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Interview

Marcel Sabitzer – Allrounder und Anführer

Heute Abend (17.06.) startet auch Marcel Sabitzer mit seinen Österreichern in die EURO 2024, der Borusse trifft mit seinem Team in Düsseldorf um 21 Uhr auf Frankreich. In seiner ersten Saison in Schwarzgelb hat der Österreicher nach und nach immer mehr Verantwortung auf dem Feld übernommen, lenkt das Spiel zwischen Defensive und Offensive. Im Interview spricht Sabitzer über seine erste Saison in Dortmund, seinen Plan auf dem Platz und über die Beziehung zu seinem Vater Herfried Sabitzer, der ebenfalls für die österreichische Nationalmannschaft aufgelaufen ist.

Kevin Großkreutz hat es schon getan. Und musste 2013 gegen Hoffenheim prompt einen Elfmeter passieren lassen. Jan Koller hat es auch schon getan. Und wurde, weil er seine Sache in München herausragend gut machte, 2002 sogar in die kicker-Elf des Tages berufen. So weit wie die früheren Kollegen, die jeweils nach Platzverweisen (Roman Weidenfeller, Jens Lehmann) zum Zuge kamen, ist Marcel Sabitzer in seinen Überlegungen noch nicht, aber weil er in seiner Karriere tatsächlich schon alles gespielt hat, „außer Innenverteidiger und Torwart“, muss man ja nicht kategorisch ausschließen, dass er eines Tages auch einmal zwischen den Pfosten stehen wird. „Vielleicht fehlt es mir ein bisschen an Körpergröße“, sagt der Dortmunder Alleskönner (1,78 m) mit feiner Selbstironie, „aber dann stelle ich mich eben auf die Zehenspitzen.“

Sabi, wie ihn seine Mitspieler und Trainer rufen, erzeugt mit dieser Aussage nicht den einzigen Lacher in einem Gespräch, das ganz anders verläuft als so manches, das er in früheren Jahren geführt haben muss. Ein österreichisches Magazin charakterisierte ihn mal als Typ, mit dem man nicht drei Stunden im Café sitzen und ziellos plaudern könne. „Eher wie einer, der für 15 Minuten vorbeikommt, aber damit ist alles Wesentliche geklärt.“ Im Fotoshooting erfüllt er Klub-Fotograf Hendrik Deckers jeden Wunsch, im Interview gibt er sich auskunftsfreudig und gut gelaunt.


Sabi, bist Du der Bastian Schweinsteiger von Borussia Dortmund?
Warum?

Schweinsteiger begann seine Karriere als Offensivspieler und wurde von Trainer Louis van Gaal zum defensiven Mittelfeldspieler umgeschult.
Was diesen Weg von vorne nach weiter hinten angeht, gibt es sicher Parallelen. Generell bin ich sehr offen, was meine Position angeht. In der Nationalmannschaft spiele ich auf dem linken Flügel, in Dortmund auf der Sechs, Acht oder Zehn, in München sogar Rechts- oder Linksverteidiger – das ist alles okay für mich. Es zeugt von Stärke, wenn man viele verschiedene Positionen bekleiden und flexibel handeln kann. Das passt zu meiner Persönlichkeit und zu meinem Spielstil.

Der FC Bayern kündigte Dich 2021 als „Offensiv-Allrounder mit strammem Schuss“ an. In Dortmund sind als Verbindungsspieler zwischen Defensive und Offensive andere Qualitäten gefragt. Musstest Du Dich für den BVB neu erfinden?
Nein, gar nicht. Ich wusste ja, was von mir erwartet wurde. Und damit konnte ich mich identifizieren, sonst hätte ich ja nicht in Dortmund unterschrieben. Ich musste mich nicht neu erfinden, sondern nur etwas anpassen.

