1und1Logo

Suche

Social-Media-Navigation

Instagram Twitch

Sprachnavigation

Account-Navigation

Übersicht

Interview

Marin Pongracic: Der Abfangjäger

  • Bild

Von Wolfsburg nach Westfalen: Für Marin Pongracic hat mit 24 Jahren das beste Fußballer-Alter begonnen. Beim BVB will sich der ehrgeizige Innenverteidiger entwickeln und den nächsten Schritt machen. Er bringt dazu alles mit: Technik, Tempo, Kraft und Robustheit.

Einen besseren Start hätte er kaum hinlegen können als bei seinem BVB-Debüt in Leverkusen. In der ersten Halbzeit verliert der Innenverteidiger – ebenso wie sein Partner Manuel Akanji – nicht einen einzigen Zweikampf. Am Ende des Arbeitstages stehen starke Quoten: 83 Prozent der Zweikämpfe gewonnen, 86 Prozent der Pässe zum Mitspieler gebracht.

Diese Werte unterstreichen, wofür der 1,93 Meter große Modellathlet steht: für kompromisslose Abwehrarbeit und ein veritables Aufbauspiel. Hier kommt ihm zugute, dass er einst als zentraler Mittelfeldspieler ausgebildet worden ist, bis ihm ein gewisser Breel Embolo über den Weg lief. Doch dazu später mehr.

Bild

Zurück zum BVB-Debüt in Leverkusen. Während die Mannschaft für ihre tolle Moral gefeiert wird, weil sie nach dreimaligem Rückstand als 4:3-Sieger vom Platz geht, ärgert sich Marin Pongracic über eben diese drei Gegentore („demütigend“), obwohl die Innenverteidiger vor jedem Gericht einen Freispruch erster Klasse erhalten würden. Zumal sich die beiden erst am Vortag persönlich kennengelernt haben, da Akanji mit der Schweizer Nationalmannschaft unterwegs gewesen ist.

„Ich bin selbstkritisch genug, mich zu fragen, was ich dazu beitragen kann, dass wir gar kein Tor bekommen“, sagt er auch im Abstand einiger Tage und dem Eindruck mehrfachen Videostudiums – sowohl mit dem Team als auch vor dem eigenen Fernseher. „Ich hätte den Mann noch ein bisschen aggressiver attackieren können. Das kann ich in Zukunft besser lösen.“

Wie muss man sich das Kennenlernen mit Manuel Akanji vorstellen? „Hallo, ich bin Marin. Es kann sein, dass wir morgen gemeinsam in der Abwehr spielen...“?!

(lacht) Ganz so war es nicht. Aber tatsächlich haben wir vorher nur einmal gemeinsam trainiert. Am Spieltag habe ich ihn dann noch ein paar Sachen gefragt, und wir haben uns abgesprochen.

Du bist in Landshut geboren und dort aufgewachsen. Wenn ich an Landshut denke, denke ich an Wolfgang Stark und an den EV Landshut. Man wird Schiedsrichter oder spielt Eishockey...

Eishockey wird in Landshut tatsächlich immer noch größer geschrieben als Fußball. Ich hoffe, dass sich das ändert – und dass in ferner Zukunft auch über Marin Pongracic gesprochen wird, wenn man über Landshut redet. Ich bin sehr heimatverbunden und fahre immer wieder gerne nach Hause.

"Die 34 ist meine absolute Glückszahl"

Diese Heimatverbundenheit drückt sich auch in der Wahl seiner Rückennummer aus. „34“ sind die letzten beiden Ziffern der Postleitzahl 84034. „Meine Glückszahl!“ In der 70.000-Einwohner-Stadt im Südosten Bayerns wächst Marin Pongracic als Sohn kroatischer Eltern auf, die ihn schon in jungen Jahren beim benachbarten Fußballverein anmelden, in Angst um ihre Blumenvasen im Wohnzimmer. Der Bub kann mit dem Rad zum Training fahren, genießt „eine wunderschöne Zeit mit tollen Turnieren im Ausland“ und wechselt kurz vor seinem 13. Geburtstag in die Nachwuchsabteilung des FC Bayern. In München wird er vom Stürmer zum zentralen Mittelfeldspieler umgeschult, spielt sowohl als „Zehner“ als auch als „Sechser“.

