Immel und Rauball feiern den Klassenerhalt.

Relegation 1985/86

Mai 1986. Borussia Dortmund steht vor einer der schwierigsten Prüfungen der Vereinsgeschichte. Nach einer enttäuschenden Bundesliga-Saison muss der BVB in die Relegation gegen den Zweitligisten Fortuna Köln – und damit den Verbleib in der höchsten deutschen Spielklasse sichern. Was folgte, waren drei Spiele voller Dramatik und Leidenschaft, die bis heute einen festen Platz in der Geschichte des Vereins einnehmen.

Ausgangslage vor dem zweiten Relegationsspiel

Das erste Relegationsspiel am 13. Mai 1986 im Müngersdorfer Stadion verlief enttäuschend. Fortuna Köln überzeugte als geschlossene Einheit und gewann verdient mit 2:0. Mit diesem Vorsprung im Rücken reiste der Zweitligist ins ausverkaufte Westfalenstadion – für den BVB war klar: Nur ein Sieg mit zwei Toren Unterschied würde die Entscheidung in ein drittes Spiel zwingen.


Fakten zu Spiel 2

19. Mai 1986
Borussia Dortmund – Fortuna Köln 3:1
Stadion: Westfalenstadion (Dortmund)
Zuschauer: 54.000 (ausverkauft)

Borussia Dortmund: Eike Immel – Frank Pagelsdorf – Bernd Storck, Dirk Hupe – Lothar Huber (46. Ingo Anderbrügge), Michael Zorc, Marcel Raducanu, Günter Kutowski – Daniel Simmes, Jürgen Wegmann, Wolfgang Schüler
Trainer: Reinhard Saftig

Fortuna Köln: Jacek Jarecki – Karl Richter – Jürgen Niggemann, Günter Hutwelker, Achim Kropp – Hans-Jürgen Gede, Bernd Grabosch, Jörg Neun, Ralf Außem (43. Hermann-Josef Werres) – Dieter Lemke, Christos Orkas (69. Karl-Heinz Wirtz)
Trainer: Hannes Linßen

Tore: 0:1 Bernd Grabosch (14.), 1:1 Michael Zorc (54., Foulelfmeter), 2:1 Marcel Raducanu (68.), 3:1 Jürgen Wegmann (90.)

Schiedsrichter: Aron Schmidhuber (Ottobrunn)

Einlauf der Mannschaften beim zweiten Relegationsspiel.

Als Dortmund am 19. Mai 1986 erwacht, deutet sich trotz nur vier Grad in der Früh ein sommerlicher, sonniger Tag an. Das Thermometer erreicht an diesem Pfingstmontag in der Spitze 23 Grad. Nach Kaffee und Kuchen pilgern die Fans am späten Nachmittag Richtung Westfalenstadion.

Der BVB kann sich in einer Zeit, in der die Bundesliga nicht annähernd die Anzugskraft besitzt wie heute, auf seine Anhänger verlassen. Wenn es darauf ankommt, sind sie da. 54.000 und einige mehr, die sich irgendwie Zutritt verschaffen, sorgen für ein ausverkauftes Haus, erstmals übrigens in der Saison 1985/86, in der der Zuschauerschnitt lediglich bei 22.573 liegt und selbst die Heimspiele gegen Bayern (47.000), Gladbach (43.500), den HSV (40.000) oder Schalke (34.000) nicht ausverkauft sind. Auch das Bild auf den Tribünen ist ein gänzlich anderes als heute. Helle Farben dominieren, kein Schwarz und Gelb. 

Die Stimmung ist angespannt optimistisch vor dem Anpfiff um 19 Uhr. Ein 0:2 aus dem Hinspiel ist aufzuholen. Noch mehr als das klare Resultat drückt die dort gezeigte Leistung der Mannschaft aufs Gemüt. Der junge Trainer Reinhard Saftig (damals 34), der erst seit vier Wochen in der Verantwortung steht, ändert die Aufstellung auf zwei Positionen: Dauerläufer Uli Bittcher ist nicht im Vollbesitz seiner Kräfte, und auch der noch junge Ralf Loose (23) muss auf die Bank. Für sie laufen Routinier Lothar Huber (34) – Held der Aufstiegsrelegation 1976 – und der erst 19 Jahre alte Stürmer Daniel Simmes von Beginn an auf. Er hat das „Tor des Jahres 1984“ – ein legendärer Sololauf – geschossen. Und tatsächlich wird Simmes an der letzten Aktion des Spiels entscheidend beteiligt sein ...

