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Interview

Niko Kovac über die Klub-WM, den Bundesliga-Endspurt und die BVB-Fans

Skepsis begleitete seinen Start, Euphorie seinen Schlussspurt. Niko Kovac hat in seinen ersten Monaten bei Borussia Dortmund Fesseln gelöst und das zwischendurch unmöglich Erscheinende tatsächlich geschafft. Mit Arbeit, Disziplin und Verlässlichkeit führte er die Mannschaft von Rang elf in die Königsklasse. Vor dem Start der FIFA Klub-WM spricht der Borusse über Herkunft, Prägung, Leidenschaft und Zukunft.

Wir haben einen ebenso interessanten wie schwierigen Sommer vor uns mit der Klub-WM. Wie siehst Du die Weltmeisterschaft, wie siehst Du das neue Format?
Das ist für uns eine super Bühne. Allein schon in diesem elitären Kreis dabei zu sein, ist für uns, für den BVB, für Schwarzgelb, etwas Tolles. Man kann gar nicht in Worte fassen, was es für eine Bedeutung hat, als einer von nur zwei deutschen Klubs dabei zu sein.

Je größer der Erfolg ausfällt während des Turniers, desto kürzer wird die Vorbereitungszeit auf die Saison. Das kann ein Trainer nicht gut finden...
Es ist doch im Grunde genommen nichts Neues. Nationalspieler haben nach großen Turnieren auch immer nur drei Wochen Urlaub, und dann geht schon die Vorbereitung los. Das gleiche wird uns in diesem Sommer erwarten. Ich sehe das sehr entspannt.

Deine beiden Vorgänger Edin Terzic und Nuri Sahin hatten eine große Bindung bzw. Vergangenheit zum und im Klub und wurden von den Fans beim Amtsantritt mit Ovationen empfangen. Dir schlug in den Foren anfangs Skepsis entgegen, die sich mittlerweile komplett gewandelt hat. Kannst Du Dich damit anfreunden: Vertrauen erarbeiten statt Vorschusslorbeeren einheimsen?
Man sollte jedem die Chance geben; egal, ob er in diesem Klub aufgewachsen ist oder ob er neu dazukommt. Ich glaube, dass ein Trainer von außerhalb sehr hilfreich sein kann. Für uns war es wichtig, hier in Ruhe arbeiten zu können und die Unterstützung zu haben von den Leuten, die uns verpflichtet haben. Wenn du Vertrauen spürst, kannst du auch dementsprechend mehr zurückgeben. Was die Verantwortlichen aber auch die Fans angeht, habe ich vom ersten Tag Vertrauen gespürt. Ich lese nichts. Und wenn ich nichts lese, bin ich unvoreingenommen und kann Entscheidungen treffen aus reinem Wissen und Gewissen.

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Lesen Trainer wirklich nichts oder haben sie jemanden, der ihnen heimlich etwas vorliest?
Reiner Calmund (bis 2004 Geschäftsführer in Leverkusen, d. Red.) hat immer gesagt: „Wenn es nicht gut läuft, lies nichts. Wenn es gut läuft, kannst du alles lesen.“ Ich versuche, mich daran zu halten. Ich will mich nicht von außen beeinflussen lassen, sondern das, was ich sehe, mit meinem Trainerteam entscheiden.

Die wichtigste Person in Niko Kovacs Trainerteam ist seit jeher sein zweieinhalb Jahre jüngerer Bruder Robert. Mit keinem anderen Fußballer in seiner langen und erfolgreichen Karriere bestritt Niko mehr gemeinsame Spiele (151 – an Position zwei folgt Carsten Ramelow mit 149 gemeinsamen Einsätzen). Die Kovac-Brüder spielten von 1996 bis 1999 bei Bayer Leverkusen und von 2001 bis 2003 bei Bayern München zusammen. Als Niko Trainer wurde, schloss sich Robert als Assistent an.

Robert war 2007 bis 2009 beim BVB. Er war 2008 im Pokalfinale mit dabei, und er hat danach das erste Klopp-Jahr erlebt. Was hat er Dir über den Verein erzählt?
Dass der BVB ein riesengroßer Verein ist mit tollen Fans, mit großer Begeisterung und Energie. Wir haben ja oft hier als Gegner gespielt und meistens verloren. Wir sind sehr glücklich, dass wir nun die Möglichkeit bekommen haben, diesen Klub zu trainieren, den zweitgrößten in Deutschland. Das in uns gesteckte Vertrauen wollen wir zurückgeben und hoffen, dass jeder Einzelne im Stadion das spürt.

Du kennst das Westfalenstadion als Spieler und den Signal Iduna Park als Trainer. Wie fühlt es bzw. er sich an?
Wenn man diese Wand sieht, ist das imposant. Es ist ein reines Fußballstadion. Es ist eckig, es ist verdammt laut. Da ist wirklich Energie und Wucht dahinter. Wenn man hier einen Treffer erzielt, macht das was mit dir. Das schiebt so viel Energie an. Und das Gegenteil macht es mit dem Gegner. Das Stadion nimmt sehr viel Einfluss auf das Spiel und den Gegner. Der Signal Iduna Park ist ein sehr großer Trumpf, den dieser Klub hat.

