Europapokal der Pokalsieger 1966

Am 5. Mai 1966 schrieb Borussia Dortmund Geschichte: Im Hampden Park zu Glasgow besiegte der BVB den haushohen Favoriten FC Liverpool mit 2:1 und holte damit den Europapokal der Pokalsieger – als erster deutscher Verein überhaupt, der einen europäischen Titel gewann.

Fakten zum Spiel

5. Mai 1966
Borussia Dortmund – FC Liverpool 2:1 n.V.
Stadion: Hampden Park (Glasgow)
Zuschauer: 41.657

Borussia Dortmund: Hans Tilkowski – Gerd Cyliax, Wolfgang Paul, Rudi Assauer, Theo Redder – Dieter Kurrat, Alfred Schmidt, Willi Sturm – Reinhard Libuda, Sigfried Held, Lothar Emmerich. Trainer: Willi Multhaup

FC Liverpool: Tommy Lawrence – Chris Lawler, Tommy Smith, Ron Yeats, Gerry Byrne – Willie Stevenson, Gordon Milne, Ian Callaghan, Peter Thompson, Roger Hunt – Ian St. John. Trainer: Bill Shankly

Tore: 1:0 Sigfried Held (61.), 1:1 Roger Hunt (68.), 2:1 Reinhard Libuda (107.)

Schiedsrichter: Pierre Schwinte (Frankreich)

Wimpel des FC Liverpool.

Fast wäre er verloren gegangen auf der Anreise. „Wo ist Stan?“, fragt sich Heinz Stork. Dortmunds Spielausschuss-Vorsitzender ist der Verzweiflung nahe, weil er den Rechtsaußen nirgendwo entdecken kann und Borussias Weiterflug nach Glasgow schon ausgerufen ist.

Reinhard Libuda hat noch ein paar Pfund in der Tasche vom Halbfinal-Gastspiel bei West Ham United. Den Zwischenstopp am Flughafen Heathrow nutzt er, um sich zu Hause bei Ehefrau Gisela nach dem Kind zu erkundigen. Sein Sohn Matthias ist gerade ein Jahr alt. Familie Libuda lebt am Hasenberg in Lütgendortmund, und Stan plagt Heimweh. Als Betreuer Stork ihn in der Telefonzelle findet, geht es im Spurt Richtung Gate.

Als die Borussen am Abend des 2. Mai 1966 im Küstenort Troon ankommen, vertreten sie sich noch ein wenig am Strand die Beine, essen dann zu Abend. Vom stilvollen Marine Hotel mit den umliegenden Golfplätzen sind sie begeistert. Dabei trägt dieser erste Abend Merkmale eines Betriebsausflugs. Trainer Willi Multhaup erlaubt einige schottische Bier. Im Hotelpub werden alte Geschichten erzählt. Etwa jene, wie Abwehrchef Wolfgang Paul einst einen ihm gut bekannten Bäckermeister vernatzen will.

Er klingelt ihn nachts in Werl aus dem Bett und bestellt ein Mohnbrötchen. Da aber der Bäcker ein ausgeschlafenes Kerlchen ist, steht er kurz danach im Sauerland vor der Tür, weckt den verdutzten Paul und kassiert für Autofahrt, Zutaten und Lohn 27 Mark 59. Der feixende Theo Redder, Linksverteidiger beim BVB, gibt erst Ruhe, als sein Auftraggeber auch den letzten Pfennig aus der Hose kramt. Was das Gelächter der Borussen im Hotel-Pub dann noch steigert, ist die Nachfrage eines schottischen Journalisten vom Nachbartisch, wo genau in Ost-Deutschland Dortmund denn liegen würde. Er hält den BVB für ein Team aus der sowjetisch besetzten Zone, weil Borussia wie „Russia“ klingt. Als das geographische Missverständnis aufgeklärt ist, bittet Multhaup zur Bettruhe.

Am nächsten Tag wird locker trainiert auf dem Rasen rund ums Hotel. Gut 900 Kilometer fern der Heimat ist das Wetter an der irischen See wechselhaft bei 16 Grad. Vor allem Lothar Emmerich und Siggi Held, die „Terrible Twins“, sind bei den Journalisten als Gesprächspartner gefragt, wie auch der Trainer. Multhaup betont, man wolle unter keinen Umständen Remis spielen, weil es dann ein Wiederholungsspiel am Samstag gäbe, an gleicher Stelle. Liverpool aber sei sowieso der Favorit und man habe enormen Respekt. Andererseits verschafft sich Multhaup Sympathien der Schotten, als er feststellt, dass man eigentlich gegen Celtic spielen müsse.

