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Interview

Treffer vor der Gelben Wand? „Etwas ganz Besonderes“ – Serhou Guirassy im Gespräch

Er liebt es, Tore zu schießen. Und er hasst es, als Verlierer vom Platz zu gehen. „Ich habe eine Gewinnermentalität und immer dafür gearbeitet, unter den Besten zu sein“, sagt der 29 Jahre alte Nationalspieler Guineas, der in einer schwierigen schwarzgelben Saison mit für die Glanzlichter sorgt. Serhou Guirassy blickt mit Vorfreude auf die Klub-WM – und auf das nächste Familienfest mit seinen Geschwistern.

Die meisten Tore in einem Bundesliga-Spiel erzielte der Kölner Dieter Müller, als er im August 1977 in der Partie gegen Werder Bremen sechsmal traf. Den schnellsten Hattrick schaffte Robert Lewandowski im Jahr 2015 mit drei Treffern innerhalb von 202 Sekunden. Zu den Rekordspielern in der Geschichte der Fußball-Bundesliga zählt auch Serhou Guirassy, der an den ersten acht Spieltagen der Saison 2023/24 insgesamt 14 Tore für den VfB Stuttgart bejubelte – das hatte vor ihm kein Lewandowski, kein Müller (egal ob Dieter oder Gerd) und auch kein Haaland geschafft.

Beim Dortmunder 6:1-Erfolg gegen Union Berlin schoss Guirassy erstmals vier Tore in einem Bundesliga-Spiel, darunter war ein lupenreiner Hattrick in acht Minuten: Das gelang historisch nur sechs Spielern schneller. Darunter war auch ein Dortmunder, Norbert Dickel (sechs Minuten im September 1988 bei einem 4:0 gegen Hannover). Und auch beim 4:1-Sieg der guineischen Nationalmannschaft in der Afrika-Cup-Qualifikation gegen Äthiopien glänzte Borussia Dortmunds Stürmer im Oktober 2024 mit einem lupenreinen Hattrick.

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Wie zufrieden bist Du persönlich mit Deinen ersten zehn Monaten beim BVB?
„Ich bin erstmal sehr glücklich, bei einem so großen Klub wie Borussia Dortmund zu sein. Meine Saison läuft gut, ich bin einer der besten Torschützen in der Bundesliga und auch in der Champions League. Aber man kann sich immer verbessern.“

Besonders die Torausbeute in der Champions League ist stark!
„Die ist sehr gut. Aber für mich ist das keine Überraschung. Ich weiß, dass ich ein sehr guter Torjäger sein kann. Dieses Jahr beweise ich das in einem großen Wettbewerb. Ich muss so weitermachen und noch effizienter werden.“

Wie sehr liebst Du es, Tore zu schießen?
„Das kann ich gar nicht genau sagen. Aber ich liebe es, Tore zu schießen, wie alle Stürmer. Es ist ein ganz intensives Gefühl.“

Wie fühlt es sich an, vor der Gelben Wand zu treffen?
„Das ist nochmal etwas ganz Besonderes. Ich weiß nicht, ob ich das schon mal als Gegner gemacht habe, aber jetzt mit dem gelben Trikot ist es wirklich besonders.“

Und wie sehr hasst Du es zu verlieren?
„Ich habe eine Gewinnermentalität – ich will immer gewinnen. Ich bin damit aufgewachsen. Natürlich ist das nicht immer möglich, aber man muss sich jede Chance erarbeiten. Und wenn wir nicht gewinnen, bin ich sehrunglücklich – das Team auch, und ich sowieso mit meiner Mentalität.“

Schaut man auf die Namen der top platzierten Stürmer in der Champions League: Lewandowski, Haaland und auch Ousmane Dembélé haben eine Dortmunder Vergangenheit. Hast Du diese Spieler zu ihrer BVB-Zeit verfolgt?
„Ich habe das Gefühl, Dortmund hatte schon immer Torjäger. Und natürlich habe ich sie beobachtet, auch wenn ich nicht bei Dortmund war. Dortmund ist ein Klub, den jeder kennt. Wenn du die Bundesliga schaust,erinnerst du dich automatisch an diese Spieler.“