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War es ein Kraftakt, die Mannschaft auf den Erfolgsweg zu führen, zumal geregeltes Training erst nach dem Ausscheiden aus der Champions League Mitte April möglich war?
Als Trainer braucht man Trainingseinheiten auf dem Platz. Wir haben anfangs nur viel im Videostudium machen können. Wenn du das dann auch noch in der Woche über einen längeren Zeitraum trainieren kannst mit einer Mannschaft, die ja das nötige Können hat, lässt es sich schneller und besser umsetzen. Man hat dann von Woche zu Woche gesehen, dass uns das unglückliche Ausscheiden letzten Endes einen Benefit gebracht hat.

Also darf man unterstellen, dass der Trainer nach dem 3:1 gegen den FC Barcelona heimlich, still und leise gedacht hat: „Schade, aber auch gut, dass wir raus sind?“
Es war ein zweischneidiges Schwert, denn wir haben eine tolle Leistung gehabt im Rückspiel. Wir hatten schon den Glauben, dass wir erneut ins Finale kommen können. Da überwog zunächst natürlich die Enttäuschung. Wir konnten aus dem Ausscheiden dann aber auch etwas Positives ziehen, weil wir ein sehr gutes zweites Spiel gespielt haben gegen Barcelona. Das hat Rückenwind gegeben. Wenn wir mit einer der besten Mannschaften Europas mithalten können, dann können wir es in der Bundesliga auch.

Wenn Du nach dreieinhalb Monaten die Mannschaft betrachtest: Wieviel von dem, was Du Dir vorstellst, setzt sie bereits um? Und welche Schritte muss sie noch gehen?
Die Entwicklung der Mannschaft ist gut. Ob technisch-taktisch, mental oder körperlich: Wir sind schon auf einem sehr guten Weg. Aber wir sind mit Sicherheit noch nicht dort, wo wir sein wollen. Das konnte man auch nicht erwarten. Man muss den Spielern die nötige Zeit geben. Das Mindset, die Herangehensweise, hat sich verändert.

Im Laufe der Saison wurde alles und jeder in Frage gestellt. Hat das Erreichen des Minimalziels Champions League zur Folge, dass von außen keine Forderungen nach Aktionismus keimen, sondern die Ableitungen ohne Emotionen getroffen werden können?
Man darf sich nicht von außen leiten lassen. Denn wenn man von außen getrieben wird, dann wird man nicht die richtigen Entscheidungen treffen. Man muss sich zusammensetzen und hinterfragen: Wieso kam es dazu? Und dann kann man Ableitungen treffen. Aus der Emotion, ob aus den Enttäuschungen, die da waren, oder jetzt aus der Freude, Entscheidungen abzuleiten, ist nicht gut. Es gibt im Kroatischen den Satz: „Der Morgen ist klüger als der Abend.“ Erst einmal alles sacken lassen, es verarbeiten, abwägen – und dann wird man auch die richtigen Entscheidungen treffen. Es war nicht alles schlecht, und es ist jetzt auch nicht alles gut.

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Du bist ein sehr reflektierter Mensch, lebst Bodenständigkeit vor. Ist das auch etwas, was sich der eine oder andere privilegierte Profi mehr zu Herzen nehmen sollte?
Ich will niemandem irgendwelche Ratschläge geben. Wir sind so aufgewachsen, wir sind so erzogen worden. Die Zeit, die ich damals als Jugendlicher genießen durfte, war eine schöne Zeit. Sie hat mich geprägt, und deswegen bin ich so, wie ich bin. Ich hoffe, ganz normal.

Wie viel Wedding steckt in der Westfalenmetropole Dortmund?
Wir waren in unserer Kindheit viel draußen, haben viel gemeinsam mit Freunden erleben dürfen. Wir waren unbekümmert, unbeschwert. Es war eine wunderschöne Zeit, sehr viel ruhiger als vielleicht die heutige Zeit mit den vielen Sachen, die uns irgendwo doch beeinflussen. Wir haben gelernt zu arbeiten, wir haben gelernt zu kämpfen. Das ist unsere DNA – und das werden wir bis zum letzten Atemzug durchziehen.

All das passt zu Dortmund und einem Stadion, das gewonnene Zweikämpfe feiert wie Tore...
Wir haben den Spielern in den letzten Wochen tatsächlich ein Video gezeigt aus dem Heimspiel gegen Barcelona. Da gab es eine Situation, als Niki Süle einen Zweikampf gewonnen hat. Da sind die Leute aufgesprungen. Das habe ich den Spielern gezeigt, damit sie sehen: Es geht nicht nur um schönen Fußball. Diese Fans wollen auch sehen, dass man grätscht, dass man sprintet, dass man Zweikämpfe führt, dass man sie gewinnt. Und das ist das, was letzten Endes total zu diesem Klub passt – aber auch zu Filip, Robert und mir.

Interview: Boris Rupert
Fotos: Alexandre Simoes, Hendrik Deckers

Der Text stammt aus dem Mitgliedermagazin BORUSSIA. BVB-Mitglieder erhalten die BORUSSIA in jedem Monat kostenlos. Hier geht es zum Mitgliedsantrag.

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