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Interview

Zum Tod von Willi Burgsmüller: „Ja, wir waren elf Freunde!“

Aus der Elf, die 1956 und 1957 in identischer Aufstellung die Deutsche Meisterschaft errang, lebt jetzt nur noch einer: Helmut Kapitulski, Jahrgang 1934, der Benjamin jener legendären Mannschaft.

Wilhelm „Willi“ Burgsmüller, geboren am 18. Januar 1932 in Dortmund, ist am Dienstag im Alter von 93 Jahren in Ruhe und Frieden eingeschlafen. Es gibt nur fünf Borussen, die dreimal Meister wurden. Burgsmüller war Kapitän der 63er-Mannschaft.

Anlässlich des 110. BVB-Geburtstags am 19.12.2019 gab Wilhelm Burgsmüller sein letztes großes Interview für das Mitgliedermagazin „BORUSSIA“.

Das Schild „Rasen betreten: Verboten!“, ignoriert er nicht. Natürlich nicht. Wilhelm Burgsmüller hat Gesetze und Gebote immer beachtet. Er hat sich alles hart erarbeitet. Dabei würde keiner der vier Greenkeeper, das neudutsche Wort für Rasenpfleger, die gerade ihre Mittagspause auf den harten Holzbänken der Sitzplatztribüne verbringen, einschreiten, wenn er es doch täte. Vermutlich aber wissen sie gar nicht, dass hier gerade einer der größten Borussen in das Stadion zurückgekehrt ist, in dem er seine größten Erfolge gefeiert hat. Versonnen lässt der ältere Herr, der so vital wirkt wie ein Mitte-Sechziger, aber auf die Neunzig zugeht, den Blick schweift versonnen durch das „Stadion Rote Erde“.

6:3 gegen Schalke 04
4:1 gegen Stuttgart auf dem Weg ins Endspiel 1956
4:0 gegen 1860 München auf dem Weg ins Finale 1963
5:0 gegen Benfica Lissabon

Eine beliebige Auswahl, vier von knapp 150 Spielen in der Roten Erde mit der Ersten Mannschaft zwischen 1953 und 1964. Hier wurde in den Endrundenspielen 1956, 1957, 1961 und 1963 der Grundstein für den Einzug ins Deutsche Endspiel gelegt. Mit Wilhelm Burgsmüller, dem rechten Verteidiger jener Zeit.

„Jahrelang war ich hier nicht mehr drin. Ich schaue mir noch mal alles an. Es war ein Bomben-Stadion, meist ausverkauft“, sagt der Mann, der sein Fußballleben bei einem Verein verbracht hat, bei Borussia Dortmund. Am 18. Januar feiert er seinen 88. Geburtstag: „Ich habe in diesem Stadion große Erfolge gehabt. Für uns war das großartig. Daran kann man sich ewig erinnern.“ Der Blick wandert zu den Bäumen neben den in die Jahre gekommenen Tribünenstufen der 1926 errichteten und nur fünfeinhalb Jahre älteren Spielstätte als ihr früherer Nutzer. Diese Bäume trugen früher zahlreiche Fans, die keine Karten kaufen konnten oder wollten. „Wir haben gesehen, wie sie hochkletterten.“

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Der Sommer 1951 ist nicht so heiß wie in den Jahren zuvor. Sechs Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs ist der Wiederaufbau in vollem Gange. Dortmunds nordwestlicher Stadtteil Huckarde war noch im Februar 1945 Ziel eines Großangriffs der Alliierten Luftstreitkräfte geworden. Die Zeche und die Kokerei Hansa wurden von 300 Flugzeugen mit einem Bombenteppich belegt. Wilhelm Burgsmüller war in jener verheerenden Nacht vom 3. auf den 4. Februar 1945 gerade 13 Jahre alt. Doch nun, 1951, zeichnen sich die ersten Spuren des Wirtschaftswunders ab. Dortmund wird in diesem Jahr größte Industriestadt Nordrhein-Westfalens, die weltweite Nachfrage nach Eisen und Stahl sorgt für einen Boom. Die Arbeitslosenquote beträgt 2,3 Prozent, und so hat der junge Wilhelm Burgsmüller auch keine Probleme, eine gute Anstellung zu finden: als Magazin-Verwalter bei den Dortmunder Stadtwerken.

