Interview
Annika Enderle: Borussias erste Fußball-Bundesliga-Spielerin
Svenja Schlenker begrüßt sie mit offenen Armen zur Vertragsunterschrift. Als Zeugen dienen die Gründerväter um Franz Jacobi auf dem Gemälde hinter dem Schreibtisch. Es folgt das Trikot mit der Nummer 19 auf dem Rücken – Fotoshooting und Videodreh. Annika Enderle zeigt aufs Emblem, spricht in die Kamera, schnürt die Schuhe, sie posiert und postet, ballt die Fäuste zum Jubel.
Schnitt.
Plötzlich steht sie in Schwarz und Gelb im Stadion Rote Erde. Mit dem Smartphone in der Hand dreht sie sich auf historisch bedeutsamem Boden um die eigene Achse, fängt die ersten Eindrücke von ihrer neuen sportlichen Heimat auch für sich selbst ein. Hält sie fest.
Nie zuvor ist eine neue Fußballerin bei Borussia Dortmund mit einem solch aufwendig produzierten Willkommensclip empfangen worden. Nie zuvor in der noch jungen Geschichte des Frauenfußballs beim BVB hat eine Spielerin die Komponenten mitgebracht, die Annika Enderle im Gepäck hat. Unsere neue Nummer 19 kommt mir der Erfahrung aus 22 Bundesligaeinsätzen für die SGS Essen. „Wir sind überzeugt, dass sie eine wichtige Rolle in der Offensive spielen wird. Gemeinsam mit ihr wollen wir unsere Ziele in der laufenden Saison erreichen und den Fans attraktiven Fußball bieten“, sagt Abteilungsleiterin Svenja Schlenker bei der Ankunft in Dortmund.
Seit Januar ist Annika Enderle nun beim BVB, wohnt mit zwei Mädels in einer Dreier-WG in Dortmund. Für das folgende Gespräch ist die Stürmerin in die Rote Erde zurückgekehrt.
Annika, was macht ein Heimspiel für Dich aus?
„Fans. Dass alle da sind und uns unterstützen. Support.“
Europapokal. Flutlichttrikots. Benfica Lissabon. Für Dortmunder ist die Rote Erde immer auch ein Teil ihrer Geschichte. Was ist Deine Geschichte?
„Ich habe, wie damals alle Mädels, bei den Jungs angefangen. Dann bin ich nach Alberweiler gegangen; das kennt immer keiner, hat mich aber trotzdem geprägt. Da hatte ich einen guten Trainer, der mich nach vorne gebracht hat. Bis zur U17 habe ich in der Innenverteidigung gespielt, aber er hat mein Offensivtalent entdeckt. Wegen des Studiums bin ich dann nach Köln gezogen und habe mir mal Bayer Leverkusen angeguckt. Das hat mir gefallen, das hat mich angesprochen. Dort habe ich zwei Saisons in der U23 gespielt und durfte auf Grund meiner Leistungen auch oben mittrainieren und habe später einen Vertrag unterschreiben. 2023 bin ich dann nach Essen gegangen. Und jetzt bin ich hier.“
Ja, welch ein Glück! Was würdest Du sagen: Wie wichtig ist es für eine Karriere, zur richtigen Zeit am richtigen Ort mit den richtigen Leuten zusammen zu sein?
„Extrem wichtig. Man braucht einen Trainer, der an einen glaubt und den Spielstil unterstützt. Wenn der Trainer Vertrauen und Spielzeit schenkt, dann ist das die Basis für vieles, insbesondere für junge Spielerinnen, die erst noch Fuß fassen müssen.“
Apropos Vertrauen: Wie viel ist bei Euch heute Kopfsache, also mentale Stärke, und wie viel Talent?
„Es gibt wahnsinnig viele talentierte Spielerinnen, im Endeffekt spielt aber der Kopf die ausschlaggebende Rolle, ob man es nach ganz oben schafft oder nicht. Wenn der Kopf nicht mitspielt, ist es schwierig, dem mentalen Druck standzuhalten.“
Ist die Herausforderung bei Euch Fußballerinnen heute größer geworden, mental stark sein zu müssen, als sagen wir zu Silvia Neids aktiven Zeiten?
