Story
Pascal Groß: Besonders wertvoller Allrounder mit Bodenhaftung
Wenn Mannheim für sich in Anspruch nimmt, eine Sporthochburg zu sein, ist das gewiss nicht zu dick aufgetragen. 22 Bundesliga-Mannschaften hat die gut 300.000 Einwohner zählende Stadt zu bieten, an der Spitze die Adler Mannheim (Eishockey) und die Rhein-Neckar Löwen (Handball). Yemisi Ogun- leye, Kugelstoß-Olympiasiegerin von Paris, startet für Mannheim. Der ehemalige Kapitän von Borussia Dortmund, Christian Wörns, wurde dort geboren, ebenso Heiko Herrlich, Thomas Schaaf, Hakan Calhanoglu und: Steffi Graf, an deren Geburtshaus im Stadtteil Neckarau eine Gedenktafel an die 22-malige Grand-Slam-Siegerin erinnert. Wer die Aufzählung prominenter Vertreter dieser Region noch erweitern mag, kann kurzerhand auch das 21 Kilometer entfernte Lambsheim (Jürgen Kohler) oder Leimen (26 km, Boris Becker) hinzunehmen. Derlei Kunstgriffe bedarf es bei Pascal Groß nicht: Er hat am 15. Juni 1991 in Mannheim das Licht der Welt erblickt – und jetzt, nach sieben Jahren im südenglischen Küstenort Brighton, nur eine Zugstunde von London entfernt, noch einmal den Wohnort gewechselt. Groß hat seinen Lebensmittelpunkt nach Dortmund verlegt. Sein neuer Arbeitgeber: der BVB.
So wie die Deutsche Film- und Medienbewertung Wiesbaden (FBW) qualitativ hochwertigen Filmen die Prädikate „Wertvoll“ oder „Besonders wertvoll“ verleiht, könnte man auch Pascal Groß angesichts seiner Vielseitigkeit und Variabilität das Prädikat „Besonders wertvoll“ zugestehen. Außer im Tor, als Mittelstürmer und als Innenverteidiger – bei einer Körpergröße von nur 1,81 m – würde Groß vermutlich überall und überzeugend seinen Mann stehen. Bei Borussia Dortmund wird der 33-Jährige in der jetzt beginnenden Saison vor allem als Verbindungsspieler gefragt sein, als erster Sechser im Spielaufbau, der den Ball auf die Achter-Position oder auf die Seiten befördert, der Mitspieler in Szene setzt, der situativ vorrückt, das Spiel beschleunigt oder selbst im Abschlussbereich auftaucht. Torannäherungen sind bei ihm nicht die Ausnahme, sondern die Regel: Imponierende 84 Scorerpunkte sammelte Groß in 261 Pflichtspielen für Brighton – 32 Treffer erzielte er selbst, 52 bereitete er vor.
„Wo ich spiele, ist mir egal“, sagt Groß und fügt dann man mit einem Augenzwinkern hinzu: „Unter den ersten Elf ist am besten.“ Er sei „offen für jede Position“, betont er, „ich probiere, alles dafür zu tun, dass wir gewinnen.“ Den Trainer versetzt das in die erfreuliche Situation, dass er je nach Spielsystem und taktischer Ausrichtung einen mit Jedermann kompatiblen Spieler dazu bekommen hat. Man kann sich Groß an der Seite Marcel Sabitzers vorstellen, aber auch als Partner von Emre Can, von Felix Nmecha, von Salih Özcan, von Kjell Wätjen, selbst neben oder anstelle von Julian Brandt auf einer Doppel-Acht. Unabhängig davon, für welche Systematik sich Nuri Sahin entscheidet: Mit Groß besitzt er eine Universalwaffe.
