Immel und Rauball feiern den Klassenerhalt.

Relegation 1975/76

Juni 1976. Nach vier Jahren in der Zweitklassigkeit steht Borussia Dortmund vor der Chance auf die Rückkehr in die Bundesliga. Als Tabellenzweiter der 2. Bundesliga Nord muss der BVB in der Relegation gegen den 1. FC Nürnberg ran – zwei Spiele, die über die Rückkehr ins deutsche Fußball-Oberhaus entscheiden sollen.

Hinspiel in Nürnberg

17. Juni 1976
1. FC Nürnberg – Borussia Dortmund 0:1
Stadion: Städtisches Stadion (Nürnberg)
Zuschauer: 55.000

Borussia Dortmund: Horst Bertram – Lothar Huber, Friedhelm Schwarze – Mirko Votava, Klaus Ackermann, Egwin Wolf, Helmut Nerlinger, Gerd Kasperski (69. Burkhard Segler) – Peter Geyer, Hans-Werner Hartl, Hans-Gerd Schildt
Trainer: Otto Rehhagel

1. FC Nürnberg: Franz Schwarzwälder – Rudolf Hannakampf, Ulrich Pechtold (70. Norbert Eder), Manfred Rüsing, Peter Stocker, Rudolf Sturz – Dieter Lieberwirth (77. Karlheinz Meininger), Slobodan Petrovic, Jan Majkowski, Dieter Nüssing – Hans Walitza
Trainer: Hans Tilkowski

Tor: 0:1 Egwin Wolf (85.)

Schiedsrichter: Walter Horstmann (Nordstemmen)

Einlauf der Mannschaften beim zweiten Relegationsspiel.

Rückspiel in Dortmund

23. Juni 1976
Borussia Dortmund – 1. FC Nürnberg 3:2
Stadion: Westfalenstadion (Dortmund)
Zuschauer: 54.000 (ausverkauft)

Borussia Dortmund: Horst Bertram – Lothar Huber, Friedhelm Schwarze – Klaus Ackermann, Gerd Kasperski (65. Burkhard Segler), Helmut Nerlinger, Mirko Votava, Egwin Wolf – Peter Geyer (35. Zoltán Varga), Hans-Werner Hartl, Hans-Gerd Schildt
Trainer: Otto Rehhagel

1. FC Nürnberg: Franz Schwarzwälder – Günter Dämpfling (58. Walter Lachmann), Ulrich Pechtold, Manfred Rüsing, Peter Stocker, Rudolf Sturz – Dieter Lieberwirth, Jan Majkowski (60. Branislav Krstic), Dieter Nüssing, Slobodan Petrovic – Hans Walitza
Trainer: Hans Tilkowski

Tore: 1:0 Peter Geyer (23.), 1:1 Rudolf Sturz (60.), 2:1 Hans-Werner Hartl (74.), 2:2 Hans Walitza (79.), 3:2 Lothar Huber (89.)

Schiedsrichter: Ferdinand Biwersi (Bliesransbach)

Anzeigetafel des Rheinstadion in Düsseldorf zeigt das Ergebnis. Acht zu Null für Borussia Dortmund.

Ein Fußballspiel, wenn es nicht in die Verlängerung geht, dauert 90 Minuten. Plus x. Das stimmt – und ist mitunter doch nur Teil der ganzen Wahrheit. Manche Fußballspiele haben eine Vorgeschichte, die untrennbar dazu gehört. Diese Vorgeschichte kann weit zurück reichen und quälend lang sein.

