Interview
Professionalisierung, Personal, Pokalfinale: Svenja Schlenker im Interview
Dass die Meisterschaft in der Westfalenliga gegen Freudenberg perfekt gemacht wird, war spätestens mit dem Treffer zum 3:0 kurz nach der Pause klar. Am Ende hieß es sogar 7:0. So klar war es beim 2:1-Derbysieg gegen Schalke Ende April überhaupt nicht. Das Siegtor fiel erst in der 88. Minute...
„Grundsätzlich war für den Derbysieg alles angerichtet: traumhaftes Wetter, unzählige Aktionen für Groß und Klein durch Partner und Sponsoren, eine ausverkaufte Rote Erde und eine fantastische Stimmung – vor allem natürlich nach dem Siegtor in der 88. Minute. In der Dramaturgie ein perfektes Derby, für meine und die Nerven eines jeden BVB-Fans eher schwierig. Ich bin wirklich stolz, dass die Spielerinnen dem Druck standgehalten und diesen wichtigen Sieg eingefahren haben.“
In Dana Marquardt und Annika Enderle haben die beiden Spielerinnen das Derby mit ihren Toren entschieden, mit denen im Winter der Kader verstärkt wurde. Inwieweit waren die Verpflichtungen von zwei Spielerinnen aus erster und zweiter Bundesliga ein Fingerzeig, in welche Richtung es künftig geht?
„Mit dem Aufstieg in die Regionalliga ist in der Tat ein weiterer und sehr großer Schritt hinsichtlich der stetig wachsenden Professionalisierung unserer Abteilung erfolgt. Wir werden ab Juli regelmäßig zweimal am Tag trainieren. Die Spielerinnen erhalten daher höher dotierte Verträge, als dies in der Westfalenliga der Fall war. Mit einem Vollzeitjob wäre der künftige Trainingsaufwand nicht mehr zu bewerkstelligen. Man kann also durchaus festhalten, dass wir uns auf einem guten Weg in Richtung Profitum bewegen.“
Profitum – das ist ein Schlagwort, das den Frauenfußball und seine Entwicklung bis hoch in die Bundesliga intensiv beschäftigt. Warum habt ihr Euch als kommender Regionalligist bereits zu diesem Schritt entschlossen?
„In Liga drei warten viele starke Teams auf uns, die Konkurrenz wird noch größer werden. Nur weil wir Borussia Dortmund sind, bekommen wir weiterhin nichts geschenkt. Wir haben jedoch einen großen Anspruch an uns selbst und werden ambitioniert in die neue Saison starten. Da wir uns als Abteilung von Anfang an selbst tragen können, weil auch marketing- und vertriebsseitig hervorragend gearbeitet wird, können wir es uns bereits jetzt leisten, unseren Spielerinnen auch finanziell eine große Wertschätzung entgegenzubringen.“
Bedeutet das auch einen personellen Umbruch?
„Ja, das bedeutet in der Tat einen größeren personellen Umbruch, der aber sehr vorausschauend und zukunftsweisend ist. Der Kader für die neue Saison wird mit Spielerinnen aus höheren Ligen gespickt sein, um eine Achse zu bilden, die uns am Ende hoffentlich bis in die erste Liga befördert. Einige Spielerinnen des aktuellen Kaders werden aber natürlich bleiben, zudem wird die Mannschaft mit jungen Talenten aufgefüllt, die sich bei uns zu Topspielerinnen entwickeln sollen.“
Marie Grothe beendet voraussichtlich die Karriere, Mia Macarena Bedarf ganz sicher. Außerdem verlassen Sandra Schröer, Marina Jung, Angelina Weber, Ana Louisa Haslsteiner, Lena Kölmel, Katharina Jäger und Marjana Naceva den Verein. In die zweite Mannschaft wechseln Kimberly Becker, Mandy Reinhardt, Sarah Giebels, Lisa Sophie Gomulka, Madita Sommer, Hannah Geldschläger und Finnja Schriek – was wiederum einen Umbruch auch im Unterbau zur Folge haben wird. Abgänge aus der 2. Mannschaft sind: Luisa Kieseheier, Katharina Wiese, Lea Herper, Sarah Duranville, Elaine Eickmann, Nelly Doronin, Yasmine Stromberg, Liana Liepa, Virginia Glänzer und Ana Schönenberg. Lotte Schnoor, Lynn Thäter und Rabea Haarmann haben die Mannschaft bereits in der Winterpause verlassen.
Namen, die für die erste Epoche des schwarzgelben Frauenfußballs stehen.
In Marie Grothe geht auch die Kapitänin von Bord ...
„Das ist leider so. Maries Fokus liegt künftig verstärkt auf ihrer beruflichen Karriere, da passt der deutlich erhöhte Aufwand speziell mit Trainingseinheiten am Vormittag und Nachmittag bei ihr leider nicht rein.“
Wie waren die Reaktionen der Spielerinnen?
„Natürlich war bei den Betroffenen Enttäuschung zu spüren. Für viele war und ist es ein Traum, im schwarzgelben Trikot zu spielen. Dennoch verliefen alle Gespräche durchweg positiv, verständnisvoll und wertschätzend. Die Spielerinnen, die aus der ersten in die zweite Mannschaft rücken, sind zufrieden und glücklich, weiterhin für Borussia Dortmund zu spielen. Und wir sind sehr froh, dass sie uns erhalten bleiben.“
In Sandra Schröer, Ana Louisa Haslsteiner, Marina Jung, Lena Kölmel sowie Virginia Glänzer und Lea Herper – die aus der zweiten Mannschaft genannt seien – verlässt ein Großteil des Premieren-Teams aus der Saison 2021/22 den Verein. Wieviel Wehmut ist dabei?
