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Ovationen für Wolfgang Paul – kontroverse, aber faire Diskussionen
Präsident Dr. Reinhold Lunow erinnerte zu Beginn der Versammlung an die 2024 gestorbenen Gerd Pieper (früherer Stellvertreter des Präsidenten), Heinz Keppmann (langjähriger Leiter der Amateur-Abteilung) sowie Olaf Suplicki (Mitbegründer und erster Vorsitzender der Fanabteilung) und betonte: „Ihr Vermächtnis wird immer ein Teil unseres Vereins bleiben.“
Die Anwesenden der jetzt 218.493 Mitglieder des fünftgrößten Sportvereins der Welt ernannten Dr. Christian Hockenjos zum Ehrenmitglied und Wolfgang Paul zum Ehrenspielführer. Der 84-Jährige wurde mit minutenlangem Applaus für seine herausragenden sportlichen Leistungen gewürdigt.
Hans-Joachim Watzke beschrieb als Vorsitzender der Geschäftsführung die wirtschaftliche Situation der KGaA, die das zurückliegende Geschäftsjahr mit einem Gewinn nach Steuern in Höhe von 44,3 Millionen Euro abgeschlossen hatte, operativ keine Verbindlichkeiten hat, abgesehen von drei langfristig finanzierten Investitionsvorhaben im Immobilienbereich (u.a. Trainingszentrum für die Fußballfrauen; Zentralküche im Signal Iduna Park). „Wir sind wirtschaftlich stabiler als die allermeisten Klubs.“
Zum Thema „Rheinmetall“ sagte er: „Es war eine Abwägungsentscheidung zwischen ökonomischen Aspekten und gesellschaftlicher Tragfähigkeit. Die Gremien haben sich einstimmig dafür ausgesprochen. Aber ich habe Respekt für jeden, der das anders sieht.“ Nicht mal ein Prozent (1205) der Vereinsmitglieder war am Sonntag anwesend in Halle 3 der Westfalenhallen. „So groß ist unser Verein geworden“, betonte Watzke: „Unterschiedliche Meinungen müssen wir nicht nur aushalten, sondern sie sind bei so einer Größe unvermeidbar.“
„Unsere Stärke war immer Solidarität“
Hans-Joachim Watzke mahnte Geduld und Vertrauen an und hatte dabei insbesondere das sportliche Anspruchsdenken und Entgleisungen in den sozialen Netzwerken im Blick. „Was ist eigentlich in den vergangenen ein, zwei Jahren passiert?“, fragte er. „Wir sind vor einem Jahr beinahe Meister geworden, wir kommen gerade aus einem Champions-League-Finale, wir sind mit großem Vorsprung Zweiter in der historischen Tabelle der Bundesliga, wir sind aktuell Siebter in Europa, um uns herum nur Weltmetropolen, wir schreiben seit 20 Jahren sportlich und ökonomisch eine Erfolgsgeschichte – aber kaum einer, so wirkt es auf mich, ist mehr stolz darauf. Nur auf dem Boden von Geduld kann Leistung erwachsen. Unsere Stärke war immer Solidarität!“
Über die sportliche Situation sprach Lars Ricken. „Auswärts frustriert uns – da werden wir Lösungen finden müssen!“, betonte der Geschäftsführer Sport. Aber: „Wir vertrauen unserer Mannschaft, wir vertrauen unserem Trainer. Das ist ein Weg, den wir gehen wollen. Und mein Wunsch ist es, den Weg auch gemeinsam mit Sebastian Kehl zu gehen. Wir wollen etwas aufbauen mit Menschen, die sich zu 100 Prozent mit dem BVB identifizieren.“ Spieler aus dem eigenen Nachwuchs bzw. der U23 sollen nicht nur in die Bundesliga geführt werden – fünf von ihnen waren im Spiel Frankfurt gegen Bremen auf dem Rasen –, sondern in die eigene erste Mannschaft. Fünf Dortmunder Jungs erlebten in dieser Saison ihr Profidebüt.
Die Berichte aus den Abteilungen sind in einem eigenen Text zusammengefasst.
