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Der Ältestenrat: „Ein Stück Herz von Borussia Dortmund“
Es ist ein Wiedersehen mit Anstand. Und auf Abstand. Corona macht auch vor dem Ältestenrat nicht Halt. Männer, die es noch gelernt und geschätzt haben, sich zur Begrüßung die Hand zu reichen, geben sich an diesem Montagnachmittag im Frühherbst 2020 vor dem Strobels den Ellenbogen. Eigentlich trifft sich das Gremium einmal im Quartal, doch in diesem Jahr ist auch das anders. Monate sind seit der letzten Begegnung vergangen, jetzt ist sie aber trotz des Abstands nicht weniger verbindlich.
Haaland und Sancho und Bellingham und Reyna heißen hier Paul, Held, Huber und Redder. Wolfgang Paul, Siggi Held, Lothar Huber und Theo Redder. Statt intuitiv Inspiration zu versprühen, verkörpern diese Männer das Wesen von Borussia Dortmund. Sie bewahren die Werte des Vereins und seine Tradition. Statthaft. Und standhaft.
„Wir sind ein Stück Herz des Vereins, stehen für die guten Werte“, sagt Fritz Lünschermann, selbst zunächst zum Ehrenmitglied des BVB ernannt und dann vor ziemlich genau einem Jahr und als bislang letzter Rat von der Mitgliederversammlung in den Ältestenrat gewählt worden.
Und er sagt: „Das ist ein ehrwürdiges Gremium.“ Eines, das sich durch Beständigkeit auszeichnet. Und durch Bodenständigkeit. Seit 1968, als sich der Ältestenrat in der heute noch bekannten Form konstituiert hat, hat es erst drei Vorsitzende gegeben. Ihre Namen stehen für Borussia Dortmund wie die Farben Schwarz und Gelb. Es sind: Alois Scheffler (1968-95), Helmut Bracht (1995-2001) und Wolfgang Paul (seit 2001).
„Es ist der Zusammenschluss respektabler Menschen, großer Spieler und Funktionäre des Vereins, die sich hervorgetan haben“, erklärt Lünschermann als stellvertretender Vorsitzender, „dadurch ist der Ältestenrat ein Aushängeschild des Vereins – ohne dass wir ins Tagesgeschäft eingreifen können und wollen.“ Die Mitglieder desselben werden eingeladen, unter anderem als Repräsentanten zu Europapokalreisen ins Ausland.
Man sei jedoch nicht so vermessen, dass man bei der Transferpolitik mitmischen wolle. Dafür gebe es genug kluge Köpfe im Verein. Aber: Der Ältestenrat wird zumindest über jede Transferaktivität informiert.
Und er wird gehört. Und: Über die Beteiligung von Wolfgang Paul, Fritz Lünschermann und Dr. Gerhard Langemeyer im Wahlausschuss kann der Ältestenrat beispielsweise Empfehlungen für die Präsidentschaft des e.V. aussprechen. Eine Anerkennung, die sich vor allem unter den Präsidenten Dr. Gerd Niebaum und Dr. Reinhard Rauball entwickelt hat.
„Heute ist der Ältestenrat ein freundliches Gremium, mit dem sich ein Traditionsverein wie Borussia Dortmund schmücken kann“, sagt Lünschermann. Und: „Wir geben ihm auch ein wenig Lokalkolorit – bei uns ist Wolfgang Paul der am weitesten gereiste.“ Paul, das ist bekannt, kommt aus dem Sauerland – und führt als Vorsitzender auch an jenem Montagnachmittag das Wort, wie er den BVB einst im Europapokal der Pokalsieger 1965/66 durch das Halbfinale gegen West Ham United und das Finale gegen den FC Liverpool geführt hat.
Ansonsten paaren sich Gelassenheit und Weisheit – „Haste noch eine Tagesordnung für mich, Walter?“ (Siggi Held) – mit etwas, das selten geworden ist im Fußballgeschäft: Humor. Nachdem Geschäftsführer Carsten Cramer und Abteilungsleiterin Svenja Schlenker den „Dortmunder Weg“ für das Projekt Frauenfußball vorgestellt haben, der das organische Wachsen von der Kreis- in die Bundesliga vorsieht, stellt Theo Redder fest: „Alles gut. Ihr solltet Euch nur beeilen – sonst erleben wir das nicht mehr.“
Was für Schmunzler in der Runde sorgt, gehört in Wahrheit zum Wesen des Gremiums. „Wir haben schon einige Persönlichkeiten durch Tod verloren“, sagt Lünschermann und erinnert an große Borussen wie Adi Preißler, Alfred Niepieklo, Aki Schmidt und Hoppy Kurrat. Aktuell gehören diese zehn verdienten Borussen dem Ältestenrat an:
Wolfgang Paul (80), geboren am 25. Januar 1940 in Olsberg, auch bekannt als „Stopper Paul“. Gelernter Uhrmachermeister und Goldschmied – geehrter Deutscher Meister (1963), DFB-Pokalsieger (1965) und Europapokalsieger der Pokalsieger (1966) sowie Vize-Weltmeister (1966, ohne Einsatz). Gelernt hat er das Fußball-ABC beim TuS Bigge 06, als 17-Jähriger ging er zum VfL Schwerte, ehe ihn Max Merkel 1961 zum BVB holte und vom Halbstürmer zum Abwehrchef umschulte. Stopper Paul, von 1965 bis 1968 Kapitän der Mannschaft, spielte bis 1970 für Borussia Dortmund – geblieben ist er bis heute.