Der 19-Jährige stürmt in dieser Zeit für den Klub seiner Kindheit und Jugend, Westfalia Huckarde. Sein Chef bei den Stadtwerken, Dr. Bahn, meint es gut mit dem fleißigen und zuverlässigen jungen Mann. Als er hört, dass Burgsmüller zu Borussia Dortmund wechseln soll, in diesem Sommer 51, sorgt er dafür, dass Beruf und Sport unter einen Hut passen. Denn Bahn ist Fan von Borussia Dortmund. 1947 durchbricht der BVB die Schalker Vorherrschaft im Revier, erreicht 1949 erstmals ein Endspiel um die Deutsche Meisterschaft. In der „Hitzeschlacht von Stuttgart“ scheitert er auf dramatische Art und Weise nach 1:0- und 2:1-Führung in der Verlängerung am VfR Mannheim, kehrt geschlagen und doch von Hunderttausenden gefeiert nach Dortmund zurück.

Burgsmüller, der gewissenhafte Angestellte, erhält die Privilegien, die er benötigt. „Ich konnte schon ein, zwei Stunden früher gehen.“ Der Weg zum Training ist dennoch beschwerlich. „Ich hatte noch kein Auto. Da war ich gut ‘ne Dreiviertelstunde mit der Straßenbahn unterwegs.“ Dort, wo 1974 das Westfalenstadion errichtet wird, von Süden gesehen direkt links neben der Roten Erde, steht Borussia Dortmunds Trainingsplatz. Natürlich aus Asche. Von diesem Material gibt es in der Reviermetropole zu dieser Zeit mehr als genug.

Willi Burgsmüller ist mit 19 Jahren der Jüngste im Team, als er im Sommer 1951 zum BVB kommt. Neu ist auch der Trainer: Hans Schmidt, Spitzname „Bumbes“, der in Dortmund zu einem „Bumbas“ wird, hat als Spieler und als Trainer jeweils vier Deutsche Meisterschaften errungen. Den jungen Burgsmüller formt er vom Stürmer zum rechten Verteidiger. Allerdings darf er ihn erst nach dessen 21. Geburtstag in der Ersten Mannschaft einsetzen. Bis ins Frühjahr 1953 kommt Burgsmüller in der Reserve zum Einsatz. Gespielt wird am gleichen Ort gegen die gleichen Gegner, nur eben zwei Stunden vorher.

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Heutzutage werden Spieler über Jahre gescoutet, dann folgen Verhandlungen mit den Beratern des Spielers und dessen Verein. Wie lief ein Vereinswechsel im Sommer 1951 ab?
Von Borussia ist da jemand nach Huckarde gekommen in die Bezirksklasse und hat zwei, drei Spiele von mir beobachtet. Und dann war klar, dass ich zum BVB gehen kann. Ich habe vor Freude einen großen Sprung gemacht und gedacht, ich habe es geschafft. Der Verein hatte da schon einen großen Namen. Das Endspiel 1949 gegen den VfR Mannheim habe ich wie jeder andere Dortmunder Junge gespannt im Radio verfolgt.

Warum durften Sie nach Ihrem Wechsel nicht direkt in der Ersten Mannschaft spielen?
Ich war noch keine 21. Erst mit 21 Jahren durfte man damals Vertragsspieler werden. Natürlich habe ich damals schon Geld bekommen, sonst wäre ich nicht gewechselt. Anfangs gab es 320 Mark im Monat.

1951 hatte der BVB noch keinen großen Titel gewonnen, aber schon namhafte Spieler in seinen Reihen: Max Michallek, Pat Koschmieder, Herbert Sandmann, Erich Schanko. Mit welchen Gefühlen sind Sie dort angetreten?
Wenn man als Jüngling kommt, schaut man hoch und fragt sich: Kannst du da mitspielen? Ich habe mich zurückgehalten, bin von den Älteren gut aufgenommen worden, habe meine Leistung gebracht und gehörte dann ganz schnell dazu.

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Als er endlich 21 ist, darf Willi Burgsmüller von nun an auch in der Ersten ran. Am 26. April 1953 absolviert er beim 1:1 beim Meidericher SV (heute MSV Duisburg) sein erstes von 222 Oberliga-Spielen. In den Endrundenspielen zur Deutschen Meisterschaft in jener Saison ist er aber nur Ersatz. Mit 10:2 Punkten verpasst der BVB hauchdünn seinen zweiten Einzug ins Deutsche Endspiel. Der VfB Stuttgart und Borussia Dortmund sind am Ende punkt- und torgleich. Heute hätte der BVB aufgrund der mehr geschossenen Tore (17:7) gegenüber dem VfB (16:6) die Nase vorn gehabt, doch seinerzeit wird ein Divisionsverfahren angewandt, und hier sind die Schwaben besser...

