher Stellvertreter) folgte auf Andreas Heiermann an der Spitze der Abteilung. 2023 erreichte der BVB in der Bundesliga Platz drei, 2024 Platz fünf. International nahmen die Borussinnen in der Saison 2020/21 zum ersten Mal an der EHF Champions League teil und sammelten wertvolle internationale Erfahrung, die sie in der Saison 2021/22 bis ins Achtelfinale führte. Anschließend traten die Handball-Damen des BVB in der EHF European League an und gewannen 2023 die Bronze-Medaille. Auch wenn Alina Grijseels, Leistungsträgerin und zweimalige Handballerin des Jahres (2021, 2022) den BVB am Ende der Saison 2022/2023 in Richtung Frankreich verließ, gehen die Borussinnen gut verstärkt und mit hohen Erwartungen in die Jubiläumssaison.
Die Borussinnen gewinnen Bronze in der EHF European League
Ein abschließender Blick auf den erfolgreichen Nachwuchs
Die Nachwuchsarbeit, vor gut 25 Jahren von Helmut Rossmaier und Gustl Wilke auf den Weg gebracht, ist ein besonderes Glanzstück des BVB-Handballs. Dabei bewährt sich die enge Zusammenarbeit mit dem Goethe-Gymnasium, einer Elite-Schule des Sports und NRW-Sportschule, sowie mit der Stadt Dortmund als Träger, die im jetzigen Gebäude der IHK (früher WIHOGA) einen wichtigen Internatsbetrieb führt.
Bei der Kooperation mit dem „Goethe“ zahlt sich aus, dass mit der dortigen Sportlehrerin Dr. Zuzana Porvaznikova eine frühere BVB-Spielerin, die 102 Länderspiele für die Slowakei absolviert und schon seit Jahren die weiblichen deutschen Nachwuchsteams betreut, die Schnittstelle zum BVB bildet.
Die A-Jugend knüpft 2019 an die bereits genannten Vorjahres-Erfolge an und erringt eine weitere Deutsche Meisterschaft. 2023 wird die B-Jugend mit Trainerin Yasmin Yusif-Hügle Deutscher Meister, das gleiche Team anschließend Deutscher Schulmeister. Und 2024 wird mit der erneuten Deutschen Schulmeisterschaft des „Goethe“ ein weiterer bedeutender Titel mit zahlreichen BVB-Mädchen in der Mannschaft gewonnen.