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Rückblick 2011 - APRIL "Mach mich auf, mach mich hoch!"

Es ist der Tag, an dem Jürgen Klopp zum 100. Mal für den BVB auf der Trainerbank sitzt. "Jetzt krallt Euch die Schale", steht auf einem Banner. Viele sind mit Radios bewaffnet, und es läuft die legendäre Konferenzschaltung. Es wird unruhig auf den Rängen. "Ist ein Tor gefallen? Führt Köln?", fragt Norbert Dickel. Die Stadionregie bestätigt die Vermutung. Nobby brüllt: "Mach mich auf. Mach mich auf. Mach mich hoch!" Die BVB-Legende meint das Stadion-Mikro, mit dem er den Zwischenstand aus Köln herausschreien will. Im dritten Anlauf klappt´s: "1:0 für Kölllln!"

Was sich jetzt abspielt, lässt sich kaum beschreiben. Wildfremde Menschen liegen sich in den Armen. Der Signal Iduna Park wird zum größten Stehplatzstadion der Welt. Und dann dieser Schlachtruf. Nicht von zehntausend, nicht von zwanzigtausend, sondern von achtzigtausend Menschen aus Inbrunst gebrüllt: "Deutscher Meister wird nur der BVB - nur der BVB - nur der BVB!"
Als Schiedsrichter Markus Schmidt dann um 17.19 Uhr abpfeift, gibt es kein Halten mehr: Borussia Dortmund bejubelt nach einem 2:0 gegen den 1. FC Nürnberg (Torschützen Barrios und Lewandowski) die siebte Deutsche Meisterschaft nach 1956, 57, 63, 95 96 und 2002. "Einen verdienteren Meister als den BVB kann es kaum geben", schreibt kicker-Herausgeber Rainer Holzschuh. Ganz Deutschland ist angetanvom jüngsten Meister aller Zeiten mit einem Durchschnittsalter von 24,21 Jahren. Der BVB ist da, wo er eigentlich gar nicht hin wollte. "Wir wollten uns fußballerisch weiter verbessern, uns entwickeln. Wir waren uns sicher, dass wir eine gute Rolle spielen können. Aber gleich Meister werden?", fragt Nuri Sahin mit jugendlicher Unschuld.

"Dieser Kindergarten nagelt durch die Liga, als gäbe es kein Morgen. Das ist einfach außergewöhnlich", sagt Jürgen Klopp. "Mit einem mitreißenden Fußball, von dem man zuvor kaum ahnte, dass er existieren könnte, rockte Dortmund die Republik", huldigt der kicker. Bis vier Uhr feiern Mannschaft, Trainerteam, Betreuer und die Vereinsführung den Meistertitel.
Die Innenstadt verwandelt sich in eine riesige Partyzone. Auf dem Hansaplatz, dem Alten Markt, auf vielen Straßen und natürlich auf dem Borsigplatz feiern 100.000 Menschen. Zwischenzeitlich müssen Kreuzungen oder gar ganze Straßen gesperrt werden, weil nichts mehr vor und zurück geht in der siebtgrößten Stadt der Republik, doch das ist nur eine Routineprüfung für die Beamten, die sich mit Schals behängen lassen und sichtlich Freude zeigen am Karneval in Dortmund...
Neues Trainingszentrum für den Meister
Fast fünf Jahre nach der Fertigstellung des ersten Bauabschnitts auf dem Trainingsgelände "Hohenbuschei" in Brackel wird der Neubau für die Profis offiziell eingeweiht. "Mit dem nun vollständigen Trainingszentrum zeigen wir auch nach außen, dass die Philosophie von Borussia Dortmund Nachhaltigkeit besitzt", betont Hans-Joachim Watzke: "Wir sind stolz auf das, was in den letzten Jahren geschaffen worden ist." Auf 1.300 Quadratmetern Nutzfläche ist in Kooperation mit den Stadtwerken (DSW21) ein zweigeschossiges Gebäude entstanden, das ausschließlich von den Profis genutzt wird. Zusätzlich optimiert ein weiterer Trainingsplatz zu den bereits vorhandenen fünf Groß- und zwei Kleinfeldern die Möglichkeiten. Amateure und Jugend haben im "alten" Gebäude nun doppelt so viel Platz wie bisher.

In den April startet der BVB mit einem 4:1-Heimsieg gegen Hannover. Abdelloue bringt die Niedersachsen in Führung, und es macht sich etwas Nervosität breit im Stadion, denn es ist knapp eine Stunde gespielt, und es steht immer noch 0:1, ehe Mario Götze mit einem Geniestreich das 1:1 erzielt und die Wende erzwingt. Zwei Mal Barrios und dann Großkreutz machen den ersten Sieg seit vier Wochen perfekt. In Hamburg ist es Kuba, der in der zweiten Minute der Nachspielzeit beim 1:1 einen Punkt rettet.
Es wird gerechnet, gehofft und gezittert in diesen Wochen. Mal wird dem BVB voreilig zur Meisterschaft gratuliert, dann eine vermeintliche Krise postuliert. Jürgen Klopp bleibt inmitten des medialen Tohuwabohus gelassen. "Aufgeregt war ich vor dem Abitur, weil ich da schlecht vorbereitet war. Wenn mir vor der Saison jemand gesagt hätte, wir würden die Tabelle drei Spieltage vor Schluss mit fünf Punkten anführen, hätte ich ihn für bescheuert erklärt." Leverkusen geht dann aber in München mit 1:5 unter. Borussia kontert mit einem 3:0 gegen Freiburg (Götze, Lewandowski, Großkreutz) und stellt endgültig die Weichen Richtung Titel.

25.000 Schwarzgelbe haben sich mit Karten für das Auswärtsspiel in Mönchengladbach eingedeckt, denn theoretisch kann der BVB am Karsamstag, am 31. Spieltag, die Meisterschaft perfekt machen. Doch Leverkusen schlägt Hoffenheim, und Dortmund verliert beim Tabellenletzten. Die Entscheidung ist vertagt, bis zum 30. April, jenem Tag, an dem Jürgen Klopp zum 100. Mal auf der BVB-Bank sitzt.
"Heute bin ich angespannt", sagt er vor dem Heimspiel gegen den 1. FC Nürnberg: "Mein größtes Talent ist es, nicht vergessen zu haben, wo wir herkommen."
Boris Rupert
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