Als sich bei einem Turnier in Salzburg ein Abwehrspieler verletzt, versetzt der Trainer den erstaunten (und protestierenden) Pongracic nach hinten. Gegner ist der FC Basel. „Ich habe das erste Spiel als Innenverteidiger gegen Breel Embolo gemacht. Er war damals körperlich jedem weit überlegen.“ Der heutige Gladbach-Profi aber macht gegen Pongracic keinen Stich. „Und so bin ich von dieser Position nicht mehr weggekommen.“ 

Bild

In dieser Zeit, in der U15 des FC Bayern, begleiten ihn jedoch zunehmend Verletzungsprobleme. „Ich bin rasant gewachsen, 20 Zentimeter in zwei Jahren.“ Darunter leiden die Einsatzzeiten. „Ich war mit meiner Situation nicht mehr zufrieden, brauchte Spielpraxis und habe mich entschieden, einen Schritt zurückzumachen und nach Ingolstadt zu gehen. Das ist rückblickend die richtige Entscheidung gewesen.“

Drei Jahre später, im Sommer 2016, geht es zurück nach München, aber nicht zu den Bayern, sondern zu den „Löwen“, wo der damals 19-Jährige zunächst in der zweiten Mannschaft des TSV 1860 spielt, dann am 16. April 2017 sein Zweitliga-Debüt feiert, an den finalen sechs Spieltagen durchgehend über 90 Minuten zum Einsatz kommt, im ersten Relegationsspiel gegen Regensburg (1:1) jedoch kurz vor Schluss mit Gelb-Rot vom Platz fliegt, im Rückspiel fehlt, von der Tribüne aus den sportlichen Abstieg und aufgrund der Nichtzulassung zur dritten Liga den Absturz in die Regionalliga erlebt. „Daraufhin habe ich mich für Salzburg entschieden, weil ich wusste, dass es für junge Spieler mit das Beste ist.“

Unter Trainer Marco Rose erfährt Marin Pongracic „eine Zeit, die man nicht vergisst“, aber auch prägende Momente, wie das Halbfinal-Rückspiel in der UEFA Europa League gegen Olympique Marseille. „Ich wurde in den letzten 25 Minuten der Verlängerung eingewechselt, bin dann leider ausgerutscht – und wir haben das 1:2 bekommen.“

"Erling ist noch der gleiche Typ wie in Salzburg"

Nach drei Österreichischen Meisterschaften und zwei Cupsiegen wechselt er im Januar 2020 zum VfL Wolfsburg. Pongracic etabliert sich in der Innenverteidigung (elf von 14 möglichen Einsätzen), doch ab Sommer 2020 läuft es nicht mehr so gut für ihn. „In einer entscheidenden Phase war ich krank, auch coronabedingt, davor hatte ich Pfeiffersches Drüsenfieber. Die anderen Verteidiger haben es gut gemacht. Wenn die sieben oder acht Spiele kein Gegentor bekommen, ist es selbstverständlich, dass man auf der Bank sitzen bleibt. Ich habe das voll und ganz verstanden.“ Das Auftaktspiel dieser Saison gegen Bochum erlebt er ebenfalls auf der Bank, am zweiten und dritten Spieltag fehlt er komplett im Aufgebot von Trainer Mark van Bommel. Stattdessen öffnet sich eine Tür in Dortmund...

Bild

... wo es aber keine Postleitzahl gibt, die auf „34“ endet. Ist das nicht ein Ausschlusskriterium?