Die Geschichte des 3:2 über den 1. FC Nürnberg am 23. Juni 1976 beginnt am 3. Juni 1972. Manche unter den älteren BVB-Fans behaupten heute sogar, sie habe bereits mit dem Europapokal-Triumph über den FC Liverpool am 5. Mai 1966 begonnen. Weil Borussias Klubführung im gleißenden Licht des Erfolges sportlich wie wirtschaftlich Fehler um Fehler zu einer Kette aneinander gereiht habe, die schon drei Jahre später um ein Haar zum Abstieg aus der Fußball-Bundesliga geführt hätte. Seinerzeit hatten die Schwarzgelben am letzten Spieltag durch ein 3:0 über Kickers Offenbach noch ans rettende Ufer hechten können und den 1. FC Nürnberg als Meister der Vorsaison in die Zweitklassigkeit geschickt.

Doch aufgeschoben war nicht aufgehoben. Im Frühjahr 1972 erwischte es auch den BVB. Bereits am 32. Spieltag, nach dem 0:2 beim VfB Stuttgart, war der Abstieg besiegelt. Nach 36 Jahren hintereinander, in denen Borussia Dortmund stets in der höchsten Spielklasse vertreten gewesen war, mussten die Westfalen nun also eine Etage hinab steigen. In die Regionalliga – wo die Gegner nicht mehr Bayern München, Borussia Mönchengladbach und FC Schalke 04 heißen sollten, sondern Lüner SV, SVA Gütersloh und Eintracht Gelsenkirchen.

Es war das bittere Ende einer in jeder Hinsicht denkwürdigen Spielzeit. Erster Absteiger war Arminia Bielefeld. Der Deutsche Fußball-Bund hatte den Ostwestfalen als Konsequenz aus dem Bestechungsskandal von 1971 sämtliche Punkte abgezogen. Und Borussia? Nur sechs Siege und acht Unentschieden bedeuteten bei 20 Niederlagen am Ende 20:48 Punkte. Platz 17. Und was für Niederlagen darunter waren: Daheim in der Roten Erde 0:3 gegen Schalke, 0:4 gegen Stuttgart, 1:5 gegen Bremen. In Gladbach gab es eine 1:7- und in Kaiserslautern eine 0:6-Klatsche. Negativer Höhepunkt allerdings war das Gastspiel bei den Bayern. Am 16. Spieltag kam der BVB im Sportpark Unterhaching mit 1:11 unter die Räder. Die zweithöchste Niederlage der Bundesliga-Geschichte. Kein Wunder also, dass Trainer Horst Witzler zur Winterpause durch Herbert Burdenski ersetzt wurde. Doch auch der konnte das Ruder nicht herumreißen.

Sechs Jahre nach dem europäischen Höhepunkt von Glasgow war Borussia Dortmund – aus dem Europacup-Team war nur noch Dieter „Hoppy“ Kurrat dabei – am nationalen Tiefpunkt angelangt. Und so schnell ging’s auch nicht wieder bergauf. Das erste Regionalliga-Jahr beendete der BVB als Vierter. Zum letzten Heimspiel gegen Preußen Münster, einem 9:0, kamen gerade noch 1.500 Getreue. Im Jahr darauf waren es 8.900 zahlende Zuschauer im Schnitt. Platz sechs am Ende. Wieder kein Aufstieg.

Der begann erst mit der Saison 1974/75. Der ersten in der neu gegründeten und zweigleisigen 2. Bundesliga. Und der ersten im zur Weltmeisterschaft 1974 neu erbauten Westfalenstadion. Zwar endete auch diese Spielzeit sportlich nur auf Rang sechs, aber der Zuschauerschnitt (25.400) verdreifachte sich. Und die neue Spielstätte entwickelte sich allmählich zur Festung, die Gegnern Furcht einflößte und dem BVB das Kreuz breit machte. In der folgenden Wiederaufstiegssaison blieb Borussia – u.a. mit Horst Bertram, Helmut Nerlinger, Lothar Huber, Miroslav Votava, Hans-Gerd Schildt und Zoltan Varga – bei nur vier Unentschieden und einem Torverhältnis von 64:9 daheim ungeschlagen. Bayer Leverkusen holte sich ein 0:7 ab. Wacker 04 Berlin, die SpVgg. Erkenschwick und der 1. FC Mülheim-Styrum kassierten jeweils eine 0:6-Packung. Insbesondere die Torjäger Hans-Werner Hartl (18 Treffer), Gerd Kasperski (15) und Peter Geyer (13) trafen fast nach Belieben. Am Ende standen 93 Saisontore – plus die vier aus den beiden Entscheidungsspielen.

