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Interview

BVB-Tischtennis: Weltstars, Linkshänder und der Plan für nächste Saison

Schritt eins ist gemacht – die BVB-Tischtennisspieler haben im ersten Jahr nach dem Bundesliga-Aufstieg auch sportlich den Klassenerhalt geschafft. Unabhängig davon hätte auch kein anderer Verein für die TTBL gemeldet. Für Schritt zwei wurde nun die offensichtliche Schwäche im Doppel doppelt ausgemerzt. In Kristian Karlsson und Ádám Szudi wurden zwei ausgewiesene Doppel-Spezialisten verpflichtet. Da der zweite – ebenso wie Rückkehrer Alberto Mino als Neuzugang Nummer drei – Rechtshänder ist, wurde zudem das Verhältnis zu den Linkshändern in der Mannschaft angeglichen. Im Interview sprechen Abteilungsleiterin Ulla Reitemeyer und der Sportliche Leiter Evgeny Fadeev über Erfahrungen und Erwartungen, Aufgaben und Aufwertung, Starspieler und Strahlkraft, Learnings und Linkshänderei.

Ulla Reitemeyer war zuletzt viel im eigenen Garten. Die Erziehungswissenschaftlerin und Philosophin hat gesät – und hofft auf eine gute Ernte. Das Bild lässt sich getrost in die Tischtennishalle übertragen. Auch hier haben Reitemeyer und ihr Sportlicher Leiter Evgeny Fadeev nach den Erfahrungen der ersten Saison in der ersten Liga nachgesät – und hoffen auf entsprechenden Ertrag.

Für Topspieler Yongyin Li, der zu Borussia Düsseldorf wechselt, und die bisherige Nummer vier Simon Berglund, der nach Frankreich geht, kommen in dem Schweden Kristian Karlsson, Alberto Mino aus Ecuador und dem Ungar Ádám Szudi drei Topkräfte zum BVB; die beiden Letztgenannten als Rückkehrer mit schwarzgelber Vergangenheit. Zusammen mit Anders Lind, Nummer 28 der Welt, und Cedric Nuytinck, der von allen Borussen zuletzt die beste Entwicklung genommen hat, bilden sie ein Quintett, das sich bestenfalls noch früher noch weiter oben in der Tabelle etabliert.

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Ádám Szudi.

Die größte Schwäche des ersten Jahres, in dem in 22 Spielen nur zwei Doppel gewonnen werden konnten und vier bis fünf Vergleiche genau dort knapp verloren wurden, glauben die Verantwortlichen jedenfalls durch diese Kaderzusammenstellung abgestellt zu haben: „Wenn du dem Linkshänder Karlsson, der Weltmeister im Doppel ist, jetzt den Rechtshänder und Doppel-Spezialisten Szudi dazu gibst, dann kannst du das Doppel eigentlich nur gewinnen“, stellt Reitemeyer fest. Fadeev fügt an: „Wir werden selbst eine viel bessere Mannschaft sein. Wir haben fünf Topspieler; zwei davon sind Weltstars.“

Evgeny, wie fällt Dein Fazit zur ersten Saison in der TTBL aus?
Evgeny Fadeev: „Im August 2024 hätte ich das sofort unterschrieben. Nachdem wir die erste Saison nun aber tatsächlich gespielt haben, muss ich sagen: Da war mehr drin. Wir haben so viele Spiele verloren, die wir nicht hätten verlieren müssen; mal haben wir im entscheidenden fünften Satz 9:7 geführt und noch verloren, ein anderes Mal hatten wir sogar Matchball und haben noch verloren. Unterm Strich hatten wir in vier bis fünf weiteren Spielen eine realistische Chance zu gewinnen.“

