Story
BORUSSIA-Interview: Maximilian Beier über Tore, Darts und Familie
Pascal Groß schlägt einen Haken und flankt danach den Ball vom rechten Flügel in den Strafraum des 1. FC Union Berlin. Maximilian Beier positioniert sich halblinks, wahrt Abstand zu den Gegenspielern und hat den Blick auf den Ball. Dann ein Antritt, ein kurzer Hechtsprung, als er erkennt, dass Berlins Abwehrspieler Doekhi sich verschätzt hat. Fünfeinhalb Meter vor dem gegnerischen Tor köpft er die Kugel gegen die Laufrichtung des Torwarts an den rechten Innenpfosten. Ein Treffer wie gemalt. Sein bis dahin fünfter und zugleich schönster im Trikot von Schwarzgelb.
Maxi, präziser kann man einen Ball nicht platzieren. Was hast Du im Moment der Flanke gedacht, und was, als der Ball von Deinem Kopf unterwegs war Richtung Berliner Tor?
„Ja, ich habe schon bei der Flanke gesehen, dass die gut kommt. Jamie hat dann auch noch freigezogen, und ich habe gemerkt: Ich bin einfach komplett alleine! Die haben mich da hinten vergessen! Dann wollte ich das Ding einfach nur so präzise wie möglich aufs Tor bringen.“
Präzision auf dem Rasen: Wie neulich in Lille, als er den Ball zum 2:1-Sieg in den rechten Torwinkel knallte. Sein sechster Treffer für Schwarzgelb war der bis dato wichtigste. Er öffnete die Tür ins Viertelfinale der UEFA Champions League.
Präzision auch im Privaten. Maximilian Beier pflegt ein Hobby, das nicht typisch ist für einen 22-Jährigen – ein Sport, der boomt: Darts. Nicht nur daheim hängt eine Scheibe. Auch auf dem Trainingsgelände hat er ein Board an die Wand gehängt und die Kollegen angesteckt mit einem Wurfspiel, das Konzentration und Präzision einfordert.
Ist Darts für Dich ein Ausgleich nach einem intensiven Fußball-Tag? Hilft es, um den Adrenalinpegel zu senken gerade nach einem Spiel?
„Für mich persönlich ist das so. Ich kann nach einem Spiel schlecht schlafen. Und wenn ich nicht schlafen kann, spiele ich eben noch ein bisschen Darts, um runterzukommen.“
Wo und wie hast Du Deine Leidenschaft für Darts entdeckt?
„Vor fünf, sechs Jahren schon, mit einem Kumpel zusammen. Da waren wir 16 oder 17.“
Wie reagieren die Mannschaftskollegen auf diese Vorliebe? Wer eifert Dir am meisten nach?
„Nach dem Training bleiben noch ein paar Jungs länger hier und spielen dann noch eine Runde. Alex Meier macht es gut, Schlotti spielt sehr gut. Gio und Karim probieren es, aber die beiden kommen noch nicht so ran. Noch!“
In Deiner Generation ist die Spielkonsole weit verbreitet. Hängst Du auch ab und zu an der Playstation?
„Ich hab’s oft gemacht, jetzt wird es immer weniger, aber ein paar Mal spiele ich schon noch.“
Was zockst Du dann so?
„Verschiedene Spiele. Call of Duty. Fortnite ab und zu. Minecraft habe ich auch gespielt. Ich hab’ halt alles schon gespielt, was geht.“
Wenn Du Dich entscheiden müsstest: Nur noch Darts oder nur noch Konsole?
„Nur noch Darts!“
Geboren, aber nur bis zum 13. Lebensjahr aufgewachsen, ist Maximilian Beier im Vorort Kirchmöser von Brandenburg an der Havel. Eine Stadt, die einige Spitzensportler hervorgebracht hat, die berühmteste ist die Kanutin Birgit Fischer, mit acht gewonnenen Gold- und vier Silbermedaillen die zweiterfolgreichste deutsche Olympionikin nach Isabell Werth.
