Immel und Rauball feiern den Klassenerhalt.

Relegation 1986

Mai 1986. Borussia Dortmund steht vor einer der schwierigsten Prüfungen der Vereinsgeschichte. Nach einer enttäuschenden Bundesliga-Saison muss der BVB in die Relegation gegen den Zweitligisten Fortuna Köln – und damit den Verbleib in der höchsten deutschen Spielklasse sichern. Was folgte, waren drei Spiele voller Dramatik und Leidenschaft, die bis heute einen festen Platz in der Geschichte des Vereins einnehmen.

Ausgangslage vor dem zweiten Relegationsspiel

Das erste Relegationsspiel am 13. Mai 1986 im Müngersdorfer Stadion verlief enttäuschend. Fortuna Köln überzeugte als geschlossene Einheit und gewann verdient mit 2:0. Mit diesem Vorsprung im Rücken reiste der Zweitligist ins ausverkaufte Westfalenstadion – für den BVB war klar: Nur ein Sieg mit zwei Toren Unterschied würde die Entscheidung in ein drittes Spiel zwingen.

Fakten zu Spiel 2

19. Mai 1986
Borussia Dortmund – Fortuna Köln 3:1
Stadion: Westfalenstadion (Dortmund)
Zuschauer: 54.000 (ausverkauft)

Borussia Dortmund: Eike Immel – Frank Pagelsdorf – Bernd Storck, Dirk Hupe – Lothar Huber (46. Ingo Anderbrügge), Michael Zorc, Marcel Raducanu, Günter Kutowski – Daniel Simmes, Jürgen Wegmann, Wolfgang Schüler
Trainer: Reinhard Saftig

Fortuna Köln: Jacek Jarecki – Karl Richter – Jürgen Niggemann, Günter Hutwelker, Achim Kropp – Hans-Jürgen Gede, Bernd Grabosch, Jörg Neun, Ralf Außem (43. Hermann-Josef Werres) – Dieter Lemke, Christos Orkas (69. Karl-Heinz Wirtz)
Trainer: Hannes Linßen

Tore: 0:1 Bernd Grabosch (14.), 1:1 Michael Zorc (54., Foulelfmeter), 2:1 Marcel Raducanu (68.), 3:1 Jürgen Wegmann (90.)

Schiedsrichter: Aron Schmidhuber (Ottobrunn)

Einlauf der Mannschaften beim zweiten Relegationsspiel.

Als Dortmund am 19. Mai 1986 erwacht, deutet sich trotz nur vier Grad in der Früh ein sommerlicher, sonniger Tag an. Das Thermometer erreicht an diesem Pfingstmontag in der Spitze 23 Grad. Nach Kaffee und Kuchen pilgern die Fans am späten Nachmittag Richtung Westfalenstadion.

Der BVB kann sich in einer Zeit, in der die Bundesliga nicht annähernd die Anzugskraft besitzt wie heute, auf seine Anhänger verlassen. Wenn es darauf ankommt, sind sie da. 54.000 und einige mehr, die sich irgendwie Zutritt verschaffen, sorgen für ein ausverkauftes Haus, erstmals übrigens in der Saison 1985/86, in der der Zuschauerschnitt lediglich bei 22.573 liegt und selbst die Heimspiele gegen Bayern (47.000), Gladbach (43.500), den HSV (40.000) oder Schalke (34.000) nicht ausverkauft sind. Auch das Bild auf den Tribünen ist ein gänzlich anderes als heute. Helle Farben dominieren, kein Schwarz und Gelb. 

Die Stimmung ist angespannt optimistisch vor dem Anpfiff um 19 Uhr. Ein 0:2 aus dem Hinspiel ist aufzuholen. Noch mehr als das klare Resultat drückt die dort gezeigte Leistung der Mannschaft aufs Gemüt. Der junge Trainer Reinhard Saftig (damals 34), der erst seit vier Wochen in der Verantwortung steht, ändert die Aufstellung auf zwei Positionen: Dauerläufer Uli Bittcher ist nicht im Vollbesitz seiner Kräfte, und auch der noch junge Ralf Loose (23) muss auf die Bank. Für sie laufen Routinier Lothar Huber (34) – Held der Aufstiegsrelegation 1976 – und der erst 19 Jahre alte Stürmer Daniel Simmes von Beginn an auf. Er hat das „Tor des Jahres 1984“ – ein legendärer Sololauf – geschossen. Und tatsächlich wird Simmes an der letzten Aktion des Spiels entscheidend beteiligt sein ...