Zweitligist Fortuna Köln dreht schon direkt nach dem Anpfiff des erfahrenen Aron Schmidhuber (39) aus Ottobrunn – 1992 zum Welt-Schiedsrichter gekürt – an der Uhr. Zwischen Marcel Raducanus erstem Torschuss, der ins Aus geht, und der Ausführung des Abstoßes verstreichen exakt 51 Sekunden. Als Jürgen Wegmann elfmeterwürdig gefoult wird, winkt Schmidhuber ab. Glück für die Fortuna, die immer wieder gefährlich kontert. Pagelsdorf sieht nach Foul am durchgebrochenen Christos Orkas früh die Gelbe Karte.

Laute Fanfaren begleiten die Dortmunder Angriffsversuche. Bernd Storcks Distanzschuss in der achten Minute leitet eine erste Dortmunder Druckphase ein. Hochkarätige Torchancen aber kann sich die Mannschaft noch nicht erspielen, und auch das zunächst praktizierte hohe Pressing – damals „Forechecking“ genannt – verebbt früh. In der 14. Minute kombinieren sich die Gäste relativ ungestört durchs Mittelfeld: Die Borussen weichen zurück, statt den Ballführenden zu attackieren. Bernd Grabosch versetzt Michael Zorc und platziert seinen Linksschuss aus 20 Metern zentraler Position flach unten rechts. Eike Immel streckt sich vergebens.

Spielszene: Raducanu mit einem Torschuss.

Es steht 0:1, und man hört nur noch die nicht allzu zahlreichen Kölner Fans: „Oh, wie ist das schön ...“ Und die Fortuna schnuppert in der Folge am 0:2. Nach einem schlampig ausgeführten Raducanu-Freistoß kann Köln kontern – Nationaltorwart Immel pariert bravourös (33.). Kurz vor der Pause klärt Günter Kutowski in höchster Not vor Orkas.

Das Spiel ist in Hälfte eins geprägt von vielen langen Dortmunder Bällen, von zahlreichen Freistößen in Strafraumnähe, die aber allesamt nichts einbringen. Dem Offensivspiel fehlen Ideen und vor allem Genauigkeit. Spätestens am gegnerischen Sechzehner ist Endstation. Der BVB hat deutlich mehr Ballbesitz, aber das 0:1 zur Pause geht trotz der Spielanteile und 5:2 Ecken durchaus in Ordnung. In der Kabine, erzählt Wegmann später, „konnte man eine Stecknadel fallen hören“, so ruhig sei es gewesen. Nach Addition von Hin- und Rückspiel steht es 0:3. Die seinerzeit u. a. im Europapokal gültige Auswärtstorregel findet in dieser Relegation zum Glück für den BVB keine Anwendung. Ansonsten wären in Durchgang zwei vier Tore zwingend notwendig gewesen.

Mit Linksaußen Ingo Anderbrügge für Abwehrspieler Huber geht es in die zweiten 45 Minuten. Der BVB ist nun mit vier Stürmern unterwegs: Simmes rechts, Wegmann und Wolfgang Schüler in der Mitte. Wegmanns bevorstehender Wechsel für 1,4 Millionen D-Mark (gut 700.000 Euro) zur folgenden Saison zum Erzrivalen Schalke 04 ist kurz zuvor bekannt geworden und beschert  ihm „Judas“-Rufe von einigen Fans. Trotz der „totalen Offensive“ gelingt es in den ersten Minuten der zweiten Hälfte nicht, den Gegner an dessen Strafraum festzunageln. Die Kölner können die Hereingaben immer wieder klären, doch nach 53 Minuten klaut Wegmann dem überraschten Hans-Jürgen Gede nach einer vermeintlich erfolgreichen Abwehraktion den Ball, leitet weiter zu Anderbrügge, der von Gede am linken Strafraumeck zu Boden gerissen wird. Die Entscheidung von Schiedsrichter Schmidhuber, auf den Elfmeterpunkt zu zeigen, ist in diesem Moment unstrittig. Die Kölner Spieler reklamieren nicht, auch die TV-Experten Rolf Rüssmann und Dettmar Cramer äußern keine Zweifel an der Berechtigung des Strafstoßes, wenngleich beide nicht ganz unparteiisch sein können. Rüssmann hat bis 1985 für den BVB gespielt, Cramer, der Bayern München 1975 und 1976 zum Europapokal der Landesmeister gecoacht hatte, ist gebürtiger Dortmunder gewesen.

