Story
Borussin Marjana Naceva: „Hier habe ich mich selbst gefunden“
Ursprünglich ist sie der Arbeit wegen nach Dortmund gekommen. „Ich war enttäuscht von den Möglichkeiten, die mein Land uns jungen Menschen bietet“, sagt die junge Frau aus Nordmazedonien, und erklärt: „Wir sind nicht viele, nur zwei Millionen. Und wir sind nicht in der EU, die Bezahlung für Arbeit und die Versorgung haben nicht europäische Standards.“ Marjana Naceva aber möchte sich nicht beschränken, nicht begrenzen, nicht begnügen. Sie möchte leben. Sie packt an, schiebt an, wechselt schon früh die Autoreifen selbst, wovon Fotos auf Instagram zeugen. „Ich habe erkannt, dass es besser ist, woanders hinzugehen.“ Ihr erstes Visum galt der Arbeit.
An Fußball hat sie bei ihrer Ankunft in Dortmund im Oktober 2021 zunächst nicht gedacht, an den BVB schon gar nicht. Über ein Jahr lang hatte sie zu dem Zeitpunkt in Folge schwerer Knieverletzungen nicht mehr auf dem Platz gestanden. Ein Jammer angesichts ihres Talents. In der Heimat hatte sie acht Meisterschaften gewonnen, sich siebenmal für die Champions League qualifiziert. Mit 16 hatte sie erstmals für ihr Land gespielt; das Debüt gegen Norwegen, später dann auch gegen Frankreich und Italien. Erinnerungen aus vergangen geglaubten Zeiten. „Eigentlich hatte ich aufgehört“, sagt Marjana, hält kurz inne, beginnt zu lächeln, um dann einen Satz zu sagen, den sie genauso gut auch in Stein hätte meißeln können: „Aber meine Leidenschaft für Fußball wurde in Dortmund wiedererweckt.“
Es war dieser eine Besuch im Stadion, der ihr Leben tatsächlich ein Stück weit verändert hat, der sie inspiriert und motiviert hat, es noch einmal zu versuchen, selbst wieder Fußball zu spielen. „Als ich das erste Mal in Dortmund war, wusste ich nicht viel über den BVB. Nachdem ich dann aber zum ersten Mal im Stadion gewesen bin, war ich schockverliebt in diesen Klub. Es war eine fantastische Erfahrung zu sehen, mit wie viel Leidenschaft und Hingabe die Menschen ihre Mannschaft unterstützt haben. Das hat mich tief beeindruckt.“
Marjana Naceva, die zuvor für andere populäre Klubs in Europa geschwärmt hatte, war angefixt. Plötzlich juckte es wieder in den eigenen Füßen. Gleichwohl: Eine echte Chance auf einen Platz in einem der Frauenteams von Borussia Dortmund sah sie trotz ihrer Fähigkeiten und Erfahrungen eigentlich nicht. Nach allem, was sie von anderen gehört hatte, war sie mit ihren damals 28 Jahren schlicht zu alt. „Ich habe keine Chance, haben sie gesagt. Ich passe nicht ins Profil, haben sie gesagt. Und ich habe das geglaubt. Denn als ich in Dortmund ankam, war ich allein, auf mich gestellt und auf die Meinungen anderer angewiesen.“ Doch dann hat sich Marjana einfach mal ein Spiel der BVB-Frauen angeschaut – „und da habe ich einige Spielerinnen gesehen, die älter waren, als ich das vorher von Außenstehenden gehört hatte. In dem Moment habe ich gedacht: Oh mein Gott, das kann ich auch schaffen.“
Letztlich sorgte der Bruder eines Freundes dafür, dass sie an einem Probetraining teilnehmen konnte. „Wie genau er das hingekriegt hat, weiß ich gar nicht. Und ich wusste auch nicht, für welche Mannschaft das Probetraining war. Das war auch nicht wichtig.“ Plötzlich stand sie auf einer Liste und kurz später trotz all der anderen Kandidatinnen im Kader. „Ohne Training, ohne irgendwas.“ – Marjana Naceva war Teil der im Sommer 2022 neu gegründeten zweiten Mannschaft. „Mannschaft und Liga waren völlig egal, Hauptsache ich war drin, wieder dabei, wieder am Ball.“ So lief die Nationalspielerin in ihrer ersten Saison für Borussia Dortmund in der Kreisliga auf – und blieb Thomas Sulewski nicht lange verborgen.