Lothar Emmerich und Siggi Held.

Und ja: Liverpool ist tatsächlich unter skandalösen Umständen ins Endspiel eingezogen. Im Halbfinale hatte Celtic kurz vor Schluss ein Tor aberkannt bekommen, das den Finaleinzug bedeutet hätte. Auch Tribünengast Multhaup, mit Obmann Stork angereist, sah das Unrecht („Niemals Abseits! Es war ein reguläres Tor!“). Obwohl Liverpool in diesem Spiel nicht überzeugt, ist ihr Teammanager Bill Shankly in seinem Optimismus nicht zu bremsen. Der Schotte, seit sechs Jahren an der Anfield Road, gilt als Fanatiker des Erfolgs. Er ist mit Liverpool 1964 Meister, 1965 Cupsieger und nun erneut Meister geworden. Angesprochen auf die Chancen gegen den BVB zeigt er sich im Teamhotel in Largs, etwas weiter nördlich ebenfalls am Meer gelegen, nicht gerade demütig. „Borussia Dortmund – wer ist das denn?“ ist nur ein Zitat von vielen, die belegen, wie wenig Shankly von den Borussen hält.

Aki Schmidt, Borussias zentraler Stratege im Mittelfeld, erinnerte sich an den Trainer des Gegners und die eigene Vorfreude: „Für mich und für uns alle war es das Größte, so ein Finale zu erreichen. Zu dem Zeitpunkt war Liverpool schon Meister und galt als Übermannschaft. Deren Trainer aber war ein ganz Verrückter. Er wurde gefragt, ob er uns überhaupt mal spielen gesehen habe. Da winkte er ab. Er sagte, es käme nur auf die Höhe des Sieges an. Sie seien unschlagbar. Es gäbe genau zwei gute Mannschaften in England. Die erste Mannschaft von Liverpool und die zweite Mannschaft von Liverpool. Gegen so einen zu siegen. Was kann schöner sein?“

Aki Schmidt (1966), Kapitän von Borussia Dortmund.

Am Tag vor dem Finale trainieren die Borussen im Hampden Park, dem in dieser Zeit größten Stadion Europas mit Platz für 135.000 Zuschauer, wobei Sigi Held feststellt: „Der Rasen ist besser als zu Hause in der Roten Erde.“ Beim BVB sind übrigens alle fit. Lothar Emmerich hat am Morgen noch über Bauchschmerzen geklagt, die Mannschaftsarzt Dr. Melliwa mit Magentropfen kurieren kann.

Größeren Schaden hätte auf der Rückfahrt aber beinahe Trainer Multhaup genommen. Auf der rund 60 Kilometer langen Strecke durch den Bezirk East Renfrewshire zurück nach Troon bleibt der Borussen-Bus liegen. Während die Spieler hungrig auf Ersatz warten und sich über Sandwiches aus einem nahen Golfclub freuen, erkundet Multhaup die Gegend. Dabei läuft er beinahe vor einen LKW, weil er wie gewohnt nach links schaut, als von rechts hupendes Unheil droht. Multhaup aber hat Glück, ihm fährt nur ein Schreck in die Glieder.

Abends zeigt der Trainer im Hotel den Spielern einen Film mit Spielausschnitten von Liverpool, den ihm die BBC zur Verfügung gestellt hat. Multhaup erläutert, wie sich auch gegen Liverpool Gegentore vermeiden lassen. Draußen ist jetzt fast herbstlich kühl. „Genau das richtige Wetter, den Tag mit Karten spielen ausklingen zu lassen“, denken sich Emmerich, Sturm, Held und Libuda. Sie werden dabei nicht zum ersten Mal kein Ende finden. Als Multhaup spät abends noch lautes Lachen hört, reißt er die Tür auf, jagt alle ins Bett und droht „Wenn ihr morgen verliert, zahlt jeder 10.000 Mark in die Mannschaftskasse.“ Dann kehrt Ruhe ein im Marine Hotel in der Nacht vor dem großen Endspiel.