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Am einfachsten lässt sich Marcel Sabitzer als zentraler Allrounder beschreiben, mit „Stärken in allen Phasen und auf allen Ebenen des Spiels“, wie ihn Edin Terzic einmal eingeordnet hat. Sabitzer verfügt über das sichere Gespür, wann er das Spiel beruhigen oder beschleunigen muss. Wann er den Ball besser behauptet, vertikal nach vorne spielt oder diagonal verlagert. Der 30-Jährige entwickelt seine Stärken am besten in zentraler Position und kann von dort aus Torgefahr entwickeln. Direkt und indirekt, weil er auf dem Platz stets die Übersicht behält und mit einem Kontakt spielen kann. Sabitzer gilt als äußerst clever und geschickt – und wegen seiner guten Positionierung als wichtiger Faktor im Aufbau, um das Spiel nach vorn zu tragen. Man schätzt an ihm, dass er in seinen Aktionen auf schmückendes (überflüssiges) Beiwerk verzichtet und sich genau an taktische Vorgaben hält. Dass er auch körperlich immer an die Grenze geht, über eine gesunde Aggressivität und Härte verfügt und gut zu antizipieren weiß, qualifiziert ihn auch für die tiefste Mittelfeldposition, für die Sechs, auf der ein gewisses Maß an Zweikampfstärke und Durchsetzungsvermögen gefragt ist. Wobei Sabitzer als Angestelltem von Borussia Dortmund noch Steigerungspotenzial besteht: dass er häufiger im gegnerischen Strafraum auftaucht und noch mehr Torgefahr ausstrahlt.


Box-to-box-Spieler müssen einem komplexen Anforderungsprofil entsprechen: Acht geben, dass hinten nicht allzu viel passiert, viel nach vorne machen, die Mannschaftsteile miteinander verknüpfen, reichlich Kilometer abspulen. Passt das in etwa?
Ich muss gleichermaßen an guten Offensiv- wie Defensivaktionen beteiligt sein. Ergänzen sollte man Kommunikation und Führung. Im Grunde genommen entspricht diese Rolle genau meiner Selbstwahrnehmung: Ich will viel laufen, auch viel intensiv laufen, und dann ist die Position naheliegend. Außerdem: Ich kann ganz gut mit dem Ball umgehen und bin mir nicht zu schade, auch mal Drecksarbeit zu machen.

Man sagt, Du hättest alles in Deinem fußballerischen Werkzeugkasten und würdest aber nur herausholen, was unbedingt nötig sei. Soll heißen: Von Dir sieht man keinen Hackentrick, um die Galerie zu begeistern, sondern weil es die Situation nötig macht. Lautet Dein Motto: Was richtig und wichtig ist, muss nicht spektakulär sein?
Das Schwierigste im Fußball ist, einfach zu bleiben und die richtigen Entscheidungen im richtigen Moment zu treffen. Ich habe früh damit begonnen, mein Spiel genau danach auszurichten. Vielleicht sieht es deshalb nicht unbedingt spektakulär aus. Aber wer mich genau beobachtet und Ahnung hat, sieht, dass ich viele wichtige Sachen mache. Sachen, die im Moment erforderlich sind.

Von Dir wird in dieser Rolle auch eine gewisse Grundaggressivität verlangt – und die Bereitschaft, sich auch in Zweikämpfen aufzureiben und eklig zu sein. Das war aber nicht immer Dein Ding. Als Kind sollst Du ganz schön weinerlich gewesen sein...
Tatsächlich, als Kind war ich ein bisschen ängstlich und wehleidig. Ich hatte Angst vor Ärzten und habe viel rumgejammert. Inzwischen kann ich diese Ängste und Wehwehchen besser wegstecken (lacht). Ich bin älter und klarer geworden und habe ein paar Schritte nach vorne gemacht.

Was hat Dir den Wechsel nach Dortmund schmackhaft gemacht?
Für mich war klar, dass ich mich verändern will. Die Frage war nur, wohin die Reise gehen soll. Natürlich gab es auch familiäre Überlegungen, aber an deren Ende stand der Entschluss: Wir machen das, es fühlt sich richtig an. Und dann ging auch alles ganz schnell, und ich war innerhalb von 48 Stunden über München, Dortmund und wieder München in San Diego, wo die Borussia gerade auf US-Tour war.

Es heißt, dass Du nach Niederlagen tagelang ungenießbar bist. Geht man Dir dann am besten aus dem Weg?
Man sieht es mir an, wie ich gerade drauf bin – und dass man mich besser in Ruhe lässt. Ich kann niemandem etwas vorspielen. Ich bin, wie ich bin: Ich reagiere sehr emotional, wenn ich Spiele verliere. Ich versuche, die Emotionen zu kontrollieren und richtig zu kanalisieren. Doch es gibt Situationen in Training und Spielen, bei denen mir das schwerfällt. Dann muss man reflektieren, runterkommen und die richtigen Menschen um sich haben.