„Durch ihre sehr guten Leistungen in der zweiten Mannschaft war es nur logisch, Manu nach ihrer ersten Saison beim BVB in die erste Mannschaft hochzuziehen“, sagt der Cheftrainer, und fügt an: „Nach einem etwas holprigen Start zu Beginn der Saison hat sie nun ihren Platz im Team gefunden. Manu arbeitet unermüdlich für die Mannschaft. Ihr Ehrgeiz ist enorm.“ Harte Arbeit und ehrlicher Fußball passen halt gut zu Borussia Dortmund.
„Marjana lebt für den Fußball. Wir sind sehr stolz auf sie, dass sie weiterhin Nationalspielerin ist, obwohl sie bei uns bislang nur in der fünften Liga spielt“, sagt Abteilungsleiterin Svenja Schlenker und fügt hinzu: „Ihr Kampfgeist tut der Mannschaft sehr gut. Sie gibt niemals auf. Erfahrene Spielerinnen, noch dazu, wenn sie international spielen, sind ein wichtiger Baustein für eine Mannschaft. Sie können vor allem dann helfen, wenn es vielleicht mal nicht so rund läuft. Sie sind es, die dann Verantwortung übernehmen und die Mannschaft führen.“
Marjana Naceva selbst sieht ihre Rolle in der Mannschaft heute so: „Durch die Länderspiele habe ich einige harte Duelle gegen große Fußballnationen mitgemacht. Dabei lernt man viel, vor allem Ruhe zu bewahren. Diese Erfahrung bringe ich ein und gebe sie weiter. Ich möchte helfen, die gemeinsamen Ziele zu erreichen. Wir alle wollen dasselbe. Wir sind ein gutes Team, eine Familie.“
Die junge Frau aus Nordmazedonien hat auch in Dortmund schnell gelernt. Sie weiß um die Bedeutung des Fußballs in der Region und um die Ziele des Vereins. „Ich kann das noch immer nicht begreifen und schon gar nicht beschreiben, was da passiert ist, wie sich alles in meinem Leben zum Guten entwickelt hat. Diese eine Erfahrung im Stadion hat mein Leben auf den Kopf gestellt.“ Leidenschaft und Motivation sind zurückgekehrt – jetzt träumt sie von der 1. Bundesliga und vom ersten Spiel im großen Stadion.
Während sie darüber nachdenkt, sagt sie Sätze wie diese: „Die Vision, die sie hier für den Frauenfußball verfolgen, ist großartig. Ich mag die Idee, etwas von Grund aufzubauen und dann nach oben zu führen.“ Und: „Die Geschichte, die sie schreiben, die wir schreiben, ist aufregend. Ich bin begeistert davon.“ Und: „Das Ziel des Vereins und der Mannschaft ist auch mein Ziel.“ Und nicht zuletzt: „Wir wollen das Level der Professionalität erreichen.“ In Dortmund, mit dem BVB.
Zugleich spielt die 30-Jährige wieder für Nordmazedonien, zuletzt im April gegen Lettland und Slowenien. „Ich kann nicht beschreiben, was es mir bedeutet, für mein Heimatland zu spielen. Das ist eine emotionale Sache.“ Erst 2005 mit Spielerinnen aus gerade einmal fünf Vereinen aus der Taufe gehoben, haben sie – ganz ähnlich wie bei Borussia Dortmund – nicht nur Schritt für Schritt ein A-Team, sondern inzwischen auch einen entsprechenden Unterbau aufgebaut. „Für die Nationalmannschaft zu spielen, vorher die Hymne zu hören, das kann man nicht in Worte fassen. Das eigene Land zu vertreten, ist die größtmögliche Erfahrung, ein großartiges Gefühl, etwas, was mein Herz berührt.“
Für Momente wie diese arbeitet sie. Den ganzen Tag. Jeden Tag. Für ihr Leben in Deutschland und für die Laufbahn beim BVB. Im Job und im Training. „Es ist hart, aber ich bin motiviert.“ Marjana Naceva lebt allein, ist fokussiert. Sie liebt die Stadt und die Menschen, die hier leben. Ob sie auch nach ihrer Karriere als Fußballerin in Dortmund bleiben wolle? „For sure!“ Ganz sicher. „Hier habe ich mich selbst gefunden.“
Autor: Nils Hotze
Fotos: Alexandre Simoes