29.000 neue Mitglieder in einem Jahr
Schatzmeister Bernd Möllmann stellte den Zuwachs von 29.000 Mitgliedern („Das ist ein Rekord“) innerhalb eines Jahres heraus, präsentierte bei einer Gesamtleistung von 14,29 Millionen Euro einen Überschuss von 2,9 Millionen Euro (Vorjahr minus 951.000 Euro). Das Vereinsvermögen hat sich um 2,9 auf 17 Mio. € erhöht. Möllmann wurde nach Ablauf der dreijährigen Amtszeit bei wenigen Enthaltungen wiedergewählt.
Der Wirtschaftsrat setzt sich aus acht Personen zusammen. Vom Vorstand berufen sind Prof. Dr. Volker Gruhn, Reinhold Schulte, Bodo Löttgen und Thomas Westphal, von der Mitgliederversammlung wurden Oliver Hermes, Dr. Thomas Steg, Michele Puller und Dr. Winfried Materna gewählt. Die Entlastung der Kassenprüfer Roman Weidenfeller und Gerd Kolbe erfolgte einstimmig, die des gesamten Vorstands bei wenigen Enthaltungen. Weidenfeller durfte nach drei Jahren nicht wiedergewählt werden; für ihn übernimmt ein anderer früherer Meisterspieler: Marcel Schmelzer.
Diskussionen um „Rheinmetall“
Präsident Dr. Reinhold Lunow kam nach viereinhalb Stunden zum Tagesordnungspunkt elf: Anträge und Wünsche. BVB-Mitglied Dr. Wilfried Harthan forderte: „Die Mitgliederversammlung missbilligt den Werbedeal mit Rheinmetall und ist der Ansicht, dass der Sponsorenvertrag so rasch wie möglich beendet werden soll. Keinesfalls soll er über das Ende seiner Laufzeit hinaus (2027) verlängert werden.“ Zwei weitere ähnliche Anträge wurden aus Reihen der Mitglieder gestellt.
Geschäftsführer Carsten Cramer nannte „die Art und Weise der Auseinandersetzung wertschätzend“, betonte, Respekt für jede Meinung zu diesem Thema zu haben und gab persönliche Einblicke: „Das einzige Thema, bei dem wir wachsen können, ist Sponsoring. Da haben wir sehr wohl Rote Linien. Wir haben Gelder aus Russland abgelehnt oder solche, bei denen wir der Meinung sind, dass sie den CSR-Kriterien von Borussia Dortmund widersprechen.“ Konkret zu Rheinmetall sagte er: „Wenn du diesen Betrag in Aussicht gestellt bekommst, musst du darüber nachdenken. Dann sind wir in die interne Diskussion eingestiegen. Die Zeitenwende hat uns allen vor Augen geführt, was da passiert ist. Wir müssen das Bewusstsein für unsere Sicherheit und Demokratie schärfen.“
Mehrheit für drei Anträge
In den Monaten nach Bekanntgabe der Partnerschaft habe es 195 Vereinsaustritte gegeben im gleichen Zeitraum allerdings eine fünfstellige Zahl neuer Mitglieder. „Marktforschung zeigt: Borussia Dortmund hat durch diesen Deal keinen Imageschaden erlitten“, so Cramer, der zugleich betonte: „Das soll aber selbstverständlich nicht das Gefühl jedes einzelnen Mitglieds konterkarieren.“ Watzke warb vermittelnd dafür, dass 2025 über eine digitale Abstimmung die Meinung aller 218.000 Vereinsmitglieder abgefragt werden soll.
Am Ende wurde über Harthans Antrag in geheimer Wahl abgestimmt. 855 der 1205 noch anwesenden Mitglieder gaben ihre Stimmzettel ab: 556 stimmten mit „Ja“, 247 mit „Nein“ bei 52 Enthaltungen. Auch der Antrag von Dr. Markus Schäfer (372 „Ja“, 289 „Nein“) wurde angenommen, jedoch nicht der von Frank Beyer (309 „Ja“, 395 „Nein“).
Mehrere Mitglieder warben in einem gemeinsamen Antrag dafür, dass Parteien und deren Vertreter, die dem Grundwertekodex widersprechen, keinen Platz bei Borussia Dortmund haben sollen, und erhielten die klare Zustimmung.
Boris Rupert