Mülheim-Styrum statt Bayern München. Sportfreunde Siegen statt Schalke 04. Gütersloh statt Gladbach. HSV Barmbek-Uhlenhorst statt Hamburger SV. Es bedarf nicht viel mehr als der Auflistung dieser Klubnamen, um das Martyrium zu beschreiben, das Dortmunds Fußballfans durchlebten. Einer, der es gemeinsam mit ihnen durchlebte, stand zwischen den Pfosten: Horst Bertram war der einzige Spieler, der sowohl beim Abstieg 1972 als auch beim Aufstieg 1976 zum Kader gehörte.
Und obwohl nicht Horst Bertram, sondern Jürgen Rynio in der Abstiegssaison 1971/72 Stammkeeper der Schwarzgelben war, machte es der im Mai 2023 im Alter von 74 Jahren gestorbene Bertram für sich selbst zu einer „Frage der Ehre“, die Scharte auszubügeln. „Ich wollte helfen, den Schaden, den ich mit verursacht hatte, zu reparieren.“
Die allermeisten Kollegen verließen den Verein. Wenige blieben. Hoppy Kurrat, die treue Seele, war einer von ihnen. Und Bertram. Die Überlegung, den Verein zu wechseln, sagt er, habe es „in jenen Jahren nie gegeben“. Umso größer sei die Freude gewesen, „als wir 1976 endlich am Ziel waren“. Ja, hat Horst Bertram gesagt, der mit Michael Zorc noch zusammengespielt hat, der Wiederaufstieg sei „auch eine persönliche Genugtuung“ gewesen. Große Titel fehlten dem gebürtigen Münsteraner in seiner Vita. Aber große Titel sind nicht immer zwingend der Maßstab, den die Fans anlegen, wenn sie darüber entscheiden, welche Spieler sie mehr und welche sie weniger wertschätzen. Der Name Horst Bertram genießt noch heute bei den Fans große Wertschätzung. Weil er in schweren Zeiten treu zum Klub gestanden hat. Und weil er zu denen gehört, die Borussia in die Bundesliga zurückgeführt haben.
Allein die Geschichte der Aufstiegssaison ist abendfüllend. Ende Januar 1976 flog Trainer Otto Knefler raus. Der BVB hatte bei Arminia Bielefeld nur 2:2 gespielt, war auf Platz vier abgerutscht. Nach zwei sechsten Rängen in den Jahren zuvor, drohte die Mannschaft das erklärte Ziel erneut zu verpassen. Präsident Heinz Günther verlor die Nerven. Er feuerte den Coach und verpflichtete Horst Buhtz. Mit dem erfahrenen Fußballlehrer an der Seitenlinie sicherte Borussia am letzten Spieltag durch ein 3:0 über Schwarz-Weiß Essen den zweiten Platz. Hinter Direktaufsteiger Tennis Borussia Berlin und vor Preußen Münster.
Das Minimalziel war erreicht. Die Relegation. Der Gegner dort hieß: 1. FC Nürnberg, Vizemeister der 2. Liga Süd. Und neuer Klub von Horst Buhtz. Borussias Trainer hatte für die Saison 1976/77 bereits bei den Franken unterschrieben. Und nun sollte ausgerechnet er ihnen den Aufstieg verbauen. Klarer Fall von „dumm gelaufen“! Ein unauflösbarer, weder Buhtz noch Nürnberg und dem BVB zuzumutender Interessenkonflikt, befand Heinz Günther – und beurlaubte seinen Erfolgscoach vor den beiden wichtigsten Spielen seit Jahren. Eine nachvollziehbare Entscheidung, aber auch, erinnerte sich Horst Bertram, „eine merkwürdige Situation“. Einerseits sei „in der Stadt eine riesige Euphorie spürbar“ gewesen. „Ganz Dortmund fieberte dem Wiederaufstieg entgegen. Die Option, nicht aufzusteigen, existierte in den Köpfen unserer Fans gar nicht.“
Andererseits lagen zwischen dem letzten Punktspiel und dem ersten Relegationsduell nur fünf Tage. Nur fünf Tage für den 37 Jahre jungen und als Trainer noch unerfahrenen Otto Rehhagel, um die Mannschaft auf den von BVB-Torwartlegende Hans Tilkowski trainierten Club vorzubereiten. Doch „Rehhagel hat das sensationell gemacht“, erinnerte sich Horst Bertram. „Er hat uns in Einzelgesprächen und Mannschaftssitzungen heiß gemacht und auf das Ziel eingeschworen.“ Zwar sei „das Gefühl in der Magengegend immer mulmiger“ geworden, je näher der Anpfiff in Nürnberg rückte. Und beim Einlaufen ins Stadion habe er „einen noch trockeneren Hals als ohnehin immer“ gehabt. Doch als nach wenigen Minuten der erste Nürnberger Torschuss vom Innenpfosten direkt in seine Arme prallte, wusste Horst Bertram: „Das Ding läuft. Das geht nicht schief!“
