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1964 – Borussia glänzt im Hinspiel und kämpft in San Siro gegen zwölf

Borussia Dortmund empfängt am Mittwoch (28.01., 21 Uhr, live auf DAZN) Inter Mailand im SIGNAL IDUNA PARK – dreimal trafen die Borussen und die Italiener bisher im Europapokal aufeinander: 2019 in der UEFA Champions League, 1994 im Viertelfinale des UEFA-Cups sowie 1964 im Halbfinale des Europapokals der Landesmeister. In den Partien vor fast 62 Jahren mussten Verein und Fans erfahren, dass ein Fußballspiel nicht immer mit elf gegen elf gespielt wird …

Im Hinspiel am 15. April 1964 war das noch so. Elf gegen elf. Offenes Visier auf Seiten des amtierenden Deutschen Meisters, der im Achtelfinale mit 5:0 gegen Benfica Lissabon beeindruckt und im Viertelfinale mit 4:0 bei Dukla Prag gewonnen hatte. Im Halbfinale traf der BVB auf den Football Club Internazionale Milano, den großen Favoriten auf den Gewinn des Europapokals der Landesmeister.

„Die Borussia hat alles riskiert und doch nicht verloren. Beinahe hätte sie sogar gewonnen“, schrieb der kicker über die Begegnung. 43.000 Zuschauer in der Roten Erde sahen vor allem in der ersten Halbzeit ein Spektakel. Von Sandro Mazzolas 0:1 in der dritten Spielminute zeigten sich Aki Schmidt und Co. nicht beeindruckt. Im Gegenteil. Franz Brungs glich nach 22 Minuten aus legte nur fünf Minuten später das 2:1 nach. Ciriaco traf kurz vor der Pause zum 2:2-Halbzeitstand. „Jetzt verstehe ich das 5:0 gegen Benfica und das 4:0 in Prag. Die Borussia überraschte mich sehr“, sagte Inters Trainer Helenio Herrera, der Erfinder des berüchtigten Abwehrriegels „Catenaccio“, hinterher. Zwei Gegentore für Inter mit den Super-Stars wie Facchetti, Jair und Mazzola in einer Halbzeit – in den zwölf Halbzeiten zuvor in diesem Wettbewerb waren es drei Gegentreffer gewesen, insgesamt.

Und es hätten noch mehr werden können, doch im zweiten Durchgang ließen Borussias Stürmer Lothar Emmerich, Timo Konietzka und Reinhold Wosab zu viel liegen. Und so ging es 14 Tage später mit einem 2:2 ins Rückspiel, das zu einem der denkwürdigsten Ereignisse in der BVB-Vereinsgeschichte werden sollte. 

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Dabei begann alles richtig nett. Ein Fußball-Fan aus Bergamo mit Namen Gianni Radici hatte die Dortmunder eingeladen, sich seine Textilfabriken anzuschauen und ihnen großzügig Anzüge mit den passenden Oberhemden geschenkt. Und nach dem Spiel sollten sie doch bitte noch einmal vorbeischauen, um ein paar Mäntel mitzunehmen. Auch Inters Funktionäre präsentierten sich als richtig nette Gastgeber. „Der Empfang, der uns in Dortmund zuteil geworden ist, bleibt unvergesslich. Inter wurde mit Sympathien begrüßt, und die Dortmunder Spieler haben sich trotz der Schärfe des Kampfes korrekt verhalten. Inter bedankt sich dafür und hofft, dass die guten Beziehungen sich vertiefen“, ließen sie die Reisedelegation aus Westfalen wissen.

Fast 100.000 Zuschauer bildeten im San-Siro-Stadion eine Lärmkulisse, in der man sein eigenes Wort kaum verstehen konnte. Inter mit seinen Defensiv-Künstlern begann spektakulär und zwang Hans Tilkowski in der Anfangsphase zu Glanztaten. Aber zum Entsetzen der Italiener fand Borussia immer besser ins Spiel, kontrollierte Ball und Gegner. Helmut Bracht heftete sich an die Fersen des mit allen Wassern gewaschenen Corso, Lothar Geisler entnervte Milani, Willi Sturm wiederum den großen Sandro Mazzola mit unermüdlicher Deckungsarbeit. Theo Redder hielt den pfeilschnellen Brasilianer Jair in Schach – und „Hoppy“ Kurrat wäre Mailands Spielmacher Suarez wohl bis auf die Toilette gefolgt. Das gefiel diesem gewieften Techniker ganz und gar nicht.

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In der 20. Minute trat Suarez dem Dortmunder mit voller Absicht und aller Kraft in den Unterleib. Kurrat krümmte sich vor Schmerzen. Doch der jugoslawische Schiedsrichter Tesanic – er war vor dem Anpfiff von Inters Funktionären in der Kabine reichlich beschenkt worden – wollte nichts gesehen haben, obwohl er direkt am Tatort gestanden hatte. Der „Unparteiische“ drückte auch in der Folgezeit beide Augen zu, wenn die Mailänder ihren Einsatz maßlos übertrieben, um die Borussen einzuschüchtern. Tesanic wurde später von der UEFA auf Lebenszeit gesperrt. Wie es hieß, wegen Bestechlichkeit.

Spätestens nach Suarez’ grobem Foul gegen Kurrat war den Borussen klar, dass nichts zu holen sein würde im San-Siro-Stadion. Und so kam es, wie es kommen musste. Drei Minuten nach der Pause erzielte Mazzola das 1:0, Jair machte eine Viertelstunde vor Schluss alles klar für Inter, das auch das spätere Finale in Wien gegen Real Madrid mit 3:1 gewann.

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Der Traum vom Triumph im Europapokal war ausgeträumt. Doch der BVB hatte eine bärenstarke Saison gespielt. Dennoch flogen später im Quartier in Monza die Fetzen. Denn Borussias Vorstand mit Brauereidirektor Kurt Schönherr und „Einkäufer“ Heinz Dolle warf Hermann Eppenhoff vor, die Mannschaft nicht gezielt auf die Partie in Mailand vorbereitet zu haben. Der Trainer wiederum ließ diese Verbal-Attacke nicht auf sich sitzen und griff die Vereinsführung an. Das Ende vom Lied: Eppenhoff wurde fünf Tage nach der Niederlage entlassen, aber dann wieder eingestellt, weil die Spieler mit Streik gedroht hatten. Auf der Strecke blieben Schönherr und Dolle.

Übrigens: Gianni Radici hielt sein Versprechen und rüstete die BVB-Delegation auch noch mit Mänteln aus.
Boris Rupert / Fritz Lünschermann

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