Fritz Lünschermann (65), geboren am 30.9.1955 in Dortmund, gehört zu jenen, die schon mit ihrem Vater (und ihrer Mutter) ins Stadion gekommen sind. Begann nach verkürztem Abitur und seiner Zeit als Sportredakteur bei den Ruhr Nachrichten 1988 als Vorstandsassistent für Werbung und Öffentlichkeitsarbeit, war zuständig für das Stadionmagazin, Werbeanzeigen, Sponsoren und Pressearbeit. Daraus wurde die Arbeit des Pressesprechers. In der Folge war der Allrounder als Marketingleiter für Lizenzen zuständig, gab Stadionführungen und den Beschwerde-Manager; unter anderem. Von 2008 bis 2018 war Fritz Lünschermann dann der Mann vor der ersten Reihe. Als Teammanager saß er im Mannschaftsbus vorne rechts, direkt neben Busfahrer Christian Schulz – und erlebte die goldenen Jahre der Klopp-Ära hautnah mit. Aktuell ist das Ehrenmitglied in seiner zweiten Amtszeit Betriebsratsvorsitzender des BVB und wurde bei der Mitgliederversammlung am 24. November 2019 in den Ältestenrat des BVB gewählt.
Willi Burgsmüller (88), geboren am 18. Januar 1932 in Dortmund, nicht verwandt oder verschwägert mit Manni Burgsmüller. Dreifacher Deutscher Meister mit Borussia Dortmund (1956, 57, 63) – einfach nicht kaputt zu kriegen, wie das Bilddokument mit Meisterschale und blutdurchtränktem Kopfverband nach der dritten Meisterschaft für die Ewigkeit belegt. Kam 1951 von Westfalia Huckarde, spielte bei seinem Debüt noch mit Pat Koschmieder und Erich Schanko zusammen, stand als einziger Borusse neben Jockel Bracht bei allen drei Meisterschaften in der Final-Elf und war immer noch am Ball, als 63/64 die Bundesliga eingeführt wurde. Nach der Karriere war der gelernte Schreiner Magazin-Verwalter bei den Stadtwerken Dortmund – und nebenbei für die Traditionsmannschaft und als Jugendtrainer im Einsatz. „Alterspräsident“ des Ältestenrates.
Norbert Dickel (58), geboren am 27. November 1961 in Berghausen, „Benjamin“ (im Ältestenrat) und „Held von Berlin“ (für alle Borussen, für immer). Die Geschichte ist bekannt: Im DFB-Pokalfinale 1989 gegen Werder Bremen traf der Stürmer zweimal, obwohl er verletzungsbedingt niemals hätte spielen dürfen – würde dies nach eigener Aussage aber „immer wieder tun“. Für Dickel gibt es eine Zeitrechnung vor Borussia – und eine mit Borussia. Vorher, genauer 1982, hatte er sich nach einer Lehre als Werkzeugmacher für vier Jahre als Zeitsoldat bei der Bundeswehr verpflichtet, unterschrieb dann aber 1984 einen Profivertrag beim 1. FC Köln und kam 86 zum BVB. Nach seiner Sportinvalidität in Folge der Heldentat von Berlin blieb er Schwarzgelb erhalten. Für eine griffige Berufsbezeichnung sind seine Tätigkeiten allerdings zu vielschichtig. Dickel ist seit 1992 Stadionsprecher, kommentiert im Netradio, moderiert im klubeigenen TV-Sender, begleitet den BVB zu internationalen Auswärtsspielen, bindet Sponsoren, trägt die schwarzgelbe Geschichte jeden Tag in alle Welt – unter anderem.