Michael Zorc, 23 Jahre jung, übernimmt die Verantwortung. Es ist sein 16. Elfmeter in der Bundesliga. 14 von 15 hat er zuvor verwandelt, darunter alle fünf in der Saison 1985/86. Zorc wählt sechs Schritte Anlauf und schaut, was Jacek Jarecki macht. Der 1,90 Meter lange polnische Torwart, der viel zu früh, an seinem 44. Geburtstag nach schwerer Krankheit die Welt wird verlassen müssen, entscheidet sich für die vom Schützen aus gesehen linke Ecke, Zorc verwandelt halbhoch rechts zum 1:1 (54.).

Es geht auf die Süd. „Aber eins, aber eins, das bleibt besteh’n, Borussia Dortmund wird nie untergeh’n.“ Die Hoffnung lebt wieder. Auch auf dem Rasen. Dortmund attackiert, Dortmund stürmt. Dortmund muss aber aufpassen. Die Kölner stehen tief und warten auf Konterchancen. Kutowski räumt Grabosch ab, sieht als dritter Borusse nach Pagelsdorf und Zorc Gelb, völlig zurecht.

Spielszene: Zorc beim Elfmeter.

Noch 30 Minuten. Wegmann köpft Simmes‘ Flanke knapp über den linken Torwinkel. Der kopfballstarke, 1,86 Meter große Abwehrspieler Dirk Hupe rückt nun zu Wegmann ins Sturmzentrum. Schüler soll dahinter gemeinsam mit Marcel Raducanu das Spiel ankurbeln. Der rumänische Edeltechniker ist von Beginn an viel am Ball, die entscheidenden Impulse vermag er aber auch noch nicht zu setzen.

Frank Pagelsdorf gewinnt hinten jeden Zweikampf! Er ist die große Stütze einer wankenden, weiterhin verzweifelt um den Klassenerhalt kämpfenden Mannschaft. Und er leitet mit einem Ballgewinn gegen Grabosch 20 Meter vor dem eigenen Tor das 2:1 ein. Pagelsdorf marschiert über den halben Platz, passt dann in den Lauf von Simmes, der das Zuspiel auf Höhe des rechten Strafraumecks annimmt, im Sechzehner einen Haken schlägt und damit Karl Richter ins Leere laufen lässt, im Fallen mit dem linken Fuß nach innen flankt, wo dem nur 178 Zentimeter große Raducanu ein sehenswertes Kopfballtor gelingt: Aus sieben Metern schlägt der Ball links oben im Giebel ein. Nach 68 Minuten liegt Borussia Dortmund mit 2:1 in Führung.

Die Gäste reagieren. Der defensive Karl-Heinz Wirtz ersetzt den offensiven Orkas. Kurz darauf muss sich Hans-Jürgen Gede, in der ersten Hälfte Dreh- und Angelpunkt im Spiel der Fortunen, am Oberschenkel behandeln lassen (70.). Das Auswechselkontingent aber ist nach zwei Wechseln erschöpft. Gede muss sich bis zum bitteren Ende über den Platz quälen.

Der BVB kann den Druck nicht durchgehend hochhalten. Der Zweitligist sorgt punktuell immer wieder für Entlastung, häufig über den schnellen U21-Nationalspieler Jörg Neun auf dem linken Flügel. Auf der anderen Seite wird Raducanu nach falscher Abseitsentscheidung eine aussichtsreiche Torchance genommen (76.).

Die Uhr tickt. Und sie scheint von Minute zu Minute schneller zu ticken. Und es beginnt die Zeit des Jacek Jarecki. Der 27-jährige Pole mit dem Spitznamen „Jaschin“, in Anspielung auf Lew Jaschin, den legendären sowjetischen Torhüter („Die schwarze Spinne“), wird die Schlussphase mit unfassbaren Reflexen bestimmen.

78. Minute: Simmes kommt links an den Ball, zieht ab, Jarecki hält.

80. Minute: Kutowski dribbelt über links bis zur Grundlinie, flankt nach innen, Zorc köpft aus sechs Metern, Jarecki pariert.

