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Neuer Liebling: Alle lieben Laura van der Heijden

Laura van der Heijden ist seit November ein Teil der BVB-Handball-Damen. Vielleicht ist sie das letzte Mosaikstückchen für eine Meistermannschaft - die 30-Jährige Niederländerin verkörpert Top-Talent und Teamgeist. Beim BVB wurde die Weltklassespielern und Weltmeisterin mit offenen Armen empfangen."Jeder mag sie, weil sie immer positiv denkt und mit jedem gut auskommt", sagt Kelly Dulfer über ihre neue Mitspielerin.

"Rinka, kannst Du die Musik bitte mal ein bisschen leiser machen?“ Das Interview findet telefonisch statt. Denn Laura van der Heijden ist in den vergangenen Wochen permanent auf Achse gewesen. Im November hat sie ihre Zelte am Balaton in Ungarn abgebrochen, in Dortmund einen schnellen Blick in ihre neue Wohnung geworfen, ein- mal mit ihrer neuen Mannschaft trainiert – ist dann kurz in die Heimat, nach Arnheim, und von dort mit der holländischen Nationalmannschaft im Bus nach Dänemark zur EM gefahren, bei der am Ende der sechste Platz für die Niederländerinnen stand. Zurück nach Dortmund, National- mit Vereinstrikot getauscht – und vor Silvester die ersten beiden Ligaspiele für den BVB bestritten.

Ja, die Zeit fliegt, und die Musik, die ihre Nationalmannschafts- und Vereinskollegin Rinka Duijndam aufgelegt hat, ist zu laut für ein Gespräch am Handy. „Rinka, ein bisschen leiser bitte. Danke.“ Dass die Holländerin mit der Holländerin deutsch spricht, ist eine kleine Randnotiz. Laura van der Heijden fühlt sich in mehreren Sprachen heimisch. Sechs Jahre verbrachte sie bereits in Deutschland. Jetzt ist sie in Dortmund und trifft auch hier auf viele vertraute Gesichter. Rinka Duijndam, Kelly Dulfer, Merel Freriks und Inger Smits haben sie nicht nur während der EM-Endrunde in Dänemark begleitet, sondern schon bei vielen anderen großen Turnieren zuvor. Tessa van Zijl, Delaila Amega und Kelly Vollebregt erweitern die holländische Kolonie beim BVB auf acht Spielerinnen. Und auch der Rest des Kaders stellt keine Unbekannte dar. Man kennt sich. Man spielt seit Jahren mit- und gegeneinander auf höchstem Niveau.

Laura van der Heijden repräsentiert allerhöchstes Niveau. „Dass wir so eine Spielerin verpflichten konnten, dazu noch in einer laufenden Saison, ist ein absoluter Glücksfall“, sagt Abteilungsleiter Andreas Heiermann über die Weltmeisterin von 2019, Vize-Weltmeisterin (2015), Vize-Europameisterin (2016), Olympiateilnehmerin (2016). Weit über 200 A-Länderspiele hat sie bestritten, fast 700 Tore geworfen, an jeweils fünf Welt- und Europameisterschaften teilgenommen. Mehr geht kaum.

„Ich bin froh, dass Laura jetzt in Dortmund ist“, sagt auch Kelly Dulfer. „Jeder mag sie, weil sie immer positiv denkt und mit jedem gut auskommt. Sie ist ein absoluter Teamplayer, immer da – und nie verletzt. Laura hält sich gern im Hintergrund, spielt immer konstant und gut – und bringt mega viel Erfahrung mit.“ Und: „Es ist immer gemütlich, mit ihr einen Kaffee zu trinken...“

Laura, Du kennst viele Spielerinnen Deiner neuen Mannschaft. Kanntest Du früher auch schon die Buchstaben „BVB“?
Ja, natürlich. Lange Zeit waren sie mir nur vom Fußball bekannt. Ich mag Fußball sehr gerne, und als ich in Oldenburg gespielt habe, habe ich mir im Fernsehen auch den deutschen Fußball angeguckt. Da hat mich – das sage ich nicht, weil ich jetzt selbst für Borussia Dortmund spiele – diese Mannschaft begeistert. Ich finde, sie spielt einen richtig guten Fußball. Ich habe zwar nicht so viel Ahnung, aber ich mag, wie sie spielt: schnell und direkt – so wie ich es beim Handball auch mag.