Ulla Reitemeyer: „Der Klassenerhalt nach der ersten Saison ist immer zufriedenstellend. Wenn ich alles in Betracht ziehe, ist es besser gelaufen, als ich das gedacht habe. Wir haben viel Support vom Verein und von der KGaA erhalten. Mein Dank gilt Carsten Cramer, der uns gute Leute zur Verfügung gestellt hat, insbesondere Patrick Eckholt. Die haben uns den schönsten Center Court im Tischtennis hingestellt. Das sage nicht ich, sondern das wird so von anderen gewürdigt. Wir haben oft gehört, dass unser Auftritt eine Bereicherung für die TTBL darstellt. Daran haben viele Menschen mitgewirkt; nicht zuletzt die Zuschauer. Die Zahlen haben sich sehr gut entwickelt. Obwohl wir viele Spiele auch zuhause knapp verloren haben, hat das die Zuschauer nicht davon abgehalten, beim nächsten Mal wieder zu kommen. Ich denke, sie haben anerkannt, welche Moral in der Mannschaft steckt. Sportlich ist insbesondere die Entwicklung von Cedric Nuytinck erfreulich, wie von Evgeny vorausgesagt. Cedric ist nicht nur sportlich wichtig, sondern auch für den Zusammenhalt der Mannschaft. Er hat eine gute Moral und Einstellung, steht immer zur Verfügung. Cedric hat sich sehr bewährt. Und auch Anders Lind, der ein wenig als Primaballerina der Liga galt, hat bei uns gut Fuß gefasst. Er fühlt sich wohl und gut aufgehoben. Und er kann noch mehr, als er bislang gezeigt hat. Ich erwarte von ihm, dass er das im zweiten Jahr abruft. Wir haben aber auch Fehler gemacht.“

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Evgeny Fadeev und Cedric Nuytinck während eines Bundesliga-Spiels.

Welche?
Reitemeyer:
„Wir haben zu Beginn der Saison nicht genau genug festgelegt, wann ein Spieler, der uns qua Vertrag ohnehin nicht für alle Spiele zur Verfügung steht, am besten mal aussetzt, um dann international spielen zu können. Das ist natürlich schwer vorauszusagen und bleibt im Miteinander immer eine Gratwanderung, aber wir dürfen uns nicht in der bisherigen Weise von den Spielern deren Spielplan diktieren lassen. Da müssen wir als Borussia Dortmund mehr Autorität zeigen. Zudem mussten wir feststellen, dass unser Kader für die TTBL ein wenig dünn war. Der Qualitätsunterschied zwischen erster und zweiter Liga ist größer, als ich mir das vorgestellt habe. Solange alle da und fit waren, hat das gereicht. Wenn aber von den ersten Vier einer ausgefallen ist, dann hatten wir keinen adäquaten Ersatz. Hier mussten wir mit Blick aufs zweite Jahr nachjustieren. Jetzt sind wir von eins bis fünf so aufgestellt, dass jeder im Einzel und jeder im Doppel gewinnen kann. Dadurch sind wir auch für den Gegner schwieriger auszurechnen.“

Schwachpunkt und somit zu häufig Knackpunkt war das Doppel.
Fadeev:
„In der Tat. Es ging schon im ersten Heimspiel gegen Grünwettersbach los; da fehlten uns im Doppel im fünften Satz zwei Punkte zum Gesamtsieg. Unterm Strich haben wir in der gesamten Saison nur zwei Doppel gewonnen. Sogar Bad Homburg konnte den einzigen Doppelsieg der Saison gegen uns holen.“