81. Minute: Anderbrügge über links, zieht aus relativ spitzem Winkel knallhart ab, Jarecki wehrt nach vorne ab, Wirtz‘ Klärungsaktion landet beinahe im eigenen Tor, streicht nur ganz knapp über die Latte.

Es ist ein schwarzgelbes Powerplay. Ein Spiel auf ein Tor. Ein Spiel gegen die Uhr. Wegmanns Schuss aus neun Metern wird abgefälscht und kracht fünf Minuten vor dem Ende an die Latte. Sekunden später verzieht Zorc aus zentraler Position, nachdem Grabosch über den Ball geschlagen hat. 10:2 Torchancen und 13:2 Ecken, aber weiter nur 2:1.

87. Minute: Pagelsdorf fängt wieder einmal einen Konter ab und leitet einen weiteren Dortmunder Angriff ein. Fast alles geht über die linke Seite. Flanke, Flugkopfball Wegmann, Jarecki. Sekunden später: Halbfeldflanke Zorc, Kopfball Storck, keine Mühe für Jarecki.

Die 90. Minute beginnt mit einem Eckball für Fortuna Köln. Er wird kurz gespielt. Der Versuch, einen Dortmunder anzuschießen und die nächste Ecke herauszuholen, misslingt. Als Immel den Abstoß ausführt – nicht den Regeln entsprechend, weil der Ball nicht still liegt –, sind genau 89 Minuten und 27 Sekunden gespielt.

Der BVB ist gefühlter Zweitligist, als Raducanu den letzten, den allerletzten Angriff einleitet. Der Rumäne schlägt einen langen Ball in den Kölner Strafraum, der abgewehrt wird. Bernd Storck hetzt dem Leder hinter. 15 Sekunden sind noch zu spielen. Nur noch 15 Sekunden!

Kurz vor der rechten Seitenlinie erreicht Storck den Ball, flankt in die Mitte, wo Zorc mit dem Kopf weiterleitet auf Simmes, 16 Meter, zentral vor dem Tor. Auch Simmes nimmt den Kopf. Kurz vor dem linken Fünfmetereck setzt der Ball auf. Von links kommt Anderbrügge, jagt den Ball scharf nach innen, Jarecki taucht ab, kann den wuchtigen Schuss aber nicht festhalten und legt ihn unfreiwillig vor die Füße von Wegmann, der ihn aus drei Metern über die Linie stochert. Kein Abseits, alles korrekt! Nach 89 Minuten und 53 Sekunden gibt es kein Halten mehr. Ein Reporter, der Zugang zum Innenraum hat, ist der Erste, der Wegmann jubelnd um den Hals fallen will. Aber der wehrt ihn locker ab. Minuten später sagt er über seinen Treffer: „Ich stehe da, wo ein Stürmer stehen muss.“

Wegmann schießt das entscheidende Tor in der letzten Minute.

Aron Schmidhuber pfeift gar nicht mehr an, sondern beendet Spiel zwei nach genau 91 Minuten und drei Sekunden. „Wir sind natürlich überglücklich, denn wir konnten nicht mehr damit rechnen, im letzten Moment das 3:1 zu machen“, erklärt Kapitän Eike Immel direkt danach. Zeitgleich wird Daniel Simmes im WDR-Interview von einem Fan das Trikot vom Leib gerissen. „Jürgen hat die ganze Saison gekämpft. Er hat’s verdient“, sagt Simmes über Wegmann, der in 90 Minuten vom „Judas“ wieder zum strahlenden Helden aufgestiegen ist.

Auf der Tribüne sitzend hat Norbert Dickel das Spiel verfolgt. Schweißgebadet. „Ich hatte zur kommenden Saison unterschrieben und wusste nicht, ob ich in der ersten oder zweiten Liga spiele.“ Nach Wegmanns Tor „habe ich noch nie in meinem Leben so viele Menschen gleichzeitig heulen gesehen.“

Dortmund erlebt eine lange Nacht am Pfingstsonntag des Jahres 1986, auch wenn noch nichts erreicht ist. Auch Dickel muss weiter warten ...
Boris Rupert