Und doch lief die Serie, die dem 3:2 gegen den 1. FC Nürnberg als finalem Höhepunkt voran ging, beileibe nicht völlig reibungslos. Trainer Otto Knefler wurde nach dem 2:2 gegen Arminia Bielefeld am 21. Spieltag beurlaubt. Borussia war auf Platz vier abgerutscht. Horst Buhtz übernahm die sportliche Leitung, startete mit einem 2:3 beim VfL Osnabrück denkbar ungünstig, führte die Mannschaft im langen Schlussspurt aber noch auf Rang zwei hinter Zweitliga-Meister und Direktaufsteiger Tennis Borussia Berlin – und somit zu den Aufstiegsspielen gegen Süd-Vize 1. FC Nürnberg.

Der Nord- und der Süd-Meister der 2. Bundesliga waren direkt aufgestiegen. Die Zweiten ermittelten in Hin- und Rückspiel den dritten Aufsteiger. Im Juni 1976 kam es zweimal vor ausverkauftem Haus zum Duell der Altmeister Borussia Dortmund und 1. FC Nürnberg. Tradition pur. Dramatik pur. Mit zwei knappen Siegen schaffte Schwarzgelb die Rückkehr ins Oberhaus.

Vier Jahre nach dem Abstieg hatte Borussia Dortmund also den zweiten Platz in der 2. Bundesliga Nord erreicht. Nach 31 Spieltagen hatte die Mannschaft Rang eins an Tennis-Borussia Berlin verloren, sich aber im Kampf um Platz gegen Preußen Münster durchgesetzt und erhielt damit die Chance, im Duell mit dem Süd-Zweiten 1. FC Nürnberg den dritten Erstliga-Aufsteiger zu ermitteln.

Nach einer langen Saison mit 38 Spielen (22 Siege, acht Unentschieden, acht Niederlagen) kam es zu einer doppelten Pikanterie. Der „Club“ wurde von Borussias Torwart-Legende Hans Tilkowski (Europapokalsieger 1966 und Vize-Weltmeister) trainiert, und sein Nachfolger stand auch schon fest: Der aktuelle BVB-Trainer Horst Buhtz hatte für die kommende Saison in Nürnberg unterschrieben. Er steckte folglich in einem Gewissenskonflikt, der weder ihm selbst noch dem BVB zuzumuten sei, entschied dessen Präsident Heinz Günther und schloss, obwohl sich die Mannschaft für Buhtz ausgesprochen hatte, „in freundschaftlicher Atmosphäre“ einen Aufhebungsvertrag mit dem Fußballlehrer.

So saß am 17. Juni beim Hinspiel vor 53.000 Zuschauern im Städtischen Stadion zu Nürnberg Otto Rehhagel auf dem Trainerstuhl. Der damals 37-jährige Essener war in einer Nacht-und-Nebel-Aktion bei Werder Bremen losgeeist worden und coachte Borussia zu einem 1:0-Erfolg. Obwohl der BVB ein halbes Dutzend klarster Chancen hatte, dauerte es bis zur 85. Minute, ehe Egwin Wolf der wichtige Treffer gelang. Zudem sah Nürnbergs Libero Rudolf Hannakampf nach einem rüden Foul an Hans-Werner Hartl die Rote Karte und war damit für das Rückspiel gesperrt. „Nö“, sagt Hartl Jahre später im Rückblick, „so hart war das nicht. Das täuscht. Das Einzige, woran ich mich erinnere: Es war unheimlich heiß in Nürnberg.“

