Story
Nachwuchs: Edwin Boekamp wechselt in den Ruhestand
„Ich gehe mit Wehmut, aber auch mit Stolz. Borussia Dortmund und der Juniorenfußball waren mein Lebensinhalt“, sagt der 66-Jährige. Boekamp war nicht nur Trainer, Nachwuchskoordinator und Sportlicher Leiter, er war gleichzeitig „Mann für alle Fälle“ und „Kummerkasten“ – einer, der für Spieler, Eltern, Trainer, Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter stets ein offenes Ohr hatte. „Ich bin täglich mit einem Lächeln im Gesicht in die Geschäftsstelle oder zum Trainingsplatz gefahren“, erklärt er.
Der damalige Profi-Cheftrainer Reinhard Saftig und Geschäftsführer Walter Maahs verpflichteten Edwin Boekamp 1987 zunächst als nebenamtlichen Trainer für die A2- und C2-Jugend. Nach einem Kurz-Gastspiel als A-Jugend-Trainer beim VfL Bochum (1989/90) stellte BVB-Manager Michael Meier ihn neben Michael Skibbe und Peter Wongrowitz als dritten hauptamtlichen Nachwuchstrainer ein. „Wir haben mit Jugendleiter Wolfgang Springer ein Top-Team gebildet, das eng und vertrauensvoll zusammengearbeitet hat“, beschreibt der diplomierte Sport- und Fußball-Lehrer die Anfänge.
Auf dieser Basis wuchsen trotz sportlich schwierigster Voraussetzungen große Erfolge. Die Nachwuchs-Mannschaften hatten keine Heimat, sie pendelten zum Training und Spiel zwischen Hoeschpark und Mendeplatz im Dortmunder Norden, zwischen roten Aschen- und holprigen Naturrasenplätzen. Aber den Jungs hat es nicht geschadet. So entwickelten sie Widerstandskraft und Willensstärke. 1994 feierten sie mit Trainer Boekamp die erste Deutsche A-Jugendmeisterschaft für Borussia Dortmund.
Fünfmal in Serie Deutscher A-Jugendmeister
Ibrahim Tanko und Lars Ricken schossen die Schwarzgelben im Finale zum 3:2-Sieg gegen Werder Bremen. „Es war ein unfassbares Erlebnis, der erste Titel für den BVB in dieser Altersklasse“, so Boekamp. Es folgten vier weitere Meisterschaften, drei mit Michael Skibbe als Trainer, die fünfte (1998) wieder mit Boekamp an der Seitenlinie gegen den hoch favorisierten FC Bayern München. Fünf Titel für die A-Junioren in Serie – das hat danach kein Verein mehr geschafft und ist vermutlich ein Rekord für die Ewigkeit.
Boekamp war indirekt auch an der Deutschen Meisterschaft der Profis 1995 unter Ottmar Hitzfeld beteiligt. Denn die von ihm mit ausgebildeten Lars Ricken und Ibrahim Tanko bildeten den legendären „Baby-Sturm“ als Ersatz für die verletzten Flemming Povlsen, Stephane Chapuisat und Karl-Heinz Riedle. „Als Lars im März 1994 beim Startelf-Debüt für die Profis gegen Duisburg sein erstes Tor erzielt hat, bin ich auf der Tribüne weltrekordverdächtig hochgesprungen“, so Boekamp. Nach dem Meistertitel 1995 hatte sich Hitzfeld bei Boekamp bedankt: „Eddy, das ist auch dein Erfolg.“
Ex-Profis wie Ricken, Tanko, Vladimir But, den er bei der U17-Europameiterschaft in Irland entdeckt hatte, Christian Thimm, David Odonkor, Marc-Andre Kruska, Sebastian Tyrala, Salvatore Gambino, Nuri Sahin, Florian Kringe und der noch bei Eintracht Frankfurt aktive Mario Götze, dessen ersten BVB-Vertrag Boekamp ausgehandelt hatte, durchliefen seine harte Schule. Dass in der Saison 2005/06 mitunter sechs, sieben Spieler aus der A-Jugend bei Trainer Bert van Marwijk in der Profi-Mannschaft standen, unterstreicht nur die erstklassige Arbeit, die auch in den 90er-Jahren in Borussias Nachwuchs-Abteilung geleistet wurde.
Titel gefeiert und Talente gefördert
Im Jahre 2008 suchte „Eddy“ neue Herausforderungen. Er begleitete Michael Skibbe als Co-Trainer in die Türkei (Galatasaray Istanbul, Eskisehirspor), zu Eintracht Frankfurt und Hertha BSC. 2013 kehrte er als Nachwuchskoordinator zurück. Gemeinsam mit NLZ-Direktor Lars Ricken erarbeitete er neue Strukturen im personellen, organisatorischen und pädagogischen Bereich. Sie optimierten die Betreuung der Jungs und haben das BVB-Nachwuchs-Leistungszentrum zu einer Top-Adresse im Fußball werden lassen. „Wir gehören auch international in die erste Reihe. Das haben wir mit den Erfolgen in der Youth League bewiesen“, bilanziert Boekamp.
Borussia Dortmund erreichte von 2014 bis 2024 (die Corona-Pause ausgenommen) zumindest eines der Endspiele um die Deutsche B- oder A-Juniorenmeisterschaft, gewann in jedem Jahr einen Titel (jeweils vier mit der U17 und U19) und ist damit seit Einführung der Junioren-Bundesliga der erfolgreichste Klub in beiden Altersklassen. Dazu ebnete das BVB-Nachwuchs-Leistungszentrum u.a. Christian Pulisic, Giovanni Reyna, Jamie Gittens, Jacob Bruun Larsen, Dzenis Burnic, Nnamdi Collins, Ansgar Knauff, Colin Kleine-Bekel, Tom Rothe, Youssoufa Moukoko, Amos Pieper, Paris Brunner, Orel Mangala, Luca Kilian, Felix Passlack und Patrick Osterhage den Weg in den großen Profi-Fußball.
Edwin Boekamp, der nach Jugendleiter Wolfgang Springer dienstälteste BVB-Funktionsträger, räumt jetzt seinen Schreibtisch in der Sport-Geschäftsstelle. „Zwischen dem Gestern und Heute liegen Welten. Der Nachwuchsbereich ist komplett professionalisiert worden. Von Trainingsmöglichkeiten, dem Rund-um-Paket für die Jungs oder der aktuellen personellen Ausstattung des NLZ mit vielen hauptamtlichen Trainern, Medizinern, Physiotherapeuten und Pädagogen hatten wir früher nicht mal zu träumen gewagt. Es macht mich stolz, dass ich diese Entwicklung begleiten durfte“, erkö erklärt er.
Künftig setzt er andere Prioritäten: „Eddy“ freut sich auf deutlich mehr Zeit für die Familie, für seine „zwei tollen Kinder und Enkelkinder“. Aber so ganz wird ihn der Fußball nicht loslassen. Die BVB-Fußballschule hat schon angefragt, ob er sich vorstellen könne, sie an seinem Erfahrungsschatz und seinen Expertisen teilhaben zu lassen. „Ich gehe das Ganze gelassen an und werde die Ruhe erst einmal genießen“, versichert er. „Ich bin dankbar und glücklich, dass ich mein Hobby zum Beruf machen durfte.“
Wilfried Wittke