Bertram hielt seinen Kasten sauber, Egwin Wolf gelang in der 85. Minute das Siegtor. Eine perfekte Grundlage für das Rückspiel sechs Tage später im ausverkauften Westfalenstadion. Und doch entwickelte sich auch dort ein echter Fußball-Krimi. 1:0 Peter Geyer (23.), Ausgleich durch Sturz nach einer Stunde, 2:1 Hans-Werner Hartl (74.), Ausgleich durch Walitza nur fünf Minuten später. Es begannen die längsten zehn Minuten in der Laufbahn von Horst Bertram. Das große Zittern endete erst, als Lothar Huber in der 89. Minute das 3:2 gelang. Das Siegtor. Das Wiederaufstiegstor. Das „Der BVB ist wieder da“-Tor. Der „Nie mehr zweite Liga“-Treffer. Oder kurz: Der Schuss zurück ins Glück.
Kurz darauf: Platzsturm. Die Fans rissen ihren Helden die Klamotten vom Leib. Nur noch mit seiner Unterhose bekleidet, rettete sich Horst Bertram in die Kabine. Dann Aufstiegskorso am Borsigplatz. Auf dem Weg dorthin Freibier in jeder Kneipe. Wunderbare Erinnerungen, die Horst Bertram bis an sein Lebensende konservierte. So wunderbar wie die Freundschaft zu vielen der damaligen Teamkollegen. „Wir hatten eine charakterstarke Mannschaft. Klaus Ackermann, Ede Wolf, Lothar Huber, Burkhard Segler – alles super Jungs!“ Und ein toller Trainer. Zum „40-Jährigen“ lud Otto Rehhagel seine alte Mannschaft zum Essen ein. Es sollte ein netter Abend werden. Es wurde eine lange Nacht. Anekdote um Anekdote kramten die Aufstiegshelden aus. „Wir haben uns weggeschmissen vor Lachen und gar kein Ende mehr gefunden.“ Es war bereits hell, als man das Wiedersehen für beendet erklärte.
Zu den Anekdoten gehört auch jene aus dem Frühjahr 1977. Das 0:12 am letzten Spieltag gegen Borussia Mönchengladbach. Das höchste Ergebnis der Bundesliga-Geschichte. Ein Spiel, das vor allem in Köln nach Schiebung schmeckte. Um ein Haar hätte der „Eff-zeh“ nämlich aufgrund des Torverhältnisses die Meisterschaft verloren. „Gottlob ist das nicht passiert“, sagt Horst Bertram. Er stand bei der historischen Klatsche übrigens nicht im Tor. Er hatte sich zuvor mit Rehhagel angelegt. „Horst, gehen Sie mir aus den Augen. Sie spielen gegen Gladbach sowieso nicht“, hatte der Trainer zurückgewettert. Als der bedauernswerte Peter Endrulat zur Pause schon sechs Treffer kassiert hatte und Rehhagel mit spöttischem Unterton zu Bertram sagte „Jetzt, Horst, müssen Sie doch noch ins Tor“, weigerte der Stammkeeper sich. Eine Trotzreaktion, die er im Nachhinein bedauert. „Ich hätte mir die Gegentreffer sieben bis zwölf abholen sollen – dann wäre Peter Endrulat diese Schmach erspart geblieben“, sagte er.
Und noch etwas bedauerte Horst Bertram, wenn auch nur ein bisschen: Dass der BVB ihn 1979, als Sepp Maier nach einem schweren Autounfall seine Laufbahn vorzeitig beenden musste, nicht zum FC Bayern gehen ließ. Das Angebot von Uli Hoeneß sei verführerisch gewesen. Natürlich. „In München hätte ich noch den einen oder anderen Titel abgreifen können“, so Bertram. Titel, die ihm in seiner Vita fehlen. Aber Titel – siehe oben – sind nicht das einzige Kriterium, an dem die Fans von Borussia Dortmund ihre Wertschätzung festmachen.
Horst Bertram war und ist ein großer Borusse, auch ohne jeden Titel.
Frank Fligge / Boris Rupert