Am nächsten Vormittag haben sich die Wogen geglättet, wenn auch nicht auf hoher See. Vom Meer her ziehen dunkle Wolken auf, Punkt 10:30 Uhr beginnt es zu regnen. Die schottische Westküste präsentiert sich grau in grau mit Nieselregen und tiefhängenden Wolken. Die Borussen üben sich am Mittag noch in leichten Ballübungen und sind dann höchst überrascht, als über ihren Köpfen plötzlich erstaunlich tief eine Propellermaschine kreist. Später stellt sich heraus, dass es sich um das Flugzeug mit den Offiziellen um Ehrenpräsident Franz Jacobi, einige Sponsoren und die Spielerfrauen handelt. Der Flugkapitän hat den Applaus auf seiner Seite für diesen kurzen Abstecher zu den schwarzgelben Hoffnungsträgern. In Glasgow kommen am gleichen Tag rund 2.000 (in anderen Quellen 3.000) Schlachtenbummler aus Dortmund an.

Helma Geisler, die Ehefrau von Lothar Geisler, der als Ersatzmann für Wolfgang Paul im Kader steht, weiß noch, wie aufgeregt alle waren an jenem Donnerstag. „Es war der erste Flug für uns. Von uns war bis dahin niemand je geflogen. Sonst ging es immer mit Kind und Kegel für den BVB mit dem Bus durch die Gegend. Fliegen war noch selten. Es ging übers Meer, und irgendwann flogen wir über eine Wiese, und da stehen plötzlich die Männer und trainieren unter uns, deutlich zu sehen. Sie haben uns zugewunken. Da sagte eine: Guck mal, unsere Männer. Wir haben so gekichert. Wahrscheinlich wusste der Pilot das. Wir waren in einem kleinen Hotel in der Nähe untergebracht. Ulla Bracht war mit, Käthe Kwiatkowski, Frau Burgsmüller, Frau Libuda, Marga Kurrat, Marianne Wessel, Irmgard Cyliax und anderen Frauen.“

Mannschaftsfoto der 1966er-Mannschaft von Borussia Dortmund.

Am Nachmittag, noch bevor es Richtung Glasgow geht, schwört Multhaup alle noch einmal gezielt auf das Finale ein („Wir haben nichts zu verlieren, aber alles zu gewinnen“). Aki Schmidt ist begeistert von der Vorbereitung in Troon und den auffordernden Worten von Willi „Fischken“ Multhaup. „Es gab ja einige bemerkenswerte Mannschaftssitzungen. Aber eine so gute wie damals hatte ich vom Fischken noch nie gehört. Er sagte am Ende noch einen ganz entscheidenden Satz, den ich nie vergessen werde. Männer, von zehn Spielen gegen Liverpool verlieren wir neun. Das hier in Glasgow, das verlieren wir nicht. Dieses Spiel nicht. Wir waren von diesem Gedanken begeistert. Wir wussten, dass englische Teams mit einem defensiven Gegner Probleme haben, wenn sie das Spiel machen müssen. Fischken war überzeugt, dass wir es packen. Er hatte ein ausgeprägtes Selbstbewusstsein. Das übertrug sich. Es waren zum Teil einfache Sätze, die große Wirkung hatten. Ich dachte während des Spiels noch an Fischken und an dieses eine Spiel von zehn, das wir gewinnen.“

Als die Borussen am Hampden Park ankommen, wird ihr Bus von Liverpooler Fans umlagert, die mit eindeutigen Gesten verraten, wen sie anfeuern werden und wen nicht. Als die Spieler in ihren dunkelblauen Trainingsanzügen mit dem BVB-Logo auf der linken Brust etwa eine Stunde vor Anpfiff den jetzt doch recht tiefen Rasen inspizieren, hören sie zum ersten Mal kräftige „Bee-Vau-Bee-Rufe“. Auf der Haupttribüne hat sich die Dortmunder Fangemeinde breit gemacht. Rechts und links im weiten Rund, aber auch auf der Gegengerade, ist ausschließlich das Rot-Weiß des englischen Meisters zu sehen. 

BVB-Fans im Hampden Park.

Bis zum Anpfiff werden gut 40.000 Zuschauer da sein, darunter 20.000 Engländer. Die erhoffte Unterstützung für den BVB durch die Celtic-Fans bleibt also weitgehend aus, zudem verhindert die Live-Übertragung einen besseren Besuch. Als Schiedsrichter Schwinte den Ball zum Anstoß ablegt, erklingt das noch junge „You’ll never walk alone“. Die BVB-Fans stimmen ihr „Li-Bu-Da“ an. Dortmunds Nummer 7 hüpft von einem Bein auf das andere, ein kurzer Gedanke noch an den Sohn, der bei den Großeltern in Gelsenkirchen längst schläft. Dann rollt der Ball...