Wenn es wieder erlaubt ist: Gehst Du dann auch mal ins Stadion?
In Holland war ich häufig bei Ajax – als ich noch jung war, mit meinem Papa. Später auch beim FC Utrecht. Ich guck mir das sehr gerne an. Ja, ich will diese Atmosphäre gerne mal erleben. Das war ja schon am Fernsehen beeindruckend.

Du hast mitten in der Saison den Klub gewechselt. Wie kam es dazu?
Ich wollte weg von dem Verein, und deshalb hat mein Manager geguckt, wer noch eine Linkshänderin haben wollte. Als Dortmund anrief, war für mich alles perfekt. Ich spiele Champions League, wir haben eine gute Mannschaft. Sie spielt schnell, und das mag ich, wie gesagt, sehr gerne. Ich habe mich sofort entschieden und Ja gesagt. Ein weiterer Vorteil: Dortmund liegt in der Nähe von Holland. Meine Eltern sind nur noch zwei Stunden entfernt. Meine Familie ist ganz wichtig für mich. Ich freue mich immer, wenn sie zu Besuch kommt oder wenn ich mal nach Hause fahren kann.

Mit welchen Zielen, mit welche Erwartungen ist Dein Wechsel nach Dortmund verbunden?
Ich möchte mit dieser Mannschaft Deutscher Meister werden! So dass wir nächste Saison auch wieder Champions League spielen können. Denn die Erfahrung, die man dort sammelt, ist sehr wichtig für jede Spielerin.

Ist der Start für Dich einfacher, weil so viele Holländerinnen beim BVB spielen?
Das macht es natürlicher einfacher, dass ich sie gut kenne und vor allem weiß, wie sie Handball spielen. Aber auch außerhalb des Spielfelds. Kelly kenne ich von allen am längsten, aber ich mag sie alle. Ich habe mich sehr willkommen gefühlt, als ich das erste Mal beim Training war.

Wie wichtig ist Deine Erfahrung für die Mannschaft?
Im bisherigen Verlauf der Champions League gab es einige gute Spiele, aber wenige positive Ergebnisse. Ich denke, die Mannschaft hat schon recht viel Erfahrung. Sie hat einige Nationalspielerinnen, die wissen, wie es abgeht, wie man solche Spiele spielt. Ich glaube aber auch, dass ich da auch nochmal ein bisschen Erfahrung hinzubringen kann.

Was braucht man, um Erfolg zu haben? 
Das Wichtigste für mich ist die Mannschaftsleistung. Es geht darum, unbedingt gewinnen zu wollen. Und dann will ich natürlich auch selbst gut spielen, um etwas zum Sieg beizutragen.

Du hast elf große internationale Turniere mit der Nationalmannschaft bestritten. Fühlst Du Dich als Führungsspielerin?
Bei diesen Turnieren sammelt man richtig viel Erfahrung. Und bei den vergangenen Turnieren haben wir oft das Halbfinale erreicht. Ja, das bringt einen persönlich weiter.

Was ist der Unterschied zwischen einer 20- und einer 30-Jährigen? Im Leben, im Alltag – auf dem Feld?
Mein Körper war besser als ich 20 war (lacht). Da konnte ich mehr trainieren, weil es mit der Regeneration schneller ging. Dafür spielt man mit 30 etwas schlauer. Du weißt, wann du das Tempo aus dem Spiel nehmen und es beruhigen oder wann du es forcieren musst, um anzugreifen und den Gegner unter Druck zu setzen. Diese Schlauheit braucht man auch, wenn das Spiel gegen Ende spannend ist. Das kriegst du mit Erfahrung und dem Alter.

Und im Leben? 
Man wird etwas ruhiger, gelassener. Man hat schon ein bisschen mehr erlebt.

Holland, Deutschland, Dänemark, Ungarn waren die Länder, in denen Du gespielt hast. Wo willst Du mal ankommen? Und wann?
Wenn ich fertig bin mit meiner Karriere, will ich wieder nach Holland. Wann das sein wird, weiß ich noch nicht. Ich habe eine Wohnung in einem Haus gekauft, das gerade gebaut wird. In diese Wohnung ziehe ich ein, wenn ich in längere Zeit in Holland bin. Und irgendwann soll sie mein Zuhause sein.

Und was willst Du beruflich machen nach der Karriere?
Ich habe ein Studium begonnen, um mit Kindern mit einer geistigen Behinderung zu arbeiten. Das habe ich aber nicht beendet, weil ich in der Zeit nach Oldenburg gezogen bin, um dort Handball zu spielen. Ich weiß noch nicht ganz genau, ob ich diesen beruflichen Weg dann tatsächlich gehen werde, aber es ist eine Möglichkeit.