Von sich selbst verlangt der Vater von zwei Kindern, für die Mannschaft zu arbeiten und zu fighten, „aber auch fußballerische Akzente zu setzen“. Das entspricht seinem über Jahre geschärften Profil als Profi, einerseits als absoluter Mentalitätsspieler starke kämpferische Akzente zu setzen und andererseits mit seiner Ruhe am Ball, seiner Beidfüßigkeit und seiner fußballerischen Intelligenz auch kreative Momente einzubringen. Nuri Sahin freut sich über ein neues Kadermitglied, das gleicher- maßen Stratege wie Krieger sein kann – und mit einigen Bauchschmerzen darauf reagierte, dass ihm die Fans in Brighton wider Willen den Spitznamen „Der Kaiser“ verpassten. Überhaupt fallen Zuspruch und Anerkennung für den sieben Jahre bei den „Seagulls“ beschäftigen Fußballer außerordentlich hoch aus: Zu seinem Abschied postete der Klub ein Highlight-Video, Titel: „A Brighton Legend“. Geradezu hymnisch würdigte sein früherer Arbeitgeber die Leistungen von Groß als „brillant, absolute brillant“. Übersetzung überflüssig.
„Der BVB fragt nicht alle Tage an“
Dass Nuri Sahin selbst auf hohem Niveau ein herausragender Spieler in der Mittelfeldzentrale war, könne ihm „extrem helfen“, glaubt Groß. In den Anbahnungsgesprächen mit dem Trainer, die dem späteren Vollzug des Transfers vorausgingen, spürte Groß, dass sein Vorgesetzter „sehr fußball- verrückt“ sei. Auf eine gewisse Weise sind Sahin und Groß, der sich selbst eine extreme Liebe zum Fußball bescheinigt, damit Brüder im Geiste. Die Telefonate mit dem Trainer trugen einen erheblichen Teil zu seiner Entscheidung bei, von Brighton zur Borussia zu wechseln. „Der BVB fragt nicht alle Tage an“, sagt er. Der Entschluss, nach Deutschland zurückzukehren, sei dann „relativ schnell gefallen. Als die Anfrage kam, hat mein Herz sofort Ja gesagt. Es war eine leichte Entscheidung, dem Angebot zuzustimmen, obwohl ich in Brighton eine lange und superschöne Zeit hatte.“ Jetzt ist er bei dem Verein gelandet, für den sein Herz von Kindesbeinen an schlägt. „Ich war schon immer Sympathisant des BVB“, versichert Groß. Und da er seinen Geburtstag jedes Jahr im Juni feiert, mussten seine Eltern nicht groß überlegen, wie sie Sohnemann Pascal eine Freude machen konnten: Es gab in jedem Sommer einen Ball und das jeweils neue Dortmunder Trikot als Geschenk.
Der BVB hat sich mit Groß einen Präzisionsfußballer geangelt. In Englands Premier League gehörte er in der Saison 2023/24 in der Kategorie Passgenauigkeit zu den Top drei. Als würde ein Elektronengehirn vorher den Kurs seiner Zuspiele berechnen: Exakt 2639 seiner Pässe (oder 90,4 Prozent) erreichten ihren Adressaten. Nur der bei Manchester City beschäftigte spanische Europameister Rodri (3359) und Lewis Dunk, ehemaliger Team- und Innenverteidigerkollege des neuen Dortmunders bei Brighton & Hove Albion (2971), spielten noch mehr „accurate passes“, wie es in der Statistik der Premier League heißt.
Um den äußerst beeindruckenden Tätigkeitsnachweis von Pascal Groß zu komplettieren: In seinen sieben Jahren an der englischen Südküste wurden für ihn 333 „key passes“ notiert, sogenannte Schlüsselpässe, die Torschüsse, Torchancen, entscheidende Momente oder Tore nach sich zogen. Mehr zustande brachten in ihrer bisherigen Karriere nur Bruno Fernandes (Manchester United/399), Kevin de Bruyne (Manchester City/385) und Trent Alexander-Arnold (FC Liverpool/338). In einer Reihe mit diesen Ausnahmekönnern zu stehen, unterstreicht die außergewöhnliche Klasse dieses Anfang August präsentierten Zugangs. Er trägt beim BVB die Nummer 13, die vor ihm schon Raphael Guerreiro, Alex Frei, oder auch Karl-Heinz Riedle keineswegs als Unglückszahl betrachteten.