Hast Du Birgit Fischer mal kennengelernt?
„Leider nein. Ich habe viel von ihr gehört und würde mich freuen, wenn ich sie irgendwann mal treffen könnte.“
Wann hattest Du den Wunsch, Profifußballer zu werden?
„Ich gehe ja nicht umsonst mit 13 von zu Hause weg. Also hatte ich schon früh das Ziel, den Profifußball zu erreichen. Aber natürlich war immer das Gefühl mit dabei, es könnte ja – wie bei vielen anderen – nicht reichen. Dass es dann so gut klappt, hätte man sich aber auch nicht erträumen können.“
Wann kam der Zeitpunkt, an dem Du dachtest, das funktioniert mit dem Profifußball?
„Während meiner Leihe zu Hannover, wo ich immer öfter von Anfang an gespielt habe und fest in die Mannschaft eingebunden war. Da hatte ich das erste Mal das Gefühl, dass ich jetzt Profifußballer bin.“
Was war das für ein Gefühl?
„Wenn du mit dem Bus zum Spiel fährst und du draußen Fans mit deinem Trikot siehst, mit deinem Namen drauf, ist das schon crazy.“
Diese kluge Entscheidung hatte der Familienrat im Sommer 2021 getroffen, als der damals 18-Jährige nach (nur) elf Pflichtspieleinsätzen bei den TSG-Profis für zwei Jahre auf Leihbasis zu Hannover 96 wechselte, um in der zweiten Bundesliga zu höheren Einsatzzeiten zu kommen. Sein dortiger Trainer Stefan Leitl schulte den Angreifer vom Linksaußen zur zweiten Spitze: „Das ist seine beste Position. Maxi verfügt über eine unwahrscheinliche Dynamik und eine sehr gute Abschlussqualität, zudem ist er enorm ausdauernd.“ Nach 68 Einsätzen (15 Tore, sieben Vorlagen) kehrte Maximilian Beier zwei Jahre später als Top-Stürmer zur TSG Hoffenheim zurück.
Ab dem dritten Spieltag der Saison 2023/24 stand er 29-mal in der Startelf (kein anderer Hoffenheimer Feldspieler so oft). Seine 16 Saisontore (Topwert im Team) wurden ligaweit nur von einem deutschen Spieler überboten, von Stuttgarts Deniz Undav. Obwohl die Konkurrenz im Angriff mit Wout Weghorst und Andrej Kramaric enorm groß war, konnte sich der Youngster durchsetzen und wurde von der „Süddeutschen Zeitung“ bereits im Oktober 2023 als „eine Entdeckung der Saison“ beschrieben. Wie abgeklärt Beier vor dem gegnerischen Kasten agierte, untermauerte der sogenannte „xGoals-Wert“: Die Zahl der erwartbaren Treffer (11,6) lag in der Spielzeit 23/24 deutlich unter den tatsächlich erzielten (16) – und das, obwohl Beier mit drei Pfosten- oder Lattenschüssen mehr „Alu-Pech“ hatte als jeder andere Hoffenheimer.
Deine Familie hat für Dich einen sehr hohen Stellenwert. Hilft es Euch, dass man von Berlin aus mit dem ICE in dreieinhalb Stunden in Dortmund ist?
„Ja, ein bisschen zumindest. Sie kommen meistens mit dem Auto. Da brauchen sie etwa vier Stunden. Jetzt sehe ich meine Eltern etwa alle drei Wochen, in Hoffenheim war es alle drei Monate.“
Wie nimmst Du es auf dem Platz wahr, wenn Deine Familie im Stadion mit dabei ist?
„Es gibt mir schon viel, wenn ich weiß, dass meine Eltern da sind und mir zuschauen. Und meine kleine Schwester.“
Spielt sie auch Fußball?