„Das kann ich ja gar nicht vergleichen, weil ich damals nicht gespielt habe. Aber insgesamt ist natürlich festzustellen, dass Frauenfußball an Bedeutung gewonnen und durch die Medien immer mehr Aufmerksam- keit bekommen hat. Und vor diesem Hintergrund ist der Druck, auch der mentale, definitiv gestiegen.“
Auf das Thema Aufmerksamkeit kommen wir gleich noch zu sprechen. Zunächst aber zurück zur Spielstätte. Die Rote Erde verkörpert nicht nur Geschichte, sondern auch Heimat von Borussia Dortmund. Was bedeutet Heimat für Dich? Ist das eine Kategorie, mit der Du etwas anfangen kannst?
„Heimat bedeutet mir viel. Ich bin ein totaler Familienmensch; ich habe vier Geschwister, von denen ich die zweitälteste bin. Ich hatte also echt eine schöne Kindheit, weil immer jemand um mich herum war. Ich war nie allein, konnte jederzeit mit irgendwem rausgehen und Fußball spielen. So aufgewachsen, freue ich mich heute noch immer, wenn Besuch kommt – oder wenn ich in der fußball- und unifreien Zeit nach Hause fahren und meine Familie besuchen kann.“
Offenbar warst Du viel draußen damals in Ulm – wie schön! Ich habe das Gefühl, dass das bei den Kindern von heute selten geworden ist. Was hat Dir dieses Draußen-sein, das ungeplante und ungezwungene Treffen und Kicken auf dem Bolzplatz gegeben?
„Das war eine schöne Zeit. Ich bin von der Schule nach Hause gekommen, habe kurz Hausaufgaben gemacht, dann am Fenster geschaut, wer auf dem gegenüberliegenden Bolzplatz gerade am Ball war – und bin dann einfach rausgegangen. Bis es dunkel wurde und die Mama vom Balkon gerufen hat, dass ich heimkommen soll. So bin ich groß geworden.“
Wirklich? Das ist ja fast kitschig, jedenfalls die Geschichte, die man gerne erzählt und gerne hört.
„Ja, aber das war wirklich so.“
Womit wir zur Frage kommen, die Du sicher nicht zum ersten Mal hörst: Wie kommt es, dass Du aus der Bundes- in die Westfalenliga gewechselt bist?
„Ich habe gemerkt, dass ich an einem Punkt angelangt war, an dem ich etwas Neues brauchte – genau genommen: einen kompletten Neustart. In Essen hatte ich nicht so viele Spielzeiten wie erhofft. Deshalb der vermeintliche Schritt zurück, um mit mehr Selbstbewusstsein wieder voll durchzustarten.“
War das ein längerer Entscheidungsprozess oder relativ schnell klar?
„Nein, das ist mir schon schwergefallen. Denn natürlich war und ist es immer das Ziel, in der Bundesliga anzukommen und sich dort dann auch zu etablieren. Wenn man da oben ist und dann drei Schritte zurückgeht, dann trifft man diese Entscheidung nicht von heute auf morgen. Das hat ein paar Gespräche mit meinem Freund und meiner Familie gebraucht.“
Tim Bendzko singt: Ich geh nicht zurück, ich nehm nur Anlauf… Das dürften doch Intention und Motivation sein. Oder?
„Ja, klar, das ist der Plan. Es ist aber auch noch ein Stück des Weges zu gehen bis dahin.“
Was bringst Du dafür mit? Was kannst Du einbringen, was der Mannschaft geben, sowohl an fußballerischer Qualität als auch als Typ und Charakter?
„Was meine Persönlichkeit betrifft, würde ich sagen, dass ich ein sehr umgänglicher Typ bin. Mit mir kann man echt über alles quatschen. Ich bin für jeden Spaß zu haben und versuche, immer für die Mannschaft da zu sein. Fußballerisch würde ich meinen Zug zum Tor nennen. Tiefenlaufwege und Torabschluss sind meine Stärken.“
Wie stimmst Du Dich auf ein bevorstehendes Spiel ein? Hörst Du Musik und verschwindest im oft zitierten Tunnel?