Dein Grazer Jugendtrainer Reinhard Holzschuster behauptet, dass Dir sogar Niederlagen im Training „fast körperliche Schmerzen“ bereiten. Bist Du, wie einmal geschrieben wurde, „überehrgeizig“?
Es gab sicherlich Phasen, in denen das zutraf. Mittlerweile habe ich verstanden, dass keine Mannschaft jedes Spiel gewinnt. Das dürfte auf der Welt bisher kein Team geschafft haben. Deshalb kann ich das richtig einordnen. Trotzdem regt mich das Wie oder Warum einer Niederlage auf und macht mich emotional.

Franco Foda, Österreichs Nationaltrainer von 2017 bis 2022, meint: „Sabi könnte etwas entspannter werden.“ Raubt Dir Deine Verbissenheit womöglich Energie, die Du anders einsetzen könntest?
Das würde ich nicht sagen. Manchmal brauche ich Momente, die mich noch mehr anstacheln und noch mehr aus mir herauskitzeln. Nur darf das nicht zu extrem werden, weil ich mich aufs Wesentliche konzentrieren muss und mich nicht ablenken lassen darf. Das kriege ich gut hin. Früher habe ich eine Niederlage mit mir herumgeschleppt, heute lasse ich sie schneller hinter mir. Wenn Family Time ist, macht der Fußball Pause. Das ist ein sehr guter Ausgleich für mich.

Wie zufrieden warst Du mit Deinem Start beim BVB?
Meine Leistungen in der Hinrunde waren ein Auf und Ab, mal besser, mal weniger gut. Kleinere Verletzungen haben da sicher eine Rolle gespielt. Das soll aber keine Ausrede sein: Ich versuche immer, an mein Leistungslimit zu kommen, nur funktioniert das nicht immer. Trotzdem ist das mein Anspruch. Deshalb war ich mit einigen Spielen auch nicht zufrieden. Ich bemühe mich, konstant zu sein, und im Kalenderjahr 2024 gelingt mir das ganz gut.

Du hast immer mehr Einfluss aufs Spiel genommen, die Formkurve zeigt deutlich nach oben. Inwieweit hängt dieser persönliche Aufschwung mit den taktischen Anpassungen zusammen, die im Januar vorgenommen wurden?
Die Positionierung hat sich etwas verändert, ich habe mehr Ballaktionen, und ich stand bis zum Spiel in Bremen jede Minute auf dem Platz. Das brauche ich für meinen Spielrhythmus. Wenn ich diesen Rhythmus habe, Vertrauen spüre und klare Aufgaben habe, komme ich an meine Leistungsgrenzen heran. Es geht immer besser, klar, aber bis Bremen fühlte es sich gut an.

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Im Weserstadion – in seinem bereits 205. Bundesligaspiel – flog Marcel Sabitzer erstmals vom Platz. „Regeltechnisch ist die Rote Karte okay, fußballerisch nicht“, kommentierte Mannschaftskollege Niclas Füllkrug die Entscheidung von Schiedsrichter Deniz Aytekin, der selbst sagte: „Marcel will das nie im Leben.“ Die Situation ereignete sich unmittelbar nach Ablauf der ersten 45 Spielminuten. Sabitzer wollte in der Bremer Spielhälfte einen verlorenen Ball zurückerobern, rutschte dabei weg und traf daher nicht mehr den Ball, sondern mit der Schuhspitze die Ferse von Mitchell Weiser. Klares Foul, keine Frage. Sabitzer hob, auf dem Hosenboden sitzend, sofort beide Hände und entschuldigte sich mit dieser Geste beim Bremer Spieler. „Das war ein sehr faires Verhalten, dass er sich einsichtig zeigt“, betonte sogar Schiedsrichter Aytekin. Doch Nachsicht walten lassen wollten weder der DFB-Kontrollausschuss noch das Sportgericht. Sie belegten Sabitzer mit der obligatorischen Sperre von zwei Spielen.

 

Was ist Dein persönlicher Plan für die kommende Saison – mehr Tore und Assists?
Natürlich ist das die Wahrnehmung von außen. Aber man sollte schon die Position beachten: Wenn du alleiniger Sechser bist oder Teil einer Doppelsechs, wirst du nicht allzu weit vorne anzutreffen sein. Mein Anspruch sind eher Balleroberungen, denen ich sofort den entscheidenden Pass folgen lassen.