Fakten zum Entscheidungsspiel

30. Mai 1986
Borussia Dortmund – Fortuna Köln 8:0
Stadion: Rheinstadion (Düsseldorf)
Zuschauer: 50.000

Borussia Dortmund: Eike Immel – Frank Pagelsdorf – Bernd Storck, Dirk Hupe – Ulrich Bittcher (72. Ralf Loose), Michael Zorc, Marcel Raducanu, Ingo Anderbrügge (80. Wolfgang Schüler), Günter Kutowski – Daniel Simmes, Jürgen Wegmann
Trainer: Reinhard Saftig

Fortuna Köln: Jacek Jarecki – Hans-Jürgen Gede – Jürgen Niggemann, Jörg Neun – Christos Orkas, Ralf Schlösser (51. Karl-Heinz Wirtz), Hermann-Josef Werres, Achim Kropp, Bernd Grabosch – Uwe Helmes (73. Thomas Gaßmann), Dieter Lemke
Trainer: Hannes Linßen

Tore: 1:0 Dirk Hupe (31.), 2:0 Michael Zorc (46.), 3:0 Ingo Anderbrügge (49.), 4:0 Bernd Storck (61.), 5:0 Daniel Simmes (66.), 6:0 Jürgen Wegmann (84., Elfmeter), 7:0 Michael Zorc (89.), 8:0 Frank Pagelsdorf (90.)

Schiedsrichter: Karl-Heinz Tritschler (Vörstetten)

Anzeigetafel des Rheinstadion in Düsseldorf zeigt das Ergebnis. Acht zu Null für Borussia Dortmund.

Als der kicker am Abend des 21. Mai 1986 seine Ausgabe für den folgenden Donnerstag in Druck gibt, ahnt niemand, dass das für Freitag, 23. Mai, angesetzte Entscheidungsspiel auf der Kippe steht.

Die Kölner beklagen öffentlich lediglich die Gelbsperren von Hutwelker und Richter, und zwar deshalb, weil zuvor in der zweiten Liga 38, in der Bundesliga nur 34 Spieltage zu absolvieren waren: „Die Chance, mehr Gelbe Karten zu sehen, ist doch größer“, argumentiert Trainer Hannes Linßen.

„Fortuna gegen Borussia – das Drama um Platz 18“, wird vom kicker auf drei Seiten ausführlich angekündigt. Dass es auf der Kippe steht, mit keiner Zeile erwähnt, vielmehr, dass Linßen „Schwerstarbeit verrichten“ müsse, um seine Mannschaft nach dem späten Gegentor in Dortmund moralisch wieder aufzubauen. Bezüglich der angeschlagenen Jürgen Gede und Frank Aussem gibt sich der Coach verhalten optimistisch und blickt schon über 120 mögliche Minuten hinaus: „Unsere Elfmeterschützen für Düsseldorf habe ich schon nominiert.“ Grabosch, Niggemann, Gede, Kropp und Neun sind die Namen, die das Fachblatt aufzählt.

Grabosch (Waden-, Hüft- und Rippenprellung, mindestens drei Wochen Pause), Niggemann (schwerer Erguss im Knie, drei Wochen Pause) und Gede (Oberschenkelzerrung, mindestens drei Wochen Pause) sind drei von zwölf Namen, die die Fortuna dem DFB als nicht spielfähig meldet.

Erst am Vorabend der Begegnung, als sich die Schwarzgelben im Trainingslager in Essen-Bredeney auf die Entscheidungsschlacht vorbereiten, erfährt Borussia Dortmund von der Absetzung. Und es sickert durch, dass die Kölner auf eine Verschiebung um zwei Wochen auf den 7. Juni drängen. Kapitän Eike Immel fürchtet den Verlust des psychologischen Vorteils nach dem 3:1 in siebtletzter Sekunde: „Jetzt haben sie Zeit, sich zu erholen.“

Borussia Dortmunds Präsident Reinhard Rauball ist promovierter Jurist. Sportrechtler. Er weiß, wie man Gegendruck erzeugt. Am Freitagabend, 80 Minuten vor dem geplanten Anstoß, passiert der Mannschaftsbus die geöffneten Tore des Rheinstadions. Eine Gebühr von 50 D-Mark hat das gekostet. Die Mannschaft inspiziert den Rasen, ohne sich vorher umzuziehen. „Das machen wir erst, wenn der Gegner doch noch kommt“, erklärt Uli Bittcher.