Zweitligist Fortuna Köln dreht schon direkt nach dem Anpfiff des erfahrenen Aron Schmidhuber (39) aus Ottobrunn – 1992 zum Welt-Schiedsrichter gekürt – an der Uhr. Zwischen Marcel Raducanus erstem Torschuss, der ins Aus geht, und der Ausführung des Abstoßes verstreichen exakt 51 Sekunden. Als Jürgen Wegmann elfmeterwürdig gefoult wird, winkt Schmidhuber ab. Glück für die Fortuna, die immer wieder gefährlich kontert. Pagelsdorf sieht nach Foul am durchgebrochenen Christos Orkas früh die Gelbe Karte.

Laute Fanfaren begleiten die Dortmunder Angriffsversuche. Bernd Storcks Distanzschuss in der achten Minute leitet eine erste Dortmunder Druckphase ein. Hochkarätige Torchancen aber kann sich die Mannschaft noch nicht erspielen, und auch das zunächst praktizierte hohe Pressing – damals „Forechecking“ genannt – verebbt früh. In der 14. Minute kombinieren sich die Gäste relativ ungestört durchs Mittelfeld: Die Borussen weichen zurück, statt den Ballführenden zu attackieren. Bernd Grabosch versetzt Michael Zorc und platziert seinen Linksschuss aus 20 Metern zentraler Position flach unten rechts. Eike Immel streckt sich vergebens.

Spielszene: Raducanu mit einem Torschuss.

Es steht 0:1, und man hört nur noch die nicht allzu zahlreichen Kölner Fans: „Oh, wie ist das schön ...“ Und die Fortuna schnuppert in der Folge am 0:2. Nach einem schlampig ausgeführten Raducanu-Freistoß kann Köln kontern – Nationaltorwart Immel pariert bravourös (33.). Kurz vor der Pause klärt Günter Kutowski in höchster Not vor Orkas.

Das Spiel ist in Hälfte eins geprägt von vielen langen Dortmunder Bällen, von zahlreichen Freistößen in Strafraumnähe, die aber allesamt nichts einbringen. Dem Offensivspiel fehlen Ideen und vor allem Genauigkeit. Spätestens am gegnerischen Sechzehner ist Endstation. Der BVB hat deutlich mehr Ballbesitz, aber das 0:1 zur Pause geht trotz der Spielanteile und 5:2 Ecken durchaus in Ordnung. In der Kabine, erzählt Wegmann später, „konnte man eine Stecknadel fallen hören“, so ruhig sei es gewesen. Nach Addition von Hin- und Rückspiel steht es 0:3. Die seinerzeit u. a. im Europapokal gültige Auswärtstorregel findet in dieser Relegation zum Glück für den BVB keine Anwendung. Ansonsten wären in Durchgang zwei vier Tore zwingend notwendig gewesen.

Mit Linksaußen Ingo Anderbrügge für Abwehrspieler Huber geht es in die zweiten 45 Minuten. Der BVB ist nun mit vier Stürmern unterwegs: Simmes rechts, Wegmann und Wolfgang Schüler in der Mitte. Wegmanns bevorstehender Wechsel für 1,4 Millionen D-Mark (gut 700.000 Euro) zur folgenden Saison zum Erzrivalen Schalke 04 ist kurz zuvor bekannt geworden und beschert  ihm „Judas“-Rufe von einigen Fans. Trotz der „totalen Offensive“ gelingt es in den ersten Minuten der zweiten Hälfte nicht, den Gegner an dessen Strafraum festzunageln. Die Kölner können die Hereingaben immer wieder klären, doch nach 53 Minuten klaut Wegmann dem überraschten Hans-Jürgen Gede nach einer vermeintlich erfolgreichen Abwehraktion den Ball, leitet weiter zu Anderbrügge, der von Gede am linken Strafraumeck zu Boden gerissen wird. Die Entscheidung von Schiedsrichter Schmidhuber, auf den Elfmeterpunkt zu zeigen, ist in diesem Moment unstrittig. Die Kölner Spieler reklamieren nicht, auch die TV-Experten Rolf Rüssmann und Dettmar Cramer äußern keine Zweifel an der Berechtigung des Strafstoßes, wenngleich beide nicht ganz unparteiisch sein können. Rüssmann hat bis 1985 für den BVB gespielt, Cramer, der Bayern München 1975 und 1976 zum Europapokal der Landesmeister gecoacht hatte, ist gebürtiger Dortmunder gewesen.