Gregor Schnittker

Als der Ball läuft, läuft erst einmal nicht viel zusammen bei den Borussen, die nervös wirken offenbar in Sorge vor einem frühen Rückstand. Rudi Assauer kann einen simplen Pass nicht stoppen, denkt vielleicht noch an den Mannschaftskollegen Aki Schmidt...

Der hatte ihm vor Anpfiff einen Tritt in den Allerwertesten angedroht, sollte Assauer nicht ordentlich spielen. „Ich sagte Assi“, erzählte Aki Jahre später schmunzelnd, „machst Du im Finale einen Fehlpass, dann komme ich rüber und trete Dir in den Hintern. Er hat mich dann immer angeguckt und machte nachher ein Bombenspiel.“

Einlauf der Mannschaften.

Doch nach nur fünf Minuten hat Liverpool bereits die dritte Ecke, muss Theo Redder bereits einmal auf der Linie klären. Bis zur zehnten Minute ist es den Dortmundern noch nicht gelungen, über mehrere Stationen den Ball zu halten, und jetzt macht Libuda auch noch einen falschen Einwurf. In dieser Europapokal-Saison hat Stan jedes Spiel bestritten, dabei kein Tor geschossen, aber das wird sich zum Glück ja noch ändern...

Die Liverpooler Fans machen ordentlich Stimmung. Am Nachmittag haben einige von ihnen Siegesparolen („Liverpool. Champions. Roger Hunt“) an die Innenmauern des Hampden Parks gepinselt und auch die Tore rot lackiert. Ein Malertrupp muss vor dem Anpfiff anrücken. Neben das inzwischen wieder weiße rechte Tor setzt Hoppy Kurrat nach 20 Minuten einen Volleyschuss. Es ist das erste Lebenszeichen der Schwarzgelben, begleitet von Anfeuerungsrufen ihrer Fans auf der Haupttribüne.

In Dortmund steht währenddessen das öffentliche Leben still, sind die Straßen wie leergefegt. Die Live-Übertragung im Fernsehen mit Ernst Huberty, die Radio-Reportage mit Kurt Brumme – das Spiel treibt den Puls der Dortmunder in die Höhe, lässt Fingernägeln keine Chance. Bei Hoesch auf der Westfalenhütte haben sie die Produktion leicht heruntergefahren, damit möglichst jeder verfolgen kann, was sich im fernen Glasgow abspielt.

Dort kämpfen die Borussen um jeden Meter, berappelt sich Aki Schmidt nach einer längeren Behandlungspause, weil ihn Stevenson heftig am Kopf getroffen hat. Spielerisch aber bleibt der BVB noch einiges schuldig, allein Sigi Held kann ab und an durchbrechen, scheitert mit seinen Schüssen aber an Liverpools Torwart Lawrence. Von Lothar Emmerich und Stan Libuda ist bislang noch nichts zu sehen. Liverpool hat mehr Chancen, Dortmund in Hans Tilkowski seinen bislang besten Mann im Tor, erinnert sich Aki Schmidt: „Ich habe mit ihm so viel erlebt, mit keinem anderen so viele Spiele gemacht. Er war ein ruhender Pol. Auch in diesem Finale. Er war mit seinem Stellungsspiel und der Fähigkeit mitzuspielen seiner Zeit voraus. Er musste nie fliegen. Er stand da, wo der Ball hinkam. Für mich war Hans der beste Torwart der Welt.“

Spieler kämpfen um den Ball.

Mit dem 0:0, was ein Teilerfolg ist, geht’s in die Pause. Als die Borussen unter dem aufmunternden Applaus ihrer Fans aus der Kabine zurückkommen, haben sie frische Trikots an. Aus lang- sind nun kurzärmelige Hemden geworden. Die Symbolik ist klar, und tatsächlich wird aus dem Abwehrkampf der ersten Halbzeit eine nun auch spielerisch grandiose Leistung. Selten passt die Fußball-Weisheit „über den Kampf zum Spiel“ so präzise wie jetzt. 20:30 Uhr Ortszeit ist es in Glasgow, als Schiedsrichter Schwinte wieder anpfeift.