Hattest Du damals daran gedacht, eines Tages der Nachfolger von Lewandowski, Dembélé oder Haaland sein zu können?
„Nein, ich hatte nicht daran gedacht, das Dortmund-Trikot zu tragen. Das hängt natürlich immer auch vom Karriereplan ab. Ich hätte auch nach Spanien oder England gehen können.“

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Serhou Yadaly Guirassy wurde am 12. März 1996 im südfranzösischen Arles geboren und wuchs in Montargis in der Region Centre-Val de Loire im Norden Frankreichs auf. Der Sohn guineischer Eltern begann im Alter von sechs Jahren mit dem Fußballspielen, doch erst als er 14 Jahre alt war, fiel sein Leistungsvermögen richtig auf. Über die Stationen Stade Laval und AJ Auxerre in Frankreichs zweiter Liga ging es für den damals 20-Jährigen im Sommer 2016 in die Bundesliga zum 1. FC Köln. Verletzungsbedingt kam er in seiner Premieren-Saison jedoch nur zu sechs Einsätzen als Einwechselspieler. Guirassy kehrte zurück nach Frankreich und „zündete“ nun bei den Erstligisten SC Amiens (38 Spiele, 13 Tore) und Stade Rennes (81 Einsätze, 25 Tore).

Im September 2022 kehrte er in die Bundesliga zurück und unterschrieb am letzten Tag der Transferperiode beim VfB Stuttgart. Im Abstiegskampf setzte er die Glanzlichter, traf in jedem zweiten seiner ersten 22 Bundesliga-Spiele und auch in den Relegationsspielen gegen den Hamburger SV war er als Torschütze und als Vorbereiter jeweils einmal erfolgreich. Im Mai 2023 wandelte sein Klub die Leihe in eine feste Verpflichtung um. In der folgenden Saison traf er in 14 Hinrundenspielen 17-mal und hatte auch in der Rückrunde großen Anteil, dass Stuttgart die Saison 2023/24 als Vizemeister beendete. In 58 Pflichtspieleinsätzen für den VfB verbuchte Guirassy herausragende 49 Torbeteiligungen (44 Treffer, fünf Vorlagen). Im Juli 2024 wechselte er zu Borussia Dortmund und unterschrieb einen bis zum 30. Juni 2028 gültigen Arbeitsvertrag.

Du hast nicht nur 13 Tore geschossen, sondern auch sieben Vorlagen gegeben in der Champions League, das sind 20 Scorerpunkte. So bist Du der beste afrikanische Scorer in einer Champions-League-Saison!
„Es macht mich stolz, denn es gab viele große afrikanische Spieler wie Didier Drogba und andere. Ich habe immer dafür gearbeitet, unter den Besten zu sein. Und ich arbeite weiter dafür. Es ist schön, der beste Torschütze der Champions League zu sein. Es gibt sehr gute Spieler. Erster zu sein, bedeutet, dass ich ein guter Stürmer bin. Aber alleine, ohne das Team, kann ich es nicht schaffen. Es ist schade, dass der Wettbewerb gegen Barcelona für uns endete.“

Die Saison endet Mitte Mai. Die Klub-WM startet Mitte Juni. Immerhin stehen für Guinea im Juni keine WM-Qualifikations- oder Freundschaftsspiele an. Bist Du froh, dass wenigstens Du Dich ein paar Tage erholen kannst?
„Wir kommen aus einer langen Saison mit vielen Spielen: Bundesliga, Champions League, Nationalmannschaft … Man muss auch an die Gesundheit der Spieler denken. Denn bei so vielen Spielen ist das Verletzungsrisiko höher. Aber so ist das nun mal.“