In Deutschlands Nationalmannschaft trägt Groß die „5“ – trotz seines schon leicht vorangeschrittenen Alters bisher erst achtmal. Ungeachtet glänzender Kritiken auf der Insel verrichtete er seine Arbeit nahezu unbemerkt von der deutschen Öffentlichkeit. Sein mittlerweile zu Olympique Marseille weitergezogener Klubtrainer Roberto de Zerbi betätigte sich äußerst aktiv als Lobbyist bei Hansi Flick. Vor dem Länderspieldebüt von Groß im September 2023 gegen Japan (1:4) gestand der damalige Bundestrainer: „Ich habe mich lange mit de Zerbi unterhalten. Er hat mir von Pascals großem taktischen Geschick berichtet.“
Lob vom Bundestrainer für Groß
So wie es auf Vereinsebene dauerte, bis seine Karriere richtig Fahrt aufnahm, musste er sich auch beim DFB in Geduld üben: Groß feierte seinen Nationalmannschaftseinstand mit 32 Jahren und 86 Tagen. In diesem Jahrhundert waren nur zwei Spieler bei ihrem ersten DFB-Einsatz noch älter: Martin Max im Jahr 2002 (33/253) und Roman Weidenfeller 2013 (33/105). Julian Nagelsmann hat, wie es scheint, Gefallen an dem Spätberufenen gefunden und ihn auch für die anstehenden Spiele in der Nations League wieder nominiert. „Pascal ist ein herausragend guter Spieler, der viel zu lange unter dem Radar geflogen ist für das, was er kann.“ Ohnehin kündigte Nagelsmann im Frühjahr dieses Jahres an, wieder mehr Spieler im Kader zu haben „wie Pascal Groß, die sich auch mal für andere reinwerfen, und denen es weniger darum geht, mit einem tollen Pass zu glänzen.“
Entsprechend groß fiel beim BVB in der Sommerpause die Freude aus, Pascal Groß verpflichten und mit einem Vertrag bis 2026 ausstatten zu können. „Mit seinem herausragenden Pass- und Positionsspiel und seiner Vielseitigkeit verleiht er unserer Mannschaft neue Facetten“, betont Sportdirektor Sebastian Kehl. Und weiter: „Pascal ist aber auch ein Schlitzohr und strahlt in vielen Räumen direkte und indirekte Torgefahr aus. Wir sind davon überzeugt, dass er unser Spiel bereichern und uns mit seinem Siegeswillen und seiner Persönlichkeit verstärken wird.“ Ähnlich erwartungsfroh äußerte sich in der Sommerpause Sport-Geschäftsführer Lars Ricken, der Groß in die Kategorie der „absoluten Leistungsträger einsortierte und sagte: „Er wird uns stabiler und flexibler machen, uns mit seiner Erfahrung helfen und als Führungsspieler einen positiven Einfluss haben.“ Dafür trainiert Pascal Groß hart und seriös, „immer am Anschlag, um besser zu werden“, wie er in einem Interview mit BVB-TV verriet.
Diese Einstellung trichterte ihm Vater Stephan ein, der als langjähriger Profi beim Karlsruher SC selbst über ausreichend Erfahrung verfügt. Der Papa habe ihm viel Training und wichtige Werte vermittelt, erzählt Pascal Groß. „Ihm habe ich alles zu verdanken.“ Sogar seine Beidfüßigkeit, die Stephan Groß schon früh als Karriere-Booster für seinen Sohn betrachtete. „Er hat mir gesagt, dass er nur mit mir trainiert, wenn ich die Übungen mit beiden Füßen mache. Sonst nicht“, sagt der Sohn und Schüler. In Hoffen- heim (U17, U19, Hoffenheim II), Karlsruhe (eineinhalb Jahre, 28 Spiele/vier Tore, zwei Assists) und Ingol- stadt (fünf Jahre, 165 Spiele/17 Tore/40 Assists) wusste man das sehr zu schätzen, bevor er 2017 dem Lockruf aus Brighton folgte.