Ist das speziell im Doppel eine Frage der Qualität, der Nerven oder des Zusammenspiels?
Fadeev: „Dennis Klein als erster Rechtshänder im Kader hat gar nicht schlecht begonnen, sich dann aber Mitte November an der Hüfte verletzt. Seitdem konnten wir nicht mehr mit ihm rechnen und mussten basteln. Zwei Linkshänder im Doppel ist schwieriger als zwei Rechtshänder oder eine Rechts-Links-Kombination. Zuerst haben wir es mit Lind/Nuytinck versucht. Man muss aber viel gemeinsam trainieren und spielen, um über Wiederholungen zu Automatismen zu kommen. Dafür wiederum braucht man viel Zeit. Und genau hier liegt das Problem: Zeit haben wir nicht! Wir treffen uns einen Tag vor dem Spiel – egal, ob Heim oder Auswärts – da bleibt keine Zeit, neue Kombinationen – etwa Li mit Lind oder Li mit Nuytinck oder Berglund mit Nuytinck – auszuprobieren. Das bringt alles nichts. Doppel hat nichts mit individueller Klasse zu tun, sondern mit dem Zusammenspiel. Deshalb ist es bei Lind/Nuytinck geblieben – außer in den Spielen, in denen Anders Lind an eins gespielt hat. Dann kann er nicht zusätzlich im Doppel zum Einsatz kommen. So haben wir aber nur aufgestellt, wenn wir berechtigte Hoffnung hatten, das Spiel 3:1, also vor dem abschließenden Doppel, gewinnen zu können. Damit einher ging wiederum, dass jeder Gegner schon frühzeitig unsere Aufstellung ausrechnen konnte, wir ihn also nie überraschen konnten.“
Reitemeyer: „Diesen Fehler wollten wir kein zweites Mal machen. Wir haben zu viele Spiele 2:3 verloren. Deshalb haben wir Ádàm Szudi zurückgeholt, der als einer der besten Doppelspieler in Europa gilt. Und Alberto Mino ist ein ganz stabiler Rechtshänder in Frankreich und damit ein ganz solider Bundesligaspieler. So sind wir auch insgesamt breiter aufgestellt für Ausfälle aller Art.“

Ulla, Du sprichst es an: Neben Karlsson und Szudi kommt auch Alberto Mino zurück zum BVB. Evgeny, wie bist Du die Kaderplanung angegangen?
Fadeev:
„Ádám Szudi war tatsächlich unsere erste Verpflichtung. Mit ihm war ich schon Mitte November klar. Warum? Weil er Rechtshänder ist – und, wie schon gesagt, Doppelspezialist. Ádám hat viele Titel im Doppel geholt und Kristian Karlsson ist Welt- und Europameister im Doppel geworden. Mit diesen beiden Transfers haben wir unsere größte Schwäche behoben. Denn wir haben gelernt, dass dem Doppel in der TTBL eine enorme Bedeutung zukommt. Zudem kommt Alberto Mino aus der ersten französischen Liga zurück zu uns. Seine Ergebnisse dort haben mich überzeugt. Er ist ein guter Spieler.“
Reitemeyer (schmunzelt): „Evgeny freut sich auf die neue Mannschaft.“

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Alberto Mino 2019 im Trikot des BVB.

Offensichtlich. Evgeny sagt aber auch, dass zugleich die Qualität in der TTBL insgesamt enorm steigt. Selbst Abstiegskandidaten wie Mühlhausen haben sich bereits mit Topspielern verstärkt.
Reitemeyer: „
Diese Qualitätssteigerung in der TTBL haben wir schon in der abgelaufenen Saison sehen können. Ich führe das ja immer darauf zurück, dass Borussia Dortmund in die Liga gekommen ist. Dadurch ist die gesamte TTBL aufgewertet worden. Es ist attraktiv geworden, in die ohnehin schon stärkste Tischtennis-Liga Europas zu investieren – weil durch Borussia Dortmund weitere Strahlkraft für den Tischtennis-Sport insgesamt dazu gekommen ist und ein Engagement auch für potenzielle Sponsoren anderer Vereine interessant wird. So kommt insgesamt mehr Geld in Umlauf. Unterm Strich ist die TTBL so stark wie nie zuvor.“

Solange an der Spirale nun in diese Richtung weitergedreht wird, kann es im Sinne von „Konkurrenz belebt das Geschäft“ doch nur positiv sein.
Reitemeyer:
„Das ist es. Wir hatten im deutschen Tischtennis 20 Jahre lang ein Dreigestirn mit Düsseldorf, Saarbrücken und Ochsenhausen. Diese drei haben die TTBL und auch die Champions League dominiert und in schöner Regelmäßigkeit unter sich ausgemacht. Jetzt haben wir schon in der abgelaufenen Saison gesehen, dass das nicht mehr in Stein gemeißelt ist. Und es wird noch weiter bröckeln. Es kommt mehr Konkurrenz in die Liga, da alle mehr reingeben – und das wiederum ist gut für alle. Nur ein Beispiel: Timo Boll ist in der nächsten Saison nicht mehr dabei. Einen solchen Ausnahmespieler kannst du nicht mal eben so eins zu eins ersetzen. Wenn man einen Timo Boll ersetzen möchte, dann ist das nicht nur eine Aufgabe für seinen bisherigen Verein Borussia Düsseldorf, sondern für die gesamte Liga. Hier muss man über verschiedene Lösungen nachdenken. Das geht nicht nur mit einem Spieler bei einem Verein. Dass wir selbst ganz gut mitgespielt haben und dadurch unseren Beitrag leisten, zeigt sich übrigens allein darin, dass ein Topverein wie Borussia Düsseldorf unseren Yongyin Li abgeworben hat.“

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Yongyin Li und Timo Boll.