Rauball hat mit dieser „formaljuristischen“ Aktion die Grundlage für eine mögliche Auseinandersetzung vor dem DFB-Sportgericht geschaffen. Wir waren da, der Gegner ist nicht angetreten! Was er vom Vorgehen der Fortuna und des Verbandes hält, sagt Rauball in aller Deutlichkeit: „Seit dem Bundesligaskandal 1971 hat es keinen solchen Eklat und keine Fehlentscheidung solchen Ausmaßes mehr gegeben.“

BVB-Spieler auf dem Rasen des Rheinstadions in Düsseldorf.

Der DFB knickt ein, setzt die Partie für den darauffolgenden Freitag neu an, während die Fortuna auch zwei Tage vor dem nun für den 30. Mai angesetzten Entscheidungsspiel beklagt, nur sechs Spieler seien gesund, maximal acht oder neun einsetzbar. „Die Dinge wurden total auf den Kopf gestellt, jeder ärztliche Rat außer acht gelassen“, beklagt sich Vereinschef Jean Löring: „Der DFB stellt doch seinen eigenen Vertrauensarzt in Frage. Wie kann man drei Tage nach der Zustimmung eine Maßnahme wieder vom Tisch wischen, obwohl sich an den Umständen nichts geändert hat?“

Am 29. Mai 1986 vermeldet der kicker: „Das unendliche Duell zwischen Borussia Dortmund und Fortuna Köln um den 18. Bundesliga-Platz geht nun doch zu Ende: Der DFB hat das vor einer Woche wegen einer Verletzungswelle bei den Kölnern kurzfristig abgesetzte dritte Relegationsspiel für den morgigen Freitag im Düsseldorfer Rheinstadion (Anstoß 20 Uhr) neu angesetzt.“

Boris Rupert

Am Ende bekamen die Kölner doch eine Mannschaft zusammen, fast die gleiche übrigens, wie in den Spielen eins und zwei. Nur Ralf Schlösser und Uwe Helmes waren neu dabei.

Neben den gesperrten Karl Richter und Karsten Hutwelker sowie dem in Dortmund verletzt ausgeschiedenen Frank Aussem fehlten im Entscheidungsspiel keine Akteure, die zuvor eine Rolle gespielt hatten: Kurtenbach, Schröder, Siegmann, Heinen waren nicht dabei. Torwart Jacek Jarecki sowie Schlösser, Hans-Jürgen Gede und Helmes waren zwar offiziell krankgeschrieben, starteten sogenannte „Arbeitsversuche – überstehen sie das Spiel ohne Beschwerden, gelten sie anschließend als gesund“, berichtete SAT.1-Kommentor Jörg Dahlmann in die Wohnzimmer der Republik.

Unbeschreiblicher Jubel bei Dortmund – tiefe Niedergeschlagenheit bei Fortuna Köln. Borussia schaffte den Klassenerhalt in beeindruckender Manier. Die Mannschaft, die in diesem dritten Relegationsspiel als Favorit galt, überrollte die geschwächten Kölner (Richter und Hutwelker gesperrt, einige andere waren nur unter stärksten ärztlichen Bedenken aufgelaufen) in der zweiten Halbzeit nach allen Regeln der Fußballkunst. Der BVB-Express war einfach nicht mehr zu stoppen. „Mit Wut im Bauch“ hatten die Dortmunder keine Gnade mit den Kölnern. „Für jeden Tag Verzögerung und Zittern ein Tor“, grinste der zweifache Torschütze Michael Zorc. 8:0 – damit hatte beim besten Willen keiner gerechnet. Eine Halbzeit hielten die Kölner sehr gut mit. Man sah ihnen überhaupt nicht an, dass einige stark verletzt sein sollten. Der große Bluff, oder war ein Wunderheiler am Werk?

Das, was der kicker nach dem Entscheidungsspiel fragte, fragten sich die vielen, vielen BVB-Fans unter den 50.000 Zuschauern im Düsseldorfer Rheinstadion auch. Denn ihre Mannschaft, im Vergleich zu Spiel zwei mit Ulrich Bittcher für Wolfgang Schüler in der Startelf und damit nominell etwas defensiver formiert, sah sich einem ebenbürtigen Gegner gegenüber und hatte plötzlich wieder etwas zu verlieren. „Wir waren ein bisschen nervös“, gab Abwehrspieler Dirk Hupe später zu. Eike Immel bewahrte seine Mannschaft mit einer Riesentat nach einem Kopfball von Helmes vor einem möglichen Rückstand. 