Der kicker berichtete über das Spiel: „Für Dortmund liefen die 90 Minuten wie nach Wunsch. Wenn der Club stürmte, verbarrikadierte die Borussia ihren Strafraum, und an der vielbeinigen Deckung zerbrachen die Nürnberger Angriffshoffnungen. Aber Dortmund verstand es glänzend, im Gegenzug blitzartig auf Angriff umzustellen. Fast jeder Dortmunder war seinem Nürnberger Gegenspieler balltechnisch überlegen. So gewannen die Dortmunder fast jeden Zweikampf. Das zermürbte die Nürnberger und entnervte sie schließlich. Die bewegliche Dortmunder Abwehr wurde vom fangsicheren Bertram, dem kopfballstarken Schwarze und dem umsichtigen Nerlinger dirigiert. Sie brachte Ruhe, Ordnung und Richtung ins Borussia-Spiel. Das Dortmunder Mittelfeld gab schließlich den Ausschlag für den 1:0-Triumph. Ob der bissige Votava oder die beiden ballgewandten Wolf und Kasperski – stets sprühten Ideen. Borussia präsentierte sich als ein harmonisch gewachsenes Team.“

„Der bei uns entscheidende Mann mit seinem Tor war meiner späterer guter Freund Ede Wolf“, berichtete Hans-Werner Hartl. Mit einem 1:0-Vorsprung ging es ins Rückspiel. „Daran erinnere ich mich wiederum noch sehr gut. Auf der anderen Seite stand Hans Walitza, mein früherer Kollege aus Bochum.“ Beide sollten Hauptrollen spielen an jenem 23. Juni 1976.

Das 1:0 aus dem Hinspiel bedeutete eine gute Ausgangsposition, aber keine Garantie für das entscheidende zweite Duell sechs Tage später vor vollem Haus. „Mit dem 1:0-Sieg in Nürnberg hatten wir den Grundstein gelegt“, erzählte Helmut Nerlinger. Genau daran erinnern, warum er in den Relegationsspielen die Kapitänsbinde trug und nicht Klaus Ackermann, der in der BVB-Chronik als „Aufstiegskapitän“ geführt wird, konnte er sich Jahrzehnte später im Rückblick nicht mehr. Wohl aber daran, dass die Erwartungshaltung groß war, das Spiel erwartet schwer. Es entwickelte sich dann auch zu einem echten Krimi.

Wie unbändig der Siegeswille der Westfalen war, zeigt die Energieleistung von Peter Geyer. Der Borusse rasselte bereits in der Anfangsphase heftig mit Nürnbergs Manfred Rüsing zusammen, musste außerhalb des Spielfeldes behandelt werden, wankte zurück auf den Rasen, erzielte in der 23. Minute das 1:0, ehe er nach gut einer halben Stunde regelrecht k.o. ging. Als Schiedsrichter Ferdinand Biwersi zur Pause pfiff, war Geyer schon auf dem Weg Richtung Unfallklinik, wo er – wieder bei Besinnung – keinerlei Erinnerung hatte: „Tor – ich weiß von nichts!“ Diagnose: schwere Gehirnerschütterung.