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Ein solches Turnier hat es noch nie gegeben. Wie siehst Du die Klub-WM? Wie groß ist Deine Vorfreude auf diese Weltmeisterschaft für Vereinsmannschaften?
„Es ist das erste Mal. Sehr aufregend. Ein neuer Wettbewerb. Noch ein Titel, den man gewinnen kann. Mit großen Teams. Es wird das erste Mal für alle sein, etwas ganz Besonderes. Die Klub-WM ist etwas Einzigartiges. Wir haben die Chance, die Ersten zu sein, die das erleben.“

Mit welchen Zielen fliegt Ihr in die USA?
„Auch wenn es schwer wird, weil es viele Topteams gibt: Jeder Klub, der mitmacht, will gewinnen! Und natürlich haben auch wir dieses Ziel.“

Zurück zur Nationalmannschaft. Du bist in Frankreich geboren, hast bis 2015 in Frankreichs U-Mannschaften gespielt, Dich dann aber für Guinea, das Heimatland Deiner Eltern, entschieden. Was waren die Gründe dafür?
„Ich wurde früh von Guinea angesprochen, aber habe erst mal abgelehnt, weil ich mich nicht bereit fühlte. Aber wie ich schon oft gesagt habe: Das war eine der besten Entscheidungen meiner Karriere.“

Was bedeutet es Dir und Deiner Familie, für Guinea aufzulaufen?
„Es ist ein riesiger Stolz. Das erste Mal im Land als Nationalspieler zu sein, war ein unglaublicher Empfang. Das werde ich nie vergessen. Es ist etwas ganz Besonderes, die Farben seines Landes zu tragen.“

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Als Du ein kleiner Junge warst, damals in Arles, sah es gar nicht danach aus, als würde aus Serhou Guirassy einer der besten Fußballer der Welt werden. Stimmt es, dass Dir das erste Training in einem Fußballverein überhaupt keinen Spaß gemacht hat?
„Ja, das stimmt. Ich habe nur ein Training gemacht, und es hat mir nicht gefallen. Ich habe lange nicht mehr gespielt, erst später wieder angefangen.“

Was war denn der Grund oder der Anlass, dass der Ball und Du doch noch Freunde geworden sind?
„Ich habe mit Freunden auf der Straße gespielt, das ist das Schönste als Kind: ohne Druck, einfach Spaß haben. Und so habe ich die Freude am Spiel gefunden. Als ich dann angefangen habe, war mein Ziel sofort klar: Profi zu werden.“

Du bist mit sieben Geschwistern – drei Brüdern und vier Schwestern – aufgewachsen und hast selbst drei Kinder. Familie steht bei Dir über allem!
„Ja, auf jeden Fall. Es gibt viele gemeinsame Momente, das ist sehr schön. Für mich kommt die Familie immer an erster Stelle.“

Wie sieht ein Familienfest bei den Guirassys aus?
„Es ist immer viel los: Geschwister, Neffen – alle kommen. Große Feier mit viel Essen.“

Wer kocht?
„Das kommt drauf an. Viele können gut kochen. Und es gibt alles: afrikanisch, europäisch – wir können alles.“

Du bist gläubiger Muslim – war der Ramadan für Dich körperlich schwierig?
„Für mich nicht. Vielleicht für andere Spieler, aber ich bin es gewohnt. Für mich ist es eher eine Stärke als eine Schwäche.“

Disziplin ist Dir besonders wichtig. Wenn sich das alle in der Kabine zu Herzen nehmen, dann geht es mit Borussia Dortmund wieder bergauf?
„Wie gesagt, wir Spieler sind die Akteure. Die größte Stärke ist, dass alle zu 100 Prozent engagiert sind, um Ziele zu erreichen.“
Interview: Boris Rupert
Mitarbeit: Felix Ahns

Der Text stammt aus dem Mitgliedermagazin BORUSSIA. BVB-Mitglieder erhalten die BORUSSIA in jedem Monat kostenlos. Hier geht es zum Mitgliedsantrag.

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