Kurzärmlig oder langärmlig?
Totale körperliche Fitness hat er sich ohnehin angeeignet. Anders hätte er die besonders hohe Spielfrequenz in England auch kaum bewältigen können. 3114 Liga-Einsatzminuten von 3420 mög- lichen wurden in der vergangenen Saison für ihn erfasst. Mit anderen Worten: Groß spielte eigentlich immer. 36 Einsätze waren es 2023/24 (33 in der Startelf, zweimal ein-, einmal ausgewechselt), sogar 37 im Jahr zuvor in einer Konkurrenz mit 38 Spieltagen pro Saison. „Ich bin es gewohnt, viele Spiele auf allerhöchstem Niveau zu bestreiten, auch physisch“, gestand Groß dem kicker. „Und ich will einfach probieren, meinen Spielstil auch in der Bundesliga zu zeigen.“ Kaum verwundern beim Dortmunder Marathon-Mann kann, dass es von seinen mit nur drei Wochen eher knapp bemessenen Sommerferien keine bildlichen Dokumente vom entspannenden Treiben weit weg von zuhause gab, sondern nur ein kurzes (nicht von ihm selbst veröffentlichtes) Video vom „Töwerland Insellauf“ auf Juist. Vier Runden á 2,1 Kilometer, Gesamtdistanz 8,4 Kilometer, 63 Teilnehmer in seiner Altersklasse und Platz eins für Groß, 84 Sekunden vor dem Zweitplatzierten Dennis Osterfeld.
Den Lauf auf der ostfriesischen Insel bestreitet Groß in einem kurzärmligen grauen Shirt. Das verdient im Normalfall weder eine besondere Beachtung noch eine Erwähnung in einem Text wie diesem, wenn der Fußballer seiner Arbeit nicht häufig in einem langärmligen Trikot oder Trainingsshirt – gelegentlich auch in langer Hose – nachgehen würde. Obwohl im Vorbereitungscamp von Bad Ragaz mitunter brütende Hitze auf dem fein präparierten Rasen des Stadions „Ri-Au“ herrschte, zeigte sich Groß immer mit einem Langarm-Shirt. Mittlerweile hat er das Geheimnis gelüftet, warum er in „Modefragen“ seine eigene Linie verfolgt: „Ich mache das, damit meine Haut nicht ganz so strapaziert wird. Ich habe eine Grasallergie.“
In Dortmund will Groß „Teil meiner Mannschaft sein, die viele Spiele gewinnt. Der Verein hat hohe Ansprüche, und ich habe hohe Ansprüche“, sagt er. „Ich glaube, wir können dem gerecht werden.“ Bammel vor dem Karrieresprung vom Elften der Premier League zum Champions-League-Finalisten hatte er vor dem Saisonstart nicht – allenfalls um seine gesanglichen Fähigkeiten sorgte er sich im Vorfeld. Während des Trainingslagers in der Schweiz tragen die BVB-Zugänge traditionell singend zur Abendunterhaltung bei, und für dieses Aufnahmeritual musste Groß „raus aus meiner Komfortzone“, wie er lachend berichtet. Vor Kollegen und Staff-Mitgliedern schmetterte er den 24 Jahre alten und mehr als eine Million Mal verkauften Party-Kracher „Hey Baby“ von DJ Ötzi. Hinterher fühlte er sich erleichtert wie nach einem verwandelten Elfmeter: „Jetzt habe ich es hinter mir und kann wieder beruhigt schlafen.“
Fußballerisch wird er sich nicht fundamental umstellen müssen, meint Groß. Im Gegenteil: Auch wenn jeder Klub seine eigene Philosophie mit anderen Stärken habe, erkennt er doch „gewisse Ähnlichkeiten“ zwischen Brighton und dem BVB. Eine Umstellung bedeutete für ihn nur, wie in Bad Ragaz oder beim öffentlichen Training in Dortmund vor Fans zu trainieren, das hatte er in England nicht. „Da merkt man die Wucht des Vereins“, sagt er.
Text: Thomas Hennecke
Fotos: Hendrik Deckers