Die zweite Halbzeit entwickelte sich zu einer regelrechten Aufstiegsschlacht. Miodrag Petrovic glich nach einer Stunde per Freistoß für die Franken aus. Es lief die 74. Minute, als Hartl „im Strafraum-Gewühl aus kurzer Distanz“ das so wichtige 2:1 erzielte: „Kein Tor, von dem man jahrelang noch träumt...“ Aber ein immens wichtiges. Denn als Walitza – Hartls früherer Kollege, siehe oben – nur fünf Minuten später egalisierte, begannen die Borussen nachzurechnen. Was passiert, wenn Nürnberg noch eins schießt und 3:2 gewinnt? „Wir waren ganz verwirrt, weil wir nicht wussten, wie es sich mit den auswärts erzielten Toren verhält“, so Hartl. Sie hätten bei Torgleichheit nicht – wie damals im Europapokal üblich – doppelt gezählt. Erst Lothar Hubers Siegtor in der 89. Minute mit der „linken Klebe“, von deren Existenz er bis dahin selbst nichts gewusst hatte, beendete die ganze Rechnerei und die Angst vor einem Entscheidungsspiel in Frankfurt und besiegelte den Wiederaufstieg. Im Westfalenstadion brachen alle Dämme, die Fans stürmten den Rasen, in der Kabine spritzten Sektfontänen. Man kann sich kaum vorstellen, was da los war im Westfalenstadion“, so Nerlinger: „Eine Supersache. Ich werde diesen Tag nie vergessen.“

„Ein Drama mit Rasse und Kasse“, resümierte der kicker: „Zusammen 107.000 Zuschauer erlebten in Nürnberg und Dortmund dieses letzte Gefecht der zweiten Liga. Dortmund hat das Duell der prominentesten Zweitligisten unserer Tage zu Recht gewonnen. Borussia war mannschaftlich geschlossener und beweglicher, Borussia erarbeitete die größere Anzahl an Torchancen. Einer der populärsten Vereine der Nachkriegszeit ist wieder in der Bundesliga. Zehn Jahre nach dem Gewinn des Europapokals der Pokalsieger und vier Jahre nach dem Abstieg aus der Bundesliga gelang die Rückkehr ins deutsche Fußballoberhaus. Nach dem 1:0 in Nürnberg ließ sich der BVB auch im Rückspiel nicht mehr die Butter vom Brot nehmen. In dieser sehr hektischen und kämpferisch geführten Partie zeigten auf Dortmunder Seite Torhüter Bertram, Nerlinger, Wolf und Ackermann die besten Leistungen.“

Frank Fligge / Boris Rupert

Mülheim-Styrum statt Bayern München. Sportfreunde Siegen statt Schalke 04. Gütersloh statt Gladbach. HSV Barmbek-Uhlenhorst statt Hamburger SV. Es bedarf nicht viel mehr als der Auflistung dieser Klubnamen, um das Martyrium zu beschreiben, das Dortmunds Fußballfans durchlebten. Einer, der es gemeinsam mit ihnen durchlebte, stand zwischen den Pfosten: Horst Bertram war der einzige Spieler, der sowohl beim Abstieg 1972 als auch beim Aufstieg 1976 zum Kader gehörte.

Und obwohl nicht Horst Bertram, sondern Jürgen Rynio in der Abstiegssaison 1971/72 Stammkeeper der Schwarzgelben war, machte es der im Mai 2023 im Alter von 74 Jahren gestorbene Bertram für sich selbst zu einer „Frage der Ehre“, die Scharte auszubügeln. „Ich wollte helfen, den Schaden, den ich mit verursacht hatte, zu reparieren.“

Die allermeisten Kollegen verließen den Verein. Wenige blieben. Hoppy Kurrat, die treue Seele, war einer von ihnen. Und Bertram. Die Überlegung, den Verein zu wechseln, sagt er, habe es „in jenen Jahren nie gegeben“. Umso größer sei die Freude gewesen, „als wir 1976 endlich am Ziel waren“. Ja, hat Horst Bertram gesagt, der mit Michael Zorc noch zusammengespielt hat, der Wiederaufstieg sei „auch eine persönliche Genugtuung“ gewesen. Große Titel fehlten dem gebürtigen Münsteraner in seiner Vita. Aber große Titel sind nicht immer zwingend der Maßstab, den die Fans anlegen, wenn sie darüber entscheiden, welche Spieler sie mehr und welche sie weniger wertschätzen. Der Name Horst Bertram genießt noch heute bei den Fans große Wertschätzung. Weil er in schweren Zeiten treu zum Klub gestanden hat. Und weil er zu denen gehört, die Borussia in die Bundesliga zurückgeführt haben.