„Da ist in der Tat sehr viel Wehmut im Spiel, zugleich aber auch unschätzbare Dankbarkeit, weswegen wir sie am 1. Juni gebührend verabschieden und noch einmal ganz offiziell Danke sagen wollen. Diese Sechs sind den ganzen Weg bis hierin mit uns gegangen. Sie haben uns unzählige erste Male und Erfolge geschenkt; wir haben zusammen viel gelacht, aber auch mal ein Tränchen verdrückt. Das gilt im Übrigen nicht nur für die sechs genannten Spielerinnen, sondern für alle Mädchen und Frauen, die bisher ein Teil der jungen Geschichte des schwarzgelben Frauenfußballs waren.“
Zurück ins Hier und Jetzt. In Summe sprechen wir von 16 Abgängen aus der ersten Mannschaft. Das schreit nach einer ähnlichen Anzahl von Zugängen.
„Der Kader wird auch zur kommenden Saison voraussichtlich wieder 25 Spielerinnen umfassen.“
Kannst Du uns schon ein paar Namen verraten?
„Wir spielen jetzt erst einmal noch das Westfalenpokalfinale am 1. Juni und schließen die Saison damit ab. Im Anschluss wird dann noch genügend Zeit sein, um über neue Spielerinnen zu sprechen.“
Aber zumindest ein neuer Name steht schon fest: Markus Högner wird neuer Cheftrainer. Wie ist Euch dieser Coup gelungen?
„Markus Högner ist tatsächlich auf uns zugekommen. Er ist bereits unzählige Jahre im Frauenfußball als Trainer unterwegs, war insgesamt zwölf Jahre erfolgreich bei der SGS Essen unter Vertrag und hat für sich selbst befunden, dass er noch einmal offen für eine Veränderung ist. Wir haben uns einige Male getroffen und zusammen eruiert, wie ein gemeinsamer Weg in Schwarzgelb aussehen könnte. Markus ist ein sehr erfahrener Trainer, er kennt die Ligen, in denen wir uns nun bewegen wollen. Von dieser Erfahrung wollen wir profitieren, denn jede Liga bringt neue Herausforderungen mit sich. Zudem hat er in seinen Jahren als Trainer bereits viele Nationalspielerinnen hervorgebracht – warum also künftig nicht auch beim BVB?“
Trotzdem darf man sich fragen: Warum der Wechsel auf der Trainerposition? Thomas Sulewski hat auf Liga- und Kreispokal-Ebene jeden möglichen Titel gewonnen und am 1. Juni noch die Chance auf den Westfalenpokal.
„Thomas hat sich beim BVB ein Denkmal gebaut. Wir sind ihm sehr dankbar für die viele Arbeit, die er in den zurückliegenden vier Jahren in seine Aufgabe gesteckt hat. Frauenfußball beim BVB war für uns alle neu, wir haben gemeinsam bei Null angefangen, haben Jahr für Jahr große Ziele. Gemeinsam mit ihm und mit seinen Co-Trainern haben wir diese erfüllen können. Parallel zu seinem Cheftrainer-Posten hat er noch dafür gesorgt, dass auch die anderen beiden Mannschaften entstehen, wachsen und erfolgreich sind. Der Arbeitsumfang zwei solch bedeutender Jobs ist irgendwann nicht mehr alleine zu stemmen. Daher sind wir sehr froh, dass Thomas Lust darauf hat, sich künftig um den Aufbau von weiteren Nachwuchsmannschaften zu kümmern. Er hat bewiesen, dass er beim BVB etwas entwickeln kann.“
Wir haben bisher fast ausschließlich über die fortschreitende Professionalisierung mit Blick aufs Personal gesprochen. Sicherlich gibt es auch in anderen Bereichen Entwicklungen.
„Diese Entwicklungen gibt es, ja. Dass die Frequenz der Trainingseinheiten erhöht wird, habe ich bereits anklingen lassen. Wir werden jedoch auch den Trainingsplatz wechseln. Bevor wir irgendwann in näherer Zukunft auf den Plätzen unseres eigens gebauten Trainingsgeländes am Brackeler Heßlingsweg trainieren können, werden wir übergangsweise in den Hoeschpark ausweichen. Die Stadt Dortmund hat uns freundlicherweise den dortigen Rasenplatz sowie ein Funktionsgebäude zur Verfügung gestellt, so dass es uns möglich ist, immer auf Rasen zu trainieren. Nicht nur dafür, sondern auch grundsätzlich für den Bau einer eigenen Heimat innerhalb der BVB-Familie sind wir sehr dankbar. Dies ist eine sehr große Wertschätzung für unsere Arbeit und extrem zukunftsweisend im Hinblick auf die stetige Professionalisierung.“
Wir haben den 1. Juni mehrfach thematisiert: das letzte Saisonspiel. Es kommt erneut zum Derby, erneut im Stadion Rote Erde – dieses Mal im Finale um den Westfalenpokal. Bist Du genauso angespannt wie vor dem Duell in der Meisterschaft?
„Wir sind zum Glück ein wenig entspannter, aber nicht minder ambitioniert. In der Liga haben wir fast eine ganze Saison auf dieses eine Spiel hingearbeitet, da war natürlich eine Menge Druck drauf. Dennoch wollen wir gewinnen, denn der Sieg im Westfalenpokal wäre verbunden mit der erstmaligen Qualifikation für den DFB-Pokal.“
Autor: Danny Fritz
Fotograf: Alexandre Simoes