Nachruf
„Teddy“ de Beer: Einer von uns
Es war der Sommer 86. Nationaltorwart Eike Immel saß am Tag nach dem 8:0-Sieg im dritten Relegationsspiel gegen Fortuna Köln im Flieger nach Mexiko, um der Nationalmannschaft nachzureisen. Als Vize-Weltmeister würde er zurückkehren, aber nicht mehr zu Borussia Dortmund, sondern zum VfB Stuttgart. Rolf Meyer, damals 30 Jahre alt, sollte von der Nummer zwei zur Nummer eins im BVB-Tor aufsteigen. Gesucht wurde ein junger, talentierter Nachwuchstorwart.
Gefunden wurde er beim MSV Duisburg.
70.000 D-Mark (umgerechnet rund 35.000 Euro) ließen sich die Borussen die Verpflichtung des 22 Jahre jungen Wolfgang de Beer kosten, der soeben mit dem MSV Duisburg in die damals drittklassige Oberliga Nordrhein abgestiegen war. Beim Trainingsauftakt am 1. Juli 1986 schaute er noch etwas schüchtern neben den prominenten Neuzugängen Frank Mill, Norbert Dickel und Thomas Helmer in die Kameras.
Kurz darauf stand er im Rampenlicht.
Weil sich Meyer verletzt hatte, hütete de Beer beim Ligastart am 9. August 1986 den Kasten, als der BVB ein 2:2 beim FC Bayern holte, oder „nur“ 2:2 spielte, weil Mill nicht ins leere Bayern-Tor traf. Es war de Beers erstes von 217 Spielen im BVB-Tor. Der Junge aus Dinslaken spielte sich in die Herzen der Fans. Fragte man sie nach ihrem „liebsten Kuscheltier“, war die Antwort: „Der Teddy“. Dank der Paraden des jungen Torwarts und der Treffer des Sturm-Duos Mill/Dickel stürmte der Fast-Absteiger des Vorjahres in der Saison 1986/87 auf den vierten Platz. Zwei Jahre später gewann Schwarzgelb den ersten Titel nach 23 meist trostlosen Jahren: Am 24. Juni 1989, beim 4:1 gegen Werder Bremen, stand – natürlich! – Wolfgang „Teddy“ de Beer im BVB-Tor: „Das war der Startschuss: Wir sind wieder wer, wir können Titel gewinnen.“ Und die sammelte de Beer reichlich.
Vom 9. August 1986 bis zum 31. August 1991 war er die Nummer eins beim BVB. Dann änderte Trainer Ottmar Hitzfeld die Hierarchie und setzte de Beer den jungen Stefan Klos vor die Nase. Der Ausgebootete hat sich darüber nie lautstark beschwert. Er identifizierte sich als Teamplayer. „Teddy war der Klebstoff, den eine Mannschaft braucht, um Erfolg zu haben“, sagte sein langjähriger Teamkollege und enger Freund Michael Zorc über ihn. Als loyaler Backup wurde „Teddy“ mit dem BVB 1995 und 1996 Deutscher Meister, 1997 Champions-League- und Weltpokalsieger. Seine letzten aktiven Spiele bestritt er in den Jahren 1999 und 2000, weil der damalige Stammkeeper, Jens Lehmann, zweimal vom Platz geflogen war. Nach einem 0:0 beim Hamburger SV sagte de Beer, damals schon 35 Jahre alt: „Einen Fehler konnte ich nicht machen. Ich hab’ ja keinen Ball aufs Tor bekommen.“
Ob während seiner aktiven Karriere beim BVB in den 15 Jahren zwischen 1986 bis 2001, ob in der folgenden Epoche als Torwarttrainer (2002 bis 2018) oder während seines dritten Jobs bei Borussia Dortmund in der Fanbetreuung (ab 2018): Wolfgang de Beer blieb sich immer treu. Offen und ehrlich. Immer ansprechbar. Für jeden. Wolfgang de Beer war ein Mann zum Anfassen. Volksnah. „Ich hatte immer ein offenes Ohr, habe den Puls des Vereins gespürt.“
Obwohl er Borusse durch und durch gewesen ist, blieb er in all seinen 38 schwarzgelben Jahren in seiner Geburtsstadt Dinslaken wohnen. Anfangs brauste er im gelben Käfer über die A2, später „mit ein paar PS mehr“ über die gleiche Route. Er brauchte diese 40 Minuten am Morgen und die 40 Minuten am Nachmittag, um runterzukommen.
Vor sieben Jahren hat er im Mitgliedermagazin „Borussia“ einiges über sich preisgegeben. „Du musst zur richtigen Zeit am richtigen Ort gewesen sein“, stellte er damals lachend fest und beschrieb sich als „konservativer Knödel“, der stets „eine positive Lebenseinstellung“ habe. Und er betonte: „Ich passe nach wie vor auf meine Sachen auf, bleibe ruhig, lerne zwar gerne neue Freunde kennen, habe meine alten Freunde aber heute noch.“ Mit Teddy konnte man sich vermutlich nie streiten, zumindest nicht lange, zu ausgleichend war sein Charakter, zu positiv seine Einstellung. Sein Glas war „immer halbvoll“. Und kein Weg war ihm zu weit, keine Aufgabe zu stressig.
Boris Rupert