"Ich hoffe, mit Borussia Dortmund Deutscher Meister zu werden"

Laura van der Heijden ist in einer Handball-Familie aufgewachsen. Ihr Großvater war Nationaltorhüter. „Alle bei uns haben irgendwie und irgendwo Handball gespielt“, erzählt sie. „So kam für mich nie etwas anderes infrage. Ich habe es mal mit Gymnastik probiert, aber das war nicht wirklich etwas für mich.“

Mit sechs Jahren spielt das junge Mädchen erstmals im Verein. „Meine Eltern haben mich früher überall hingefahren, damit ich Handball spielen konnte.“ Zu den Spielen im Verein kommen Lehrgänge in den Auswahlmannschaften. Als das erste Mal eine Einladung zur Jugendnationalmannschaft im Briefkasten liegt, spürt Laura van der Heijden, dass sie „mehr als nur ein bisschen Talent“ mit- bringt für diesen Sport. „Damals habe ich schon mit Danick Snelder, Jessy Kramer, Debbie Bont und Martine Smeets trainiert – mit denen ich heute noch in der Nationalmannschaft spiele.“

Welche Gegner bei einem internationalen Turnier sind zugleich auch Freunde?
Fast überall spielt eine Freundin oder Bekannte. Es ist ein schönes Wiedersehen, und man kann kurz darüber quatschen, wie es einem geht. Ich habe Freunde in der deutschen Nationalmannschaft, aber auch in Ungarn – und eine sehr gute Freundin in Norwegen.

Wie hat es sich angefühlt, als Du 2019 Weltmeisterin geworden bist?
Das war unbeschreiblich. Ein Traum wurde wahr. Auf diese Goldmedaille haben wir fünf Jahre gewartet. Es war eine verrückte Weltmeisterschaft. Einige Favoriten waren früh raus. Auch wir hatten anfangs Probleme. Doch es wurde von Spiel zu Spiel besser – und am Ende hing die Goldmedaille um meinen Hals.

Liebst du offene Grenzen?
Ja, ich mag es, in anderen Ländern zu spielen, andere Länder, andere Kulturen, andere Sprachen und andere Menschen kennenzulernen, von ihnen zu lernen und etwas mitzunehmen in mein Leben.

Wieviele Sprachen sprichst Du?
Wirklich gut spreche ich deutsch, englisch und natürlich holländisch. Dänisch verstehe ich.

2019 tobten bei der WM die Hallen. Ihr wurdet von bis zu 10.000 Zuschauern angefeuert. Die EM 2020 fand vor leeren Rängen statt, genauso ist es aktuell in der Bundesliga. Wie fühlt sich dieser Unterschied auf dem Feld an?
Ich habe in Ungarn bis auf eine Ausnahme alle Spiele noch vor Zuschauern gespielt. Normalerweise geben dir die Fans durch ihre Anfeuerungsrufe zusätzliche Energie. Jetzt musst du sie dir ganz alleine holen. Das ist etwas anderes.

Welche Wünsche hast Du für das Jahr 2021?
Sportlich hoffe ich, mit Borussia Dortmund Deutscher Meister zu werden. Und ganz besonders wünsche ich mir, dass wir in 2021 wieder unsere Familien und unsere Freunde umarmen können, dass Corona nicht mehr so eine Rolle spielt wie 2020.

Die Karriere von Laura van der Heijden: Laura van der Heijden gewann 2010 mit VOC Amsterdam die niederländische Meisterschaft sowie den Pokal und wechselte danach in die Bundesliga, wo die Linkshänderin mit dem VfL Oldenburg 2012 den DHB-Pokal gewann. Ihre weiteren Stationen führten sie nach Dänemark zum Team Esbjerg, mit dem sie 2016 die Meisterschaft und den Super- cup holte, ehe sie für ein Jahr zum ungarischen Klub FTC Rail Cargo Hungaria ging. 2018 zog es die Rückraumspielerin, die 2019 mit den Nieder- landen die Weltmeisterschaft in Japan gewann, zurück nach Deutschland. Mit der SG BBM Bietigheim wurde van der Heijden 2019 Deutsche Meisterin. Nach einer kurzen Station im ungarischen Siófok hat sie sich Mitte November 2020 dem BVB angeschlossen. „Wir bekommen eine international sehr erfahrene Spielerin, die uns in allen Bereichen voranbringen wird und unseren Kader perfekt ergänzt“, sagte der stellver- tretende Abteilungsvorstand Andreas Bartels.

Autor: Boris Rupert

Fotos: Wolfgang Stummbillig

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