Michael Zorc, 23 Jahre jung, übernimmt die Verantwortung. Es ist sein 16. Elfmeter in der Bundesliga. 14 von 15 hat er zuvor verwandelt, darunter alle fünf in der Saison 1985/86. Zorc wählt sechs Schritte Anlauf und schaut, was Jacek Jarecki macht. Der 1,90 Meter lange polnische Torwart, der viel zu früh, an seinem 44. Geburtstag nach schwerer Krankheit die Welt wird verlassen müssen, entscheidet sich für die vom Schützen aus gesehen linke Ecke, Zorc verwandelt halbhoch rechts zum 1:1 (54.).

Es geht auf die Süd. „Aber eins, aber eins, das bleibt besteh’n, Borussia Dortmund wird nie untergeh’n.“ Die Hoffnung lebt wieder. Auch auf dem Rasen. Dortmund attackiert, Dortmund stürmt. Dortmund muss aber aufpassen. Die Kölner stehen tief und warten auf Konterchancen. Kutowski räumt Grabosch ab, sieht als dritter Borusse nach Pagelsdorf und Zorc Gelb, völlig zurecht.

Spielszene: Zorc beim Elfmeter.

Noch 30 Minuten. Wegmann köpft Simmes‘ Flanke knapp über den linken Torwinkel. Der kopfballstarke, 1,86 Meter große Abwehrspieler Dirk Hupe rückt nun zu Wegmann ins Sturmzentrum. Schüler soll dahinter gemeinsam mit Marcel Raducanu das Spiel ankurbeln. Der rumänische Edeltechniker ist von Beginn an viel am Ball, die entscheidenden Impulse vermag er aber auch noch nicht zu setzen.

Frank Pagelsdorf gewinnt hinten jeden Zweikampf! Er ist die große Stütze einer wankenden, weiterhin verzweifelt um den Klassenerhalt kämpfenden Mannschaft. Und er leitet mit einem Ballgewinn gegen Grabosch 20 Meter vor dem eigenen Tor das 2:1 ein. Pagelsdorf marschiert über den halben Platz, passt dann in den Lauf von Simmes, der das Zuspiel auf Höhe des rechten Strafraumecks annimmt, im Sechzehner einen Haken schlägt und damit Karl Richter ins Leere laufen lässt, im Fallen mit dem linken Fuß nach innen flankt, wo dem nur 178 Zentimeter große Raducanu ein sehenswertes Kopfballtor gelingt: Aus sieben Metern schlägt der Ball links oben im Giebel ein. Nach 68 Minuten liegt Borussia Dortmund mit 2:1 in Führung.

Die Gäste reagieren. Der defensive Karl-Heinz Wirtz ersetzt den offensiven Orkas. Kurz darauf muss sich Hans-Jürgen Gede, in der ersten Hälfte Dreh- und Angelpunkt im Spiel der Fortunen, am Oberschenkel behandeln lassen (70.). Das Auswechselkontingent aber ist nach zwei Wechseln erschöpft. Gede muss sich bis zum bitteren Ende über den Platz quälen.

Der BVB kann den Druck nicht durchgehend hochhalten. Der Zweitligist sorgt punktuell immer wieder für Entlastung, häufig über den schnellen U21-Nationalspieler Jörg Neun auf dem linken Flügel. Auf der anderen Seite wird Raducanu nach falscher Abseitsentscheidung eine aussichtsreiche Torchance genommen (76.).

Die Uhr tickt. Und sie scheint von Minute zu Minute schneller zu ticken. Und es beginnt die Zeit des Jacek Jarecki. Der 27-jährige Pole mit dem Spitznamen „Jaschin“, in Anspielung auf Lew Jaschin, den legendären sowjetischen Torhüter („Die schwarze Spinne“), wird die Schlussphase mit unfassbaren Reflexen bestimmen.

78. Minute: Simmes kommt links an den Ball, zieht ab, Jarecki hält.

80. Minute: Kutowski dribbelt über links bis zur Grundlinie, flankt nach innen, Zorc köpft aus sechs Metern, Jarecki pariert.

81. Minute: Anderbrügge über links, zieht aus relativ spitzem Winkel knallhart ab, Jarecki wehrt nach vorne ab, Wirtz‘ Klärungsaktion landet beinahe im eigenen Tor, streicht nur ganz knapp über die Latte.