„Nee....“
Am 21. Spieltag der Saison 2019/2020 wurde Maximilian Beier im Alter von 17 Jahren, drei Monaten und 21 Tagen zum jüngsten Bundesligaspieler in der Geschichte der TSG Hoffenheim – und löste damit übrigens seinen heutigen Dortmunder Mannschaftskollegen Niklas Süle ab (17 Jahre, acht Monate, acht Tage). Der vielseitig einsetzbare Offensivspieler vereint Schnelligkeit (bis zu 36,4 km/h!), Zug zum Tor und Abschlussstärke ebenso wie die Bereitschaft, sich im Spiel gegen den Ball komplett für die Mitspieler einzusetzen. Der deutsche Nationalspieler erhielt bei Borussia Dortmund einen Vertrag bis zum 30. Juni 2029.
Du bist ein eher introvertierter Typ. Wie waren im Sommer 2024 die ersten Tage beim BVB in einer Kabine mit vielen Nationalspielern?
„Ich schaue mir gerne erst einmal in den ersten Wochen alles an und bin dann noch nicht direkt mitten im Gespräch. Aber dann, so nach drei, vier Wochen, taue ich auf.“
Mit wem aus der Mannschaft kommst Du am besten klar?
„Ich komme eigentlich mit allen gut klar. Am besten würde ich sagen mit Gio (Reyna, d. Red.), Jamie (Gittens), Schlotti (Nico Schlotterbeck), aber auch mit älteren wie Pascal (Groß) und Jule (Brandt).“
Unternehmt Ihr auch neben dem Platz mal was?
„Ja, wir sind öfter zusammen mal unterwegs. Oder gestern hat uns Gio eingeladen, bei ihm zuhause zu essen.“
Dartscheibe dabeigehabt?
„Nein. Gio hat eine zu Hause.“
Hatte er die schon vor Dir oder erst durch Dich?
„Erst durch mich. Ich habe sie ihm auch angebohrt.“
Also bist Du auch handwerklich gut?
„So weit würde ich jetzt nicht gehen. Ich hab’ ein YouTube-Video gebraucht (lacht), aber eigentlich ist es nicht so schwer.“
Wenn jemand mal einen Nagel in der Wand braucht, kann er Dich fragen?
(lacht) „Ich hoffe, ich bin nicht für alle die erste Ansprechperson. Aber man könnte mich schon fragen…“
Maxis erste Ansprechpartnerin in den eigenen vier Wänden heißt Lucia. Seit fünf Jahren sind die beiden ein Paar. Kennengelernt haben sie sich in der Schule. Die erste gemeinsame Wohnung bezogen sie vor gut anderthalb Jahren, als Maxi von Hannover 96 zur TSG Hoffenheim zurückkehrte. Lucia studiert Soziale Arbeit und absolvierte neulich ein Praktikum im Jugendhaus von Borussia Dortmund. Praktisch.
Das ist wahrscheinlich voll der Unterschied: Nicht mehr komplett alleine zu sein…
„Ja, wenn ich dann zum Beispiel vom Training komme, ist jemand zu Hause. Das tut gut!“
Dartet Lucia auch?
„Sie probiert es und darf auch noch ein bisschen näher ans Bord gehen. Nicht, dass sie mir einen Pfeil in die Wand haut…“ (lacht)
Habt Ihr beide auch den gleichen Musikgeschmack? Deiner soll speziell sein, habe ich gehört.
„Ich höre so gerne spanische Musik. Da ist sie jetzt auch schon ein bisschen mit auf den Trip gekommen.“
Hast Du auch eine Chance, in der Kabine Deinen Musikgeschmack anzubringen?
„Probiert habe ich es, zweimal vor dem Spiel. Aber ich konnte mich nicht durchsetzen.“
Was hörst Du so für Lieder?
„Ich höre viel Morad. Kennst Du den?“
Nein, ich werde ihn mal googeln.