In einem Vorbereitungsspiel mit den Bayern sind Dir im Juli 2023 gegen Rottach-Egern mal fünf Tore in 23 Minuten geglückt. Vermisst Du es, so häufig in den Abschlussbereich zu kommen?
Das war mein Abschiedsspiel bei den Bayern. Ich weiß gar nicht, warum sie mich hinterher noch abgegeben haben (lacht). Es war ziemlich heiß, wir hatten hart trainiert, und es hatte nicht jeder so richtig Lust aufs Spiel. Ich kam mit Beginn der zweiten Hälfte rein und schoss fünf Tore am Stück. Es war alles dabei: auch die Hacke und ein Chip über den Torwart.

Was kann das für den BVB noch heißen?
Ich bin torgefährlich, kann Tore schießen, habe einen guten Abschluss und einen guten Riecher. Das will ich auch in Dortmund unter Beweis stellen.

Dein Vater Herfried war auch Fußballer – und sechsmaliger Nationalspieler Österreichs. Was hat er Dir für Deinen Weg mitgegeben?
Er musste mir gar nicht so viel erklären. Ich war immer nah dabei und habe viel beobachtet. Von meiner Warte aus war es sehr interessant, das Innenleben einer Kabine und viele Trainingseinheiten hautnah zu erleben. Für mich war danach klar, dass ich es schaffen will, auf dieses Niveau zu kommen. Irgendwann war dann der Punkt erreicht, an dem mein Vater das Ruder als mein Jugendtrainer übernommen hat, und das war nicht immer angenehm.

In welcher Hinsicht?
Wenn du der Sohn des Trainers bist, ist es nicht so einfach. Mein Vater war sehr streng, sehr direkt – aber auch überzeugt von mir. Er hat das Potenzial in mir gesehen. Spannend zu beobachten war später: Wie schafft er den Absprung? Natürlich willst du dein Kind nicht so einfach von der Leine lassen. Doch dann hat er es akzeptiert, dass ich ein Team um mich herum aufgebaut hatte. Ein Team, in dem er nur noch eine untergeordnete Rolle spielte. Natürlich hat er seinen Teil zu meiner Karriere beigetragen. Und er hat mir Fußball-Gene mitgegeben.

Du hast Deinem Vater mal eine 50:50-Mentalität bescheinigt. Was war damit gemeint?
Mein Vater war immer ein Arbeiter und hat immer alles für seine Mannschaften auf dem Platz gegeben. Sein Problem war ein bisschen die Einstellung: Er hat sich außerhalb des Platzes viel ablenken lassen. Wenn es bei ihm gut lief, hat er danach gern mal lockergelassen. Da stimmt er mir sicher zu: Für ihn wäre mehr möglich gewesen.

Begleitet er heute Deine Karriere als erster Ratgeber – oder Kritiker?
Mein Vater ist immer noch als Trainer im Amateurbereich unterwegs, und manchmal überschneiden sich die Termine auch. Aber wenn er kann, schaut er sich die Spiele an. Zudem telefonieren wir sehr häufig.

Was hielten Deine Eltern davon, dass Du schon früh als Schüler mehr auf eine Profilaufbahn als auf gute Noten fokussiert warst?
Ich war tatsächlich früh überzeugt, dass ich es als Fußballer schaffen würde. Und jetzt sitze ich hier, ich hatte also recht. Zuhause war das immer ein Zwiespalt. Meine Mutter drängte auf bessere Leistungen in der Schule, mein Vater beschwichtigte: „Wir kriegen das auch so hin“.

Dass Du ein „steirischer Sturschädel“ sein sollst, wie dein früherer Trainer bei den Leipzigern, Ralph Hasenhüttl, einmal behauptete – hilft das, wenn man in der Verantwortung steht, oder ist das eher hinderlich?
Ich bin nicht stur, auf gar keinen Fall. Vielleicht gab es in jüngeren Jahren Ansätze davon, aber heute nicht mehr. Wenn, habe ich eine Meinung, über die man diskutieren kann. Aber ich bin niemand, der keine andere Meinung zulässt. Ich nehme das an, höre zu und bilde mir dann wieder eine Meinung. Bei mir stößt niemand auf taube Ohren – ich bin für jedes Gespräch zu haben. Für mich ist wichtig, dass man die Dinge klärt und dass man sich in die Augen schauen kann. Wenn es mal gekracht hat, redet man darüber, gibt sich die Hand, und dann ist das Thema erledigt.

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