In einer weitgehend ausgeglichenen ersten Hälfte sorgte Hupe dann für die Führung – und für großes Aufatmen. Mit Wucht köpfte er einen Raducanu-Eckball in der 31. Minute aufs Tor. Ein Abwehrspieler klärte auf der Linie, doch Hupe setzte entschlossen nach, brachte die Kugel mit dem rechten Fuß wieder aufs Tor, abermals klärte ein Verteidiger für den geschlagenen Torwart Jarecki, doch Abpraller Nummer zwei setzte Hupe per Flugkopfball in die Maschen. Mehr kann man einen Treffer nicht erzwingen.

Sechs Minuten später allerdings hatte Achim Kropp das 1:1 auf dem Fuß, doch erneut war Nationaltorwart Immel, der tags darauf zur WM nach Mexiko nachreisen und nicht mehr als Borusse zurückkehren sollte (er wechselte zum VfB Stuttgart), reaktionsschnell auf dem Posten. Die knappe 1:0-Führung zur Pause war ein wenig schmeichelhaft.

Spielszene: BVB-Spieler jubeln nach einem Tor.

Die Entscheidung fiel unmittelbar nach dem Seitenwechsel. Michael Zorc köpfte eine Freistoßflanke von Marcel Raducanu aus sieben Metern in die Maschen. Wunderbar hatte er sich von seinem Bewacher gelöst und das perfekte Timing beim Kopfball gezeigt. Der Ball touchierte den linken Innenpfosten und landete zum 2:0 im Netz. Genau 44 Sekunden waren im zweiten Durchgang gespielt. Der Jubel unter den rund 30.000 BVB-Fans kannte keine Grenzen! Und Zorc war nicht mehr zu halten. Er setzte sich gegen zwei Kölner durch und zog aus 22 Metern ab. Jarecki konnte den Schuss nicht festhalten, Ingo Anderbrügge staubte ab, nach 48 Minuten führte Borussia Dortmund mit 3:0. Der Doppelschlag brach die Moral der Fortunen und stärkte das Selbstbewusstsein der Schwarzgelben. „Die Tore nach der Halbzeit waren unglaublich wichtig“, so Anderbrügge: „Danach haben wir uns in einen Rausch gespielt.“

Bernd Storck, dessen Einsatz auf der Kippe gestanden hatte, erzielte in der 61. Minute das 4:0, Daniel Simmes traf aus spitzem Winkel, von der Grundlinie, durch die Beine von Jarecki zum 5:0 (66.). Der im Spiel in Dortmund alles überragende Kölner Schlussmann war mit einer Kreuzbandblessur in die Partie gegangen und patzte mehrfach.

Die Schlussphase geriet zur Demütigung für den Zweitligisten. Jürgen Wegmann (84.), Michael Zorc mit einem Distanzschuss (89.) und der beim Drama im Westfalenstadion herausragende Frank Pagelsdorf (90.) erhöhten auf 8:0. Der Schlusspunkt war ein perfekter Schuss in den Winkel, nachdem Marcel Raducanu glänzend die Übersicht behalten hatte.

Michael Zorc (damals 23), der in den folgenden Jahren zum Kapitän und zum Gesicht von Borussia Dortmund werden würde, verspürte danach „eine andere Freude als beim Gewinn einer Meisterschaft. Hier war es mehr Erlösung vom Druck der letzten Wochen. Dennoch: Nie hat mir Fußballspielen mehr Spaß gemacht als in den letzten 30 Minuten. Nach dem 3:0 war es plötzlich wie im Rausch. Ich hätte ewig so weiterspielen können.“

Spielszene: Trainer Saftig feiert den Klassenerhalt.

Die TV-Reporter, denen Zugang zur Kabine gewährt wurde (und Spieler wie Zorc und Anderbrügge nach ihren Namen fragen mussten), vermissten „Champagner und Bier“. Dirk Hupe, der vor der Saison von Arminia Bielefeld an den Borsigplatz gewechselt war, vermisste das auch. „Ich habe eben gehört, das wäre Brauch bei Borussia. Wir trinken gleich im Bus.“ Damit befolgte er die Worte von Dr. Reinhard Rauball, der nach dem Schlusspfiff erleichtert angekündigt hatte: „Heute Abend wollen wir auch im fröhlichen Bereich an unsere Leistungsgrenze herangehen.“

Fünf Wochen nach Abpfiff des letzten Ligaspiels bei Hannover 96 stand fest: Borussia Dortmund bleibt Erstligist! „Fünf Wochen voller Stress“, sagte Trainer Reinhard Saftig: „Ich spüre die totale Erleichterung.“ Sie war ihm ins Gesicht geschrieben.