Liverpool hat die Pokalsieger großer Fußballnationen ausgeschaltet, namentlich Juventus Turin, Standard Lüttich, Honved Budapest, Celtic Glasgow. Gegen diesen BVB aber fehlen nun die Mittel. Eine gute Stunde ist gespielt, als Schmidt einen Ball abfängt, an die Mittellinie zu Held passt. Der leitet weiter zu Emmerich, löst sich blitzschnell von Gegenspieler Yeats. Emma spielt einen langen Ball, genau in den Laufweg von Held. In den Kneipen am Borsigplatz, in den Wohnstuben und auch hier in Glasgow erheben sich die Zuschauer, recken den Hals, reißen die Augen auf, und wer es mit dem BVB hält ruft „Schiiiiieesss….“, als Held den Ball mit Vollspann über Lawrence in die Maschen jagt. Es ist das 1:0 nach dem bislang besten Borussen-Angriff, ein geradezu prototypisches Tor dieser Offensive. In Leserbriefen werden sich später Menschen beklagen über das enthemmte Gebrüll aller Schwarzgelben in Dortmund, welches Kinder aus dem Schlaf holt.

Um das Ergebnis zu korrigieren, hat Liverpool nun knapp 30 Minuten; sie benötigen sechs und eine Fehlentscheidung für das 1:1. Der quirlige Thompson, von Redder bislang gut bewacht, kann über rechts vorpreschen und legt sich den Ball bis zur Torauslinie vor. Genau hier ist er in vollem Umfang im Aus. Die Borussen recken ihre Arme hoch, als Zeichen, dass das Spiel zu unterbrechen ist. In der Mitte nutzt Liverpools Stürmer Hunt die Verwirrung und schießt mit links in den rechten Torwinkel. Die BVB-Abwehr hat gar nicht mehr richtig verteidigt, Schwinte aber zeigt zur Mitte.

Es dauert Minuten, bis die Ordner die jubelnden Liverpool-Fans vom Feld gescheucht haben. Im Stadion singen die Engländer ihr lautes „Oh, when the Reds go marching in“, und kaum jemand glaubt nun ernsthaft noch an einen Sieg des Außenseiters aus Dortmund. Doch die Minuten vergehen, ohne dass Liverpool gefährlich wird. Einen Fernschuss von Smith kann Tilkowski aus dem Winkel fischen, Sekunden vor Abpfiff steht Hunt völlig frei, wird aber von Assauer zur Seite gedrängt und bringt nur einen schwachen Schuss zustande. Kurz danach pfeift der Schiedsrichter ab und damit zur Verlängerung. Für Hans Tilkowski machen die Borussen nicht das beste Spiel ihrer Europacupsaison, „aber vom Kämpferischen her ist es optimal, wenn man sich alleine die Leistung von Willi Sturm ansieht, der das Spiel seines Lebens macht“.

In den ersten Minuten der Verlängerung ist allen Spielern anzumerken, dass sie auf dem tiefen Rasen Kräfte gelassen haben. Liverpool kommt zu einigen Chancen, der BVB aber hält dagegen. Als beide Teams zum letzten Mal die Seiten wechseln, sind es nur noch Sekunden bis zu jenem Moment, der den BVB für alle Zeiten zum ersten deutschen Europapokalsieger macht. Es ist die 106. Spielminute, in der passiert, was Reinhard Libuda gegenüber Reportern später so beschreibt: „Siggi läuft durch und ich mit. Ich sehe, wie der Ball abprallt. Ich seh‘ ihn kommen. Ich seh‘ mit dem linken Auge das leere Tor, da habe ich abgezogen. Ich denke mir: jetzt oder nie. Und wie der Ball in der Luft is‘, spür‘ ich: Der geht rein.“ Es ist ein Moment für die Ewigkeit, was den Borussen noch nicht klar ist. Allein die Drohung des Trainers hat der Torschütze noch im Ohr: „Mensch Emma, jetzt müssen wir die 10.000 Mark nicht zahlen.“