Burgsmüller geht seinen Weg. „Ich kam aus der Bezirksklasse und habe meine Leistungen gebracht.“ In der Saison 1953/54 kommt er 19-mal zum Einsatz, im Folgejahr bremst ihn eine Meniskusverletzung. Nur einmal kommt er in diesem Spieljahr zum Einsatz, mit starken Schmerzen: Bei der 1:3-Niederlage in Leverkusen gelingt ihm kurioserweise sein erster und einziger Treffer im BVB-Trikot. „Ein Kopfballtor nach einer Ecke.“

1955 übernimmt Helmut Schneider das Traineramt, und der wiedergenesene Burgsmüller ist nach einem Jahr Zwangspause aus der Mannschaft nicht mehr wegzudenken. Am Ende dieser Saison gewinnt Borussia Dortmund zum ersten Mal in der Vereinsgeschichte die Deutsche Fußballmeisterschaft – und in identischer Aufstellung im Jahr darauf nochmal. Sowohl im Endspiel 1956 gegen den Karlsruher SC (4:2) als auch im Finale 1957 gegen den Hamburger SV (4:1) ist Burgsmüller Stütze der Defensive und zugleich Antreiber über die rechte Seite.

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Welche Erinnerungen haben Sie an die Meisterschaft 1956?
Das war ein großer Erfolg, überhaupt ins Endspiel zu kommen. Es waren so viele Spiele bis dahin; das war eine Leistung! Ich war der zweitjüngste Spieler in einer tollen, eingespielten Mannschaft. Da ist man vor so einem Finale natürlich nervös. Ich hab‘ das aber ganz gut in den Griff bekommen, bin gut ins Spiel gekommen. Ich wollte nicht einfach nur den Ball weghauen, sondern von hinten heraus aufbauen.

Beim Stand von 4:0 ist Ihnen Ihr einziges Eigentor in Ihrer Karriere unterlaufen. Ärgerlich, dass es ausgerechnet in einem Endspiel passierte?
Das spielte keine Rolle mehr. Wahrscheinlich habe ich im Gedränge den Ball zu feste zurückgespielt, und der Torwart konnte nicht mehr reagieren.

Ein Jahr später gelang in identischer Aufstellung die Titelverteidigung – einzigartig und für die Ewigkeit. Dabei hatte Aki Schmidt wenige Wochen zuvor beim 2:1 gegen die Niederlande sein erstes Länderspiel absolviert – und auch gleich ein Tor geschossen – und war einer der Schlüsselspieler auf dem Weg ins 57er Endspiel. Trotzdem hat Schneider ihn nicht aufgestellt...
Helmut Schneider wollte unbedingt die gleiche Mannschaft haben.

Wurde das Thema diskutiert in der Mannschaft?
Nein. Wenn der Trainer was gesagt hat, wurde das so gemacht. Schneider war ja selbst erfolgreicher Spieler gewesen, in Kaiserslautern, in Pirmasens. Er hatte Ahnung vom Fußball. Und unser Alfred Niepieklo war ein ganz hervorragender Halbstürmer. Aki war zwar sehr ehrgeizig, aber er brachte noch nicht die Erfahrung mit, die Alfred hatte. Das war sicher auch ein Grund für den Trainer. Niepieklo war in diesem Jahr noch stärker als Schmidt.

Wurden Entscheidungen des Trainers zu Ihrer Zeit weniger hinterfragt als heute, von innen wie von außen?
Der Trainer hatte immer das letzte Wort. Was er gesagt hat, musste auch gemacht werden! Es wäre ja schlimm gewesen, wenn wir Spieler bestimmt hätten, wie und mit wem wir hätten spielen sollen. Dafür war der Trainer da. Ich habe von Schneider viel gelernt, Stichwort Stellungspiel, was ich wo und wie machen musste. Er war selbst Mittelläufer und Verteidiger gewesen.

***

Wilhelm Burgsmüller ist nun, mit 25 Jahren, absoluter Führungsspieler einer Mannschaft, die ihren Zenit erreicht hat. Die Erneuerung aber gelingt. 1961 erreicht Borussia Dortmund zum vierten Mal das Endspiel, verliert dieses jedoch deutlich mit 0:3 gegen den HSV. Zwei Jahre später steht der BVB erstmals in beiden Endspielen, um die Meisterschaft und um den DFB-Pokal. Das „Double“ bleibt Burgsmüller zwar versagt, aber im letzten Deutschen Endspiel, am 29. Juni 1963 im Stuttgarter Neckarstadion, gewinnt er seinen dritten Titel. Der Anteil des Kapitäns daran ist groß. In den Endrundenspielen hält er die besten Flügelstürmer jener Zeit, Alfred Heiß vom TSV 1860, sowie Charly Dörfel vom HSV, in Schach. Im Finale liefert er sich packende Duelle mit dem Kölner Ausnahmestürmer Heinz Hornig.