Lothar Huber (68), geboren am 5. Mai 1952 in Kaiserslautern, sollte unter Jupp Derwall zu Olympia 1972 fahren, wurde auf dem letzten Meter aber von einem gewissen Ottmar Hitzfeld verdrängt – unter dem er später dann als Co-Trainer arbeitete. Trug zwischen 1974 und 1987 insgesamt 365-mal das schwarzgelbe Trikot, war Mannschaftskapitän, ist bis heute Amateur-Profi, also Experte. Noch als aktiver Bundesligaspieler betreute Huber die B-Jugend des VfR Sölde. Nach seiner Zeit als BVB-Co- und Amateur-Trainer folgten Stationen bei SpVg Beckum, STV Horst-Emscher, SC Hassel, TSG Sprockhövel; unter anderem und unterbrochen durch ein Jahr in Japan, wo er als Co-Trainer von Pierre Littbarski für Brummell Sendai arbeitete. Aktuell baut der gelernte Maurer beim A-Ligisten VfB Westhofen eine neue Mannschaft auf. Sein Fundament aber ist Borussia: Als Platzwart hat er bis 2006 den Rasen am Rabenloh gehegt, gepflegt, gemäht – seitdem dort die BVB Evonik Fußballschule beheimatet ist, bürstet er die modernen Kunstrasenplätze. Von seinem Balkon aus kann er – an Tagen mit entsprechendem Wind – in den SIGNAL IDUNA PARK spucken.
Siggi Held (78), geboren am 7. August 1942 in Freudenthal, der eine Teil der „Terrible Twins“ (der andere Zwilling war Lothar Emmerich) und erster Schütze auf die Torwand im ZDF-Sportstudio überhaupt (am 5.2.1966). Vize-Weltmeister (1966), WM-Dritter (1970) und Beteiligter im „Jahrhundertspiel“, dem WM-Halbfinale gegen Italien (3:4 n.V.), sowie erster deutscher Europapokalsieger mit Borussia Dortmund. Ist rumgekommen, hat u.a. je zweimal für Kickers Offenbach und den BVB sowie für Preußen Münster und Bayer Uerdingen gespielt, hat neben Schalke, Galatasaray Istanbul, Dynamo Dresden und Gamba Osaka auch Island, Malta und Thailand trainiert. War offizieller WM-Botschafter des Spielortes Dortmund 2006 und BVB-Fanbeauftragter – ist immer da, wenn man ihn braucht.
Friedhelm Meyer (83), geboren am 14.4.1937 in Dortmund, steht für die klassische Karriere seiner Zeit in den 1950er-Jahren. Hat tagsüber bei Hoesch gearbeitet und ging abends zum Training. „Pere“, wie ihn alle nennen, hat zwar „nur“ von 1957 bis 1959 für Borussia Dortmund gespielt, dafür aber unter anderen mit den „Drei Alfredos“; Alfred Kelbassa, Alfred Niepieklo und Alfred Preißler – „die Schlitzohren“, wie Pere Meyer die drei Offensivstars stets nennt.
Dr. Gerhard Langemeyer (76), geboren am 13. Februar 1944 in Zehdenick, studierter Kunsthistoriker und Dr. phil., leitete das Museum für Kunst und Kulturgeschichte Dortmund, wurde Kulturdezernent, dann Kämmerer und Stadtdirektor und schließlich am 1. Oktober 1999 in der Nachfolge von Günter Samtlebe erster direkt gewählter Oberbürgermeister der Stadt Dortmund. Als dieser amtierte er bis Oktober 2009 und hatte naturgemäß Mandate und Funktionen in diversen Aufsichts-, Verwaltungs- und Beiräten. So war Gerhard Langemeyer u.a. Vorsitzender des Aufsichtsrates des Klinikum Dortmund, Vorsitzender des Aufsichtsrates der Dortmunder Stadtwerke und Vorsitzender des Verwaltungsrates der Sparkasse Dortmund. Der Sozialdemokrat richtete die Wirtschaftsförderung neu aus auf die Branchen Informationstechnologie, Logistik und Mikrosystemtechnik. In der Amtszeit Gerhard Langemeyers wurden der Phoenix-See und der Technologiepark Phoenix-West geplant.
Theo Redder (78), geboren am 19. November 1941 in Werl, hat sie alle getroffen; die großen Vereine und die großen Spieler. Benfica Lissabon, Dukla Prag und Inter Mailand, José Augusto, Josef Masopust sowie Jair da Costa, Sandro Mazzola und Mario Corso im Europapokal der Landesmeister; den FC Liverpool mit dem gefürchteten Ian Callaghan im Finale des Europapokals der Pokalsieger. Gestoppt hat der robuste Verteidiger die meisten von ihnen – ausgebremst wurde er selbst von lädierten Adduktoren und einem Muskelriss, der ihn ein Vierteljahr an ein Gips Bett fesselte. Als sein Vater schwer erkrankte, übernahm Redder die elterliche Bäckerei in Wickede (Ruhr) und arbeitete später als Bäckermeister in einer Kaufhauskette. Heute trifft er im Ältestenrat mit seinem Humor ins Schwarze (siehe oben).
Autor: Nils Hotze