Morad El Khattouti El Hormi, geboren am 5. März 1999 in L’Hospitalet de Llobregat, Spanien, bekannt als Morad, ist ein spanischer Rapper aus Katalonien. Seit 2019 ist er in seiner Heimat erfolgreich. Um die Jahreswende 2021/22 hatte er drei Nummer-eins-Hits in den spanischen Charts. (Quelle: Wikipedia)
Sprichst Du Spanisch?
„Nein, aber ich verstehe ein bisschen was. Ich habe mal mit jemandem zusammengewohnt, drei Jahre in Hoffenheim, der kam aus der Dominikanischen Republik. Er ist heute einer meiner besten Kumpels und spielt in Spanien in der zweiten Liga.“
Hattest Du als Kind ein fußballerisches Vorbild?
„Fernando Torres!“
Hast Du heute immer noch Vorbilder?
„Wenn ich mir jetzt Fußballspiele angucke, dann schaue ich schon noch genau hin, aber nicht speziell auf irgendeinen Spieler, sondern auf die, die auf meiner Position spielen.“
Du kannst mehrere Positionen spielen. Du musst verschiedene Positionen spielen. Wo siehst Du Dich am liebsten?
„Neben oder hinter dem Stürmer. Ich spiele am liebsten im Zentrum. Als Spitze oder direkt dahinter. Dort berühre ich häufiger den Ball und kann auch in die Räume kommen, in denen ich torgefährlich bin.“
Das Heimweh war in den ganz jungen Jahren, nach dem Wechsel von Brandenburg nach Cottbus, ein hartnäckiger Begleiter. Der Schüler dachte zeitweise sogar darüber nach, die mögliche Profikarriere an den Nagel zu hängen. Seine Eltern und seine Schwester sind auch heute noch der wichtigste Rückhalt für den Angreifer.
Du bist als sehr junger Mensch weg aus Deinem Umfeld, aus Deiner Heimat. Wie lief das damals ab? Wie positioniert sich ein Zwölfjähriger in den Gesprächen mit seinen Eltern?
„Das war nicht so einfach. Aber wäre ich nicht auf die Idee gekommen, dann hätten meine Eltern es wahrscheinlich nicht von alleine gemacht.“
Und wie bist Du auf die Idee gekommen?
„Fußballer zu werden, war schon immer mein Traum.“
Und dann googelst Du „Sportinternat“?
„Nein, nein. Es kam mal ein Sichtungstraining hier, ein Sichtungstraining da. Irgendwann wurde ich dann eingeladen.“
Du hast schon viel erlebt in Deinem jungen Leben. Vermisst Du manchmal ein bisschen die Einfachheit?
„Wer nicht? Als kleines Kind hat man sich um nichts Gedanken gemacht, außer: Was und mit wem spiele ich als nächstes? Das ist jetzt anders.“
Du wirst Deine Jugend nicht nachholen können, aber besteht eine Sehnsucht in Dir, nach der Karriere – also in vielen, vielen Jahren erst – zurückzugehen nach Brandenburg?
„Ja schon. Warum nicht?“
Doch bis dahin ist es noch lang hin. Für Sportdirektor Sebastian Kehl ist er ein Mann der Zukunft: „Seine Entwicklung ist ganz sicher noch nicht am Ende, und wir werden ihm dabei helfen, noch besser zu werden.“ Dass es nicht immer maximaler Präzision bedarf, um an einem Treffer beteiligt zu sein, sah man dann übrigens im Spiel beim FC St. Pauli. Da schnappte sich Karim Adeyemi einen Befreiungsschlag von Maxi Beier und veredelte diesen mit dem Treffer zum 2:0-Endstand.
Autor: Boris Rupert
Fotos: Hendrik Deckers, Alexandre Simoes
Der Text stammt aus dem Mitgliedermagazin BORUSSIA. BVB-Mitglieder erhalten die BORUSSIA in jedem Monat kostenlos. Hier geht es zum Mitgliedsantrag.