Libuda hat mit einem genialen Moment die kämpferische Glanzleistung des BVB veredelt. Dass sein Kunstschuss gegen den oberen Pfosten erst durch den vergeblichen Rettungsversuch von Liverpools Stopper Ron Yeats ins Tor gelenkt wird und damit eigentlich ein Eigentor ist, interessiert niemanden. Aki Schmidt wird die berühmte Bogenlampe durch die schottische Nacht mitten hinein ins schwarzgelbe Glück nie vergessen. „Der Ball lag in unserer Hälfte zum Freistoß. Ich sah aus dem Ausgenwinkel, dass der Siggi marschierte. Also schrie ich den Assi an, er sollte rüber spielen. Ich schick den Siggi mit einem langen Dingen. Er muss das Tor schon machen, schießt aber den Torwart an. Der Stan nimmt die Kugel und schießt direkt. Er hätte eigentlich gehen müssen. Er hatte freie Bahn. Von da aus kannst du eigentlich kein Tor machen. Aber er haut drauf. Ich dachte: Was macht der denn jetzt? Dann ist plötzlich der Ball weg. Ich denke: Wo ist er? Sehe ihn in der Luft. Ich sehe das Dingen, wie es runterfällt, und der lange Yeats fliegt mit dem Ball ins Netz. Das war der Sieg. Es war unfassbar.“

BVB-Spieler jubeln auf dem Rasen.

Als Wolfgang Paul vom UEFA-Präsidenten den Pokal erhält, die Mannschaft eine Ehrenrunde läuft, fließen Tränen bei den BVB-Offiziellen, den Angehörigen und Anhängern. Um zu gratulieren, wollen kurz danach unter anderem Betreuer Jockel Bracht, Ersatztorwart Bernhard Wessel und die nicht eingesetzten Lothar Geisler und Reinhold Wosab in die Kabine. Schottische Ordner und Polizisten verhindern das. An die Tumulte erinnert sich Zange Wosab: „Nach dem Schlusspfiff war großer Jubel, und wir weinten auch alle vor Freude, ich auf der Tribüne neben meiner schwangeren Frau. Ergreifend. Ich wollte dann runter zu den Jungs. Da zeige ich dem Ordner mein BVB-Abzeichen auf dem Anzug und bekomme voll eine gescheuert. Da war ich fertig. Als ich wieder zu mir kam, lag ich unter einem Pferd. Ob der Ordner Liverpool-Fan war oder warum, das weiß ich nicht. Im größten Triumph des Vereins erlebe ich so einen Mist. Dann zog mich einer vom Pferd weg, und ich kam doch noch in die Kabine. Da bin ich dann mit Klamotten ins Entmüdungsbecken gesprungen...“

Während in Dortmund Autos um den Borsigplatz kreisen stundenlang „B-V-B“ hupen, Gastwirte ihre Wettschulden einlösen und Freibier ausschenken, singen in Glasgow die Borussen auf der Fahrt zum Bankett nicht zum ersten Mal ihr Vereinslied. Im Restaurant Grosvenor angekommen, schenken ihnen Liverpooler Offizielle je einen Rasierapparat. Das ist ein kleiner Trost, denn die hungrigen Borussen müssen wegen der vielen und viel zu langen Tischreden lange warten, bis es endlich etwas zu essen gibt. Als sie später in ihr Mannschaftsquartier in Troon zurückkehren, haben sie allerdings schon wieder Hunger und müssen feststellen, dass nichts vorbereitet ist.

Autokorso der BVB-Spieler.

Die Küche ist kalt, Bier muss erst besorgt werden, zum Glück hat Obmann Heinz Stork noch eine Salami im Gepäck, die alle brüderlich teilen. So improvisieren die Borussen ihre Privatfeier im Angesicht ihrer bislang wertvollsten Trophäe. Die trägt am nächsten Tag Wolfgang Paul stolz über das Rollfeld des Kölner Flughafens. Von dort geht’s mit zwei Bussen nach Dortmund, im vorderen die Spieler und Betreuer, im hinteren die Frauen und der Vorstand. Am Westhofener Keuz steigen sie um in bereitgestellte Cabrios. Über die Ruhrwaldstraße, die heutige B54, führt der Triumphzug in die Innenstadt via Borsigplatz zum Neuen Markt, dem heutigen Friedensplatz. Hundertausende sind auf den Beinen. Es ist der beeindruckendste Empfang einer deutschen Mannschaft seit 1954.

Als Oberbürgermeister Dietrich Keuning eine Lobrede anstimmen will, lässt ihn die Menge nicht zu Wort kommen, so dass er kurzerhand das Vereinslied anstimmt. Bei „Aber eins, aber eins…“ stimmen alle mit ein. Die Fans singen es mehrfach, sie singen es laut und wieder fließen Tränen, wieder nehmen sich fremde Menschen in den Arm.

Es ist einer der größten Gänsehautmomente, den diese Stadt je spüren durfte. Dank der Helden von 66!

Gregor Schnittker

Reinhard Libuda mit dem Europapokal.