Allein die Geschichte der Aufstiegssaison ist abendfüllend. Ende Januar 1976 flog Trainer Otto Knefler raus. Der BVB hatte bei Arminia Bielefeld nur 2:2 gespielt, war auf Platz vier abgerutscht. Nach zwei sechsten Rängen in den Jahren zuvor, drohte die Mannschaft das erklärte Ziel erneut zu verpassen. Präsident Heinz Günther verlor die Nerven. Er feuerte den Coach und verpflichtete Horst Buhtz. Mit dem erfahrenen Fußballlehrer an der Seitenlinie sicherte Borussia am letzten Spieltag durch ein 3:0 über Schwarz-Weiß Essen den zweiten Platz. Hinter Direktaufsteiger Tennis Borussia Berlin und vor Preußen Münster.

Das Minimalziel war erreicht. Die Relegation. Der Gegner dort hieß: 1. FC Nürnberg, Vizemeister der 2. Liga Süd. Und neuer Klub von Horst Buhtz. Borussias Trainer hatte für die Saison 1976/77 bereits bei den Franken unterschrieben. Und nun sollte ausgerechnet er ihnen den Aufstieg verbauen. Klarer Fall von „dumm gelaufen“! Ein unauflösbarer, weder Buhtz noch Nürnberg und dem BVB zuzumutender Interessenkonflikt, befand Heinz Günther – und beurlaubte seinen Erfolgscoach vor den beiden wichtigsten Spielen seit Jahren. Eine nachvollziehbare Entscheidung, aber auch, erinnerte sich Horst Bertram, „eine merkwürdige Situation“. Einerseits sei „in der Stadt eine riesige Euphorie spürbar“ gewesen. „Ganz Dortmund fieberte dem Wiederaufstieg entgegen. Die Option, nicht aufzusteigen, existierte in den Köpfen unserer Fans gar nicht.“

Andererseits lagen zwischen dem letzten Punktspiel und dem ersten Relegationsduell nur fünf Tage. Nur fünf Tage für den 37 Jahre jungen und als Trainer noch unerfahrenen Otto Rehhagel, um die Mannschaft auf den von BVB-Torwartlegende Hans Tilkowski trainierten Club vorzubereiten. Doch „Rehhagel hat das sensationell gemacht“, erinnerte sich Horst Bertram. „Er hat uns in Einzelgesprächen und Mannschaftssitzungen heiß gemacht und auf das Ziel eingeschworen.“ Zwar sei „das Gefühl in der Magengegend immer mulmiger“ geworden, je näher der Anpfiff in Nürnberg rückte. Und beim Einlaufen ins Stadion habe er „einen noch trockeneren Hals als ohnehin immer“ gehabt. Doch als nach wenigen Minuten der erste Nürnberger Torschuss vom Innenpfosten direkt in seine Arme prallte, wusste Horst Bertram: „Das Ding läuft. Das geht nicht schief!“

Bertram hielt seinen Kasten sauber, Egwin Wolf gelang in der 85. Minute das Siegtor. Eine perfekte Grundlage für das Rückspiel sechs Tage später im ausverkauften Westfalenstadion. Und doch entwickelte sich auch dort ein echter Fußball-Krimi. 1:0 Peter Geyer (23.), Ausgleich durch Sturz nach einer Stunde, 2:1 Hans-Werner Hartl (74.), Ausgleich durch Walitza nur fünf Minuten später. Es begannen die längsten zehn Minuten in der Laufbahn von Horst Bertram. Das große Zittern endete erst, als Lothar Huber in der 89. Minute das 3:2 gelang. Das Siegtor. Das Wiederaufstiegstor. Das „Der BVB ist wieder da“-Tor. Der „Nie mehr zweite Liga“-Treffer. Oder kurz: Der Schuss zurück ins Glück.