Es ist ein schwarzgelbes Powerplay. Ein Spiel auf ein Tor. Ein Spiel gegen die Uhr. Wegmanns Schuss aus neun Metern wird abgefälscht und kracht fünf Minuten vor dem Ende an die Latte. Sekunden später verzieht Zorc aus zentraler Position, nachdem Grabosch über den Ball geschlagen hat. 10:2 Torchancen und 13:2 Ecken, aber weiter nur 2:1.

87. Minute: Pagelsdorf fängt wieder einmal einen Konter ab und leitet einen weiteren Dortmunder Angriff ein. Fast alles geht über die linke Seite. Flanke, Flugkopfball Wegmann, Jarecki. Sekunden später: Halbfeldflanke Zorc, Kopfball Storck, keine Mühe für Jarecki.

Die 90. Minute beginnt mit einem Eckball für Fortuna Köln. Er wird kurz gespielt. Der Versuch, einen Dortmunder anzuschießen und die nächste Ecke herauszuholen, misslingt. Als Immel den Abstoß ausführt – nicht den Regeln entsprechend, weil der Ball nicht still liegt –, sind genau 89 Minuten und 27 Sekunden gespielt.

Der BVB ist gefühlter Zweitligist, als Raducanu den letzten, den allerletzten Angriff einleitet. Der Rumäne schlägt einen langen Ball in den Kölner Strafraum, der abgewehrt wird. Bernd Storck hetzt dem Leder hinter. 15 Sekunden sind noch zu spielen. Nur noch 15 Sekunden!

Kurz vor der rechten Seitenlinie erreicht Storck den Ball, flankt in die Mitte, wo Zorc mit dem Kopf weiterleitet auf Simmes, 16 Meter, zentral vor dem Tor. Auch Simmes nimmt den Kopf. Kurz vor dem linken Fünfmetereck setzt der Ball auf. Von links kommt Anderbrügge, jagt den Ball scharf nach innen, Jarecki taucht ab, kann den wuchtigen Schuss aber nicht festhalten und legt ihn unfreiwillig vor die Füße von Wegmann, der ihn aus drei Metern über die Linie stochert. Kein Abseits, alles korrekt! Nach 89 Minuten und 53 Sekunden gibt es kein Halten mehr. Ein Reporter, der Zugang zum Innenraum hat, ist der Erste, der Wegmann jubelnd um den Hals fallen will. Aber der wehrt ihn locker ab. Minuten später sagt er über seinen Treffer: „Ich stehe da, wo ein Stürmer stehen muss.“

Wegmann schießt das entscheidende Tor in der letzten Minute.

Aron Schmidhuber pfeift gar nicht mehr an, sondern beendet Spiel zwei nach genau 91 Minuten und drei Sekunden. „Wir sind natürlich überglücklich, denn wir konnten nicht mehr damit rechnen, im letzten Moment das 3:1 zu machen“, erklärt Kapitän Eike Immel direkt danach. Zeitgleich wird Daniel Simmes im WDR-Interview von einem Fan das Trikot vom Leib gerissen. „Jürgen hat die ganze Saison gekämpft. Er hat’s verdient“, sagt Simmes über Wegmann, der in 90 Minuten vom „Judas“ wieder zum strahlenden Helden aufgestiegen ist.

Auf der Tribüne sitzend hat Norbert Dickel das Spiel verfolgt. Schweißgebadet. „Ich hatte zur kommenden Saison unterschrieben und wusste nicht, ob ich in der ersten oder zweiten Liga spiele.“ Nach Wegmanns Tor „habe ich noch nie in meinem Leben so viele Menschen gleichzeitig heulen gesehen.“

Dortmund erlebt eine lange Nacht am Pfingstsonntag des Jahres 1986, auch wenn noch nichts erreicht ist. Auch Dickel muss weiter warten ...
Boris Rupert

Die Entscheidung in Spiel 3

Am 30. Mai 1986 fiel die Entscheidung auf neutralem Boden im Düsseldorfer Rheinstadion vor 50.000 Zuschauern. Der BVB zeigte eine starke Leistung und gewann mit 8:0 – der Klassenerhalt war gesichert. Es war der Ausgangspunkt für eine neue erfolgreiche Phase in der Vereinsgeschichte: Bereits in der folgenden Saison qualifizierte sich Borussia Dortmund wieder für den UEFA-Pokal.

Anzeigetafel des Rheinstadion in Düsseldorf zeigt das Ergebnis. Acht zu Null für Borussia Dortmund.