Das Bild mit dem blutdurchtränkten Kopfverband geht um die Welt.

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Was war passiert?
Meine Kopfverletzung? Kaka Hornig hatte mich im Fallen mit den Stollen am Kopf getroffen. Das war natürlich keine Absicht, sondern Folge eines Zweikampfs. Dr. Melliwa, unser Sportarzt, hat es zunächst mit einem Pflaster versucht. Doch das hielt nicht. Dann hat er diesen Verband drumgemacht. Für mich hat das keine Rolle gespielt. Ich bin trotzdem zum Kopfball hin.

Sie haben drei Deutsche Meisterschaften mit Borussia Dortmund gewonnen. Mit wieviel Stolz erfüllt Sie diese Leistung?
Das hat kaum ein anderer geschafft. Ja, das stimmt. Aber was heißt Stolz? Natürlich bin ich stolz, dass ich das erreicht habe, aber ich war nicht alleine. Es war und ist ein Mannschaftsspiel. Uns wurde aber auch nichts geschenkt. Wir mussten uns alles erarbeiten.

War Kameradschaft der Schlüssel zum Erfolg?
Ja, natürlich. Wir waren alle ehrgeizig, um für diesen Verein spielen zu dürfen, Meisterschaften zu holen. Es gab keine Reibereien. Wir waren Kameraden und Freunde. Unsere Frauen und Freundinnen spielten dabei eine wichtige Rolle. Sie waren nach den Spielen grundsätzlich beim Essen dabei. Und häufig haben wir uns nachmittags mal zum Kaffee getroffen oder sind abends gemeinsam zum Kegeln gegangen.

Die Herberger-Aussage von den elf Freunden...
... wurde bei uns gelebt! Wir waren sogar mehr als elf Freunde, denn die Ersatzspieler gehörten natürlich auch dazu. In unserem Kreis herrschte eine tolle Stimmung. Wir haben uns alle gut verstanden.

War Herberger auch ein Freund Ihres Spiels?
Ich sollte mal für die Ländermannshaft spielen, ja, doch da kriegte ich die Verletzung – und es war vorbei.

Sie haben die Bundesliga als aktiver Spieler noch erlebt. Wie groß war 1963 die Veränderung von der Oberliga zur neuen Profiliga?
Es wurde genauso gespielt wie vorher auch in der Oberliga. Nur die Fahrten waren weiter. Und wir hatten mehr Trainingszeiten. Ich war weiterhin berufstätig, Angestellter in der Magazin-Buchhaltung, hab‘ da mein Geld verdient, durfte aber immer zum Training. Eine Stunde vor Dienstschluss konnte ich gehen.

Wer heutzutage dreimal Meister wird, hat finanziell ausgesorgt...
Ach, was haben wir denn gekriegt? 320 und später 400 Mark. Mehr war doch nicht. Wenn ich heute spielen würde, wäre ich Millionär.

Wie sehen Sie die Liga heute?
Zu Beginn war alles noch amateurhaft. Heute wird alles absolut professionell geführt. Das ist normal, das ist die Zeit. Anders geht es gar nicht mehr, anders würde ein Verein nicht erfolgreich existieren können.

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Sie sind das letzte in Dortmund lebende Bindeglied zwischen den frühen Jahren und der heutigen Zeit.
Ja. Ich bin der einzige Spieler von damals, der noch da ist und habe das Glück, dass ich noch gesund und munter bin.

Was hat Sie so jung gehalten?
Ich lebe gesund. Es gab keine Ausschweifungen.

Haben Sie Franz Jacobi, den Gründungsvater, mal getroffen?
Den habe ich noch kennengelernt! Als ich anfing, war er noch da. Franz war Ehrenvorsitzender. Sie waren alle noch dabei, als ich 51 kam. Auch August Lenz. Mit Pat Koschmieder habe ich zusammengespielt als 19-jähriger Bengel.

Das Interview mit Willi Burgsmüller führte Boris Rupert am 31. Oktober 2019

Dr. Reinhold Lunow und Hans-Joachim Watzke zum Tod von Willi Burgsmüller

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