Auch finanziell hatte sich die nervenaufreibende Relegation für den wirtschaftlich angeschlagenen BVB gelohnt. Zwischen 1,2 und 1,5 Millionen D-Mark (umgerechnet ca. 600.000 bis 750.000 Euro) flossen in die klammen Kassen – für die Verhältnisse jener Zeit ein signifikanter Anteil am Saison-Etat. Jeder Spieler erhielt eine Prämie von 5.000 Mark.

Der Fast-Absteiger von 1986 stürmte ein Jahr später in den UEFA-Cup.

Zeitungsausschnitt mit den wichtigsten Daten zum Spiel.

Boris Rupert

Was ist Borussia Dortmund heute? Nach Benfica Lissabon, Bayern München, River Plate und Boca Juniors der fünftgrößte Sportverein der Welt. Über 200.000 Mitglieder. Millionen Fans weltweit. Platz zwei in der Ewigen Tabelle der Fußball-Bundesliga, was gut die Kräfteverhältnisse in Deutschland widerspiegelt.

All das wäre nicht möglich gewesen ohne das Tor von Jürgen Wegmann an Pfingstmontag 1986.

Dieses Tor war die Initialzündung. Der Fast-Absteiger von 1986 stürmte ein Jahr später in den UEFA-Cup. Unvergessen sind die Auswärtsspiele in den finalen Saisonwochen, als Schwarzgelb ganz in Gelb auflief. Die gelben Hosen wurden zum Markenzeichen. 4:0 in Düsseldorf, 2:1 in Nürnberg, 3:2 in Kaiserslautern und 4:0 in Frankfurt, als das Waldstadion fest in Dortmunder Hand war.

Eins bedingte das andere. Der Europapokalteilnahme 1987 folgte der Pokalsieg 1989. Nach 23 titellosen, zumeist von Tristesse geprägten Jahren, hatte Borussia Dortmund wieder etwas zu feiern. 4:1 gegen Werder Bremen vor über 40.000 mitgereisten Fans im Olympiastadion. Ein paar Wochen später holte sich der BVB im Spiel gegen den Deutschen Meister Bayern München den Supercup.

Drei Jahre zuvor war der BVB beinahe bankrott, jetzt war er angesagt, handlungsfähig und auch sportlich voll konkurrenzfähig. Die personellen Entscheidungen damals saßen. Manager Michael Meier landete mit den Verpflichtungen von Stürmer Stéphane Chapuisat und Trainer Ottmar Hitzfeld, von einer Dortmunder Tageszeitung anfänglich als „Schweizer Käse“ verspottet, wahrhafte Glücksgriffe.

Und selbst die um wenige Minuten verpasste Deutsche Meisterschaft 1992 sollte sich im Nachhinein als Glücksfall erweisen. Die Teilnahme an der Champions League wäre für die Mannschaft vermutlich eine Nummer zu groß gewesen, stattdessen stürmte sie durch den UEFA-Cup und war ab dem Viertelfinale der einzig verbliebene Bundesligist in einem der drei europäischen Wettbewerbe. Damals funktionierte die Vermarktung anders als heute. Ab dem Viertelfinale musste der BVB den prall gefüllten Fernseh-Topf nur mit sich selbst teilen. Der erfolgreich bestrittene Halbfinal-Krimi gegen AJ Auxerre und die Finalteilnahme gegen Juventus Turin bescherten weitere Sympathien, zumal die Kinder in den neuen Bundesländern damals auf der Suche nach Idolen waren. Auch das mit ein Grund dafür, warum der BVB in Thüringen und anderen Regionen mehr Fans hat als jeder andere deutsche Klub.

Die sportlichen und damit verbundenen wirtschaftlichen Erfolge der Saison 1992/93 wiederum bildeten die Basis für die Meisterschaften 1995 und 1996 sowie für den Gewinn der UEFA Champions League 1997.

Elf Jahre nach Jürgen Wegmanns vermutlich wichtigstem Tor der Vereinsgeschichte erzielte Lars Ricken das sportlich bedeutendste Tor der Vereinsgeschichte.

Boris Rupert