Wie weh tut Dir dieser Abgang?
Reitemeyer:
„Wir haben hervorragenden Ersatz gefunden. Natürlich hat Li gut gespielt, aber – und das muss ich in diesem Zusammenhang auch mal sagen: Mit Nicht-Europäern ist es ausgesprochen komplex, was Verträge und Versicherungen betrifft. Auch die Erreichbarkeit ist eine andere. In China sind die Kommunikationswege nicht so einfach; hin und wieder sind Dienste wie Whatsapp blockiert. Das alles hat auch viel Arbeit und Mühe gemacht. Die Spiellizenz für Li lag zum Beispiel erst einen Tag vor dem Auftaktspiel in Bremen vor. Aber: Haken dran.“

In diesem Sinne: Evgeny, was ist nach dem Klassenerhalt nun das nächste Etappenziel?
Fadeev:
„Das ist eine interessante Frage. Einerseits werden wir selbst eine viel bessere Mannschaft sein. Wir haben fünf Topspieler; zwei davon sind Weltstars, Anders Lind ist die Nummer 28 der Welt, Kristian Karlsson ist Weltmeister im Doppel. Andererseits rüsten die anderen Mannschaften aber in gleicher Weise auf, wodurch wie schon ausgeführt die Qualität der TTBL insgesamt enorm steigt. Wenn ich beides betrachte, ist eines klar: Mit dem Abstieg werden wir nichts zu tun haben, 100-prozentig – vorausgesetzt, es passiert nichts ganz Verrücktes, zum Beispiel mehrere schwere Verletzungen. Ein Platz im gesicherten Mittelfeld ist das Ziel – und einer in den Play-offs der Traum. Dafür müsste aber alles perfekt laufen und zusätzlich auch das nötige Glück auf unserer Seite sein.“

Ulla, wie bewertest Du die neue im Vergleich zur alten Mannschaft?
Reitemeyer: „
Simon Berglund hätte ich gerne behalten – und das wäre auch möglich gewesen, wenn er kein Linkshänder wäre. Als Rechtshänder hätten wir ihm regelmäßige Einsätze in Aussicht stellen können, was wichtig ist für einen Spieler in seinem Alter. Der muss jede Woche am Tisch stehen. Als Linkshänder ist die Konkurrenz in der eigenen Mannschaft aber zu groß. Das ist schade, denn in der abgelaufenen Saison hat er seine Chancen exzellent genutzt und ganz wichtige Punkte für uns gegen den Abstieg geholt. Simon Berglund hat sich also sowohl um den Aufstieg in die Bundesliga und als auch um den Klassenerhalt sehr verdient gemacht. Allein deshalb hätte ich ihm gerne einen Anschlussvertrag gegeben. Borussia Dortmund zählt ja schon zu den Klubs, die eine gewisse Dankbarkeit und Verbundenheit ihren altverdienten Spielern gegenüber zeigen. Aber, wie gesagt: Die Linkshänderei hat dagegengesprochen. Zumal Kristian Karlsson als Weltklassespieler eben auch Linkshänder ist. Auf ihn freue ich mich besonders. Er wird unserer Mannschaft Stabilität verleihen und hat außer- dem ein sympathisches Auftreten. Bei diesem Spieler verbinden sich Spielstärke und Erfahrung auf besondere Weise. Und dass sich ein Kristian Karlsson für Borussia Dortmund entschieden hat, ist ein Vertrauensbeweis für unseren Verein und unsere Arbeit.“

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Ulla Reitemeyer und Kristian Karlsson.

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