„Ich höre querbeet alles, am liebsten Harry Styles, aber nicht zur Einstimmung auf ein Spiel. Diese Relevanz hat Musik für mich dann doch nicht. Vor einem Spiel werde ich ruhiger, versuche mich zu sammeln und auf das Wesentliche zu konzentrieren.“
Wie offen waren die Arme der Mitspielerinnen, als Du beim BVB angekommen bist?
„Die haben sich gefreut, weitere Unterstützung zu bekommen. Es hat nicht lange gedauert, vielleicht zwei, drei Trainingseinheiten, bis ich voll integriert und ein Teil des Teams war. Es wurde mir super einfach gemacht, hier Fuß zu fassen.“
Inwieweit hattest Du den Weg der Fußballerinnen von Borussia Dortmund vorher verfolgt? Nimmt man auch außerhalb der Stadt wahr, was hier entsteht?
„Klar habe ich davon gehört, dass der BVB hier etwas Großes aufzieht und den Weg von unten an geht – was ich schon von außen betrachtet sehr cool und positiv fand.“
Annika, was machst Du, wenn Du nicht Fußball spielst, studierst oder die Familie besuchst?
„Oh, danach bleibt gar nicht mehr so viel Zeit. Im Wesentlichen bin ich gerne mit Menschen zusammen. Deshalb versuche ich immer, Zeit für Freunde zu finden – und ich telefoniere gerne.“
Wie darf man sich das vorstellen: Bleiben an den einzelnen Stationen einer Karriere immer einige wenige gute Bekanntschaften zurück?
„Ja, so ungefähr. Ich habe eine sehr gute Freundin, die spielt aktuell in Basel – man hat seine Leute also überall verteilt.“
Svenja Schlenker legt seit jeher Wert darauf, dass Frauenfußball beim BVB kein Projekt ist, sondern etwas Dauerhaftes, das bestenfalls immer weiter nach oben führt. In der Westfalenliga hat man schon festgestellt, dass es punktuell enger wird. Wie malst Du Dir den weiteren Weg mit Borussia Dortmund aus?
„Man muss in erster Linie von Saison zu Saison und von Liga zu Liga gucken und dafür ein jeweils schlagkräftiges Team zusammenhaben. Der Weg ist vorgeschrieben, würde ich mal behaupten.“
Was zeichnet die aktuelle Mannschaft Deiner Meinung nach aus?
„Sportlich sind es Bereitschaft und Einsatzwille. Wir haben einen großen Kader, da gibt jede immer alles, um auch entsprechende Spielzeiten zu erhalten. Das ist absolut auffällig. Neben dem Platz sind wir eine harmonische Gruppe; ich denke, jede hat sich mit jeder etwas zu sagen.“
Wie gehst Du mit Rückschlägen um?
„Man ist immer enttäuscht, wenn man weniger Spielzeit erhält als erhofft. Das war bei mir in Essen so. Damit musste ich erstmal selbst klarkommen und eine Strategie entwickeln, damit umzugehen. Dann und erst dann kann man aus solchen Rückschlägen auch für sich persönlich Positives ziehen. Ich habe viel mit Mannschaftskolleginnen und mit meinem Freund darüber gesprochen. Ich habe gelernt, immer das Positive zu sehen, nicht aufzugeben, auch wenn es manchmal schwierig ist – aber nur so lernt man und wächst auch als Persönlichkeit.“
Ich habe deshalb noch einmal nachgefragt, weil es unweigerlich enger werden wird, je höher es geht. Da kann es ja nicht schlecht sein, jemanden dabei zu haben, der Erfahrung mit schwierigen Situationen und mit deren Umgang hat.
„In jeder Saison wird es für die eine oder andere Spielerin enger oder es kann auch zu eng werden, das ist absehbar. Diese Situation kenne ich, entsprechend werde ich immer auf diese Spielerinnen zugehen und versuchen, sie aufzubauen und Lösungen zu finden.“
Autor: Nils Hotze
Fotos: Hendrik Deckers
Der Text stammt aus dem Mitgliedermagazin BORUSSIA. BVB-Mitglieder erhalten die BORUSSIA in jedem Monat kostenlos. Hier geht es zum Mitgliedsantrag.