Kurz darauf: Platzsturm. Die Fans rissen ihren Helden die Klamotten vom Leib. Nur noch mit seiner Unterhose bekleidet, rettete sich Horst Bertram in die Kabine. Dann Aufstiegskorso am Borsigplatz. Auf dem Weg dorthin Freibier in jeder Kneipe. Wunderbare Erinnerungen, die Horst Bertram bis an sein Lebensende konservierte. So wunderbar wie die Freundschaft zu vielen der damaligen Teamkollegen. „Wir hatten eine charakterstarke Mannschaft. Klaus Ackermann, Ede Wolf, Lothar Huber, Burkhard Segler – alles super Jungs!“ Und ein toller Trainer. Zum „40-Jährigen“ lud Otto Rehhagel seine alte Mannschaft zum Essen ein. Es sollte ein netter Abend werden. Es wurde eine lange Nacht. Anekdote um Anekdote kramten die Aufstiegshelden aus. „Wir haben uns weggeschmissen vor Lachen und gar kein Ende mehr gefunden.“ Es war bereits hell, als man das Wiedersehen für beendet erklärte.

Zu den Anekdoten gehört auch jene aus dem Frühjahr 1977. Das 0:12 am letzten Spieltag gegen Borussia Mönchengladbach. Das höchste Ergebnis der Bundesliga-Geschichte. Ein Spiel, das vor allem in Köln nach Schiebung schmeckte. Um ein Haar hätte der „Eff-zeh“ nämlich aufgrund des Torverhältnisses die Meisterschaft verloren. „Gottlob ist das nicht passiert“, sagt Horst Bertram. Er stand bei der historischen Klatsche übrigens nicht im Tor. Er hatte sich zuvor mit Rehhagel angelegt. „Horst, gehen Sie mir aus den Augen. Sie spielen gegen Gladbach sowieso nicht“, hatte der Trainer zurückgewettert. Als der bedauernswerte Peter Endrulat zur Pause schon sechs Treffer kassiert hatte und Rehhagel mit spöttischem Unterton zu Bertram sagte „Jetzt, Horst, müssen Sie doch noch ins Tor“, weigerte der Stammkeeper sich. Eine Trotzreaktion, die er im Nachhinein bedauert. „Ich hätte mir die Gegentreffer sieben bis zwölf abholen sollen – dann wäre Peter Endrulat diese Schmach erspart geblieben“, sagte er.

Und noch etwas bedauerte Horst Bertram, wenn auch nur ein bisschen: Dass der BVB ihn 1979, als Sepp Maier nach einem schweren Autounfall seine Laufbahn vorzeitig beenden musste, nicht zum FC Bayern gehen ließ. Das Angebot von Uli Hoeneß sei verführerisch gewesen. Natürlich. „In München hätte ich noch den einen oder anderen Titel abgreifen können“, so Bertram. Titel, die ihm in seiner Vita fehlen. Aber Titel – siehe oben – sind nicht das einzige Kriterium, an dem die Fans von Borussia Dortmund ihre Wertschätzung festmachen.

Horst Bertram war und ist ein großer Borusse, auch ohne jeden Titel.

Frank Fligge / Boris Rupert

Zur Person

Horst Bertram wurde am 16. November 1948 in Münster geboren. Im Nachwuchs spielte er beim SC Münster 08 und wurde 15-mal in die Jugend-Nationalmannschaft des DFB berufen. Über Preußen Münster und die Kickers Offenbach, mit denen er 1970 – allerdings ohne Einsatz – seinen einzigen Titel, den DFB-Pokal, gewann, kam Bertram 1971 zu Borussia Dortmund. In den zwölf Jahren bis 1983 absolvierte er für die Schwarzgelben in der Regionalliga West, der 2. Liga Nord und der Bundesliga insgesamt 227 Punktspiele und stand 20-mal im DFB-Pokal zwischen den Pfosten.