(lacht) Die 34 ist zwar eine Zahl, mit der ich sehr viel verbinde, aber ganz sicher kein Grund, nicht zu diesem großen Verein zu gehen.

Wie eng war in den vergangenen Jahren der Kontakt zu Marco Rose?

Da wir am gleichen Tag Geburtstag haben, haben wir uns immer wieder mal am Telefon gehört oder geschrieben. Als der Wechsel anstand, haben wir lange telefoniert, und er hat mir ein gutes Gefühl gegeben.

Und wie war das Wiedersehen mit Erling Haaland?

Großartig! Wir haben uns gefreut, dass wir wieder in einer Mannschaft spielen. Menschlich hat er sich gar nicht verändert, obwohl er mittlerweile ein Star ist. Erling ist immer noch der gleiche Typ wie bei unserem gemeinsamen Jahr in Salzburg: positiv verrückt. Unglaublich, was für einen Weg er gegangen ist.

Bild

Du hast ebenfalls als Stürmer begonnen. Ist es für Dich nun als Abwehrspieler ein Vorteil, dass Du weißt, wie Angreifer ticken?

Das ist eine interessante Frage, über die ich noch gar nicht nachgedacht habe. Als ich aus dem zentralen Mittelfeld auf die Innenverteidigerposition versetzt worden bin, hat mir jedenfalls der Aspekt weitergeholfen, dass ich recht sicher am Ball bin und über einen relativ guten Spielaufbau verfüge, was immer wichtiger wird. Meinen Vorwärtsdrang, der früher extrem war, habe ich mittlerweile unter Kontrolle.

Wie gehst Du mit eigenen Fehlern um?

Früher war es zerstörerisch, wenn der erste Pass nicht angekommen oder der erste Zweikampf nicht gewonnen worden ist. Dann war ich schnell verunsichert und nach einem Spiel auch nicht gut ansprechbar. Mittlerweile bin ich lockerer und versuche, sicher ins Spiel zu kommen, möglichst gar keinen Fehler zu machen. Wenn er dann doch passiert, möchte ich ihn so schnell wie möglich abschütteln und einfach weitermachen. Ich glaube, das ist der richtige Weg.

Hast Du fußballerische Vorbilder?

Von Tag eins an habe ich Lionel Messi bewundert. Als kleiner Junge war ich großer Barcelona-Fan. Als Innenverteidiger nehme ich mir Virgil van Dijk oder Kalidou Coulibaly zum Vorbild. Sie haben alles! Sie sind körperlich stark, sie sind schnell und sind fußballerisch top. Ich schaue ihre Spiele und YouTube-Videos, um von diesen beiden Spielern zu lernen. Faszinierend, was die draufhaben.

Bist Du ihnen schon begegnet?

Gegen Coulibaly habe ich mal gespielt, bei meinem Champions-League-Debüt gegen Napoli. Als wir mit Salzburg gegen Liverpool spielten, war ich verletzungsbedingt draußen, aber bei beiden Spielen live im Stadion. 

"An meinen Schwächen aber auch an meinen Stärken arbeiten"

Wie gut hat Dir der starke Einstand in Leverkusen getan?

Mir ist ein Stein vom Herzen gefallen. Ich wollte das Vertrauen, das man mir entgegenbringt, rechtfertigen und zeigen, was ich kann. Es ist noch Potenzial nach oben. Als ich mir das Spiel nochmal angeschaut habe, habe ich vieles gesehen, was ich verbessern kann. 

Bild

Und wie hat es sich angefühlt, das erste Mal im SIGNAL IDUNA PARK zu spielen?

Auch wenn nur 25.000 und nicht 81.000 Zuschauer dabei sein konnten, war es ein großartiges Erlebnis. Ich freue mich auf die nächsten Heimspiele mit unseren Fans.

Du bist zunächst für eine Saison ausgeliehen. Welche Ziele möchtest Du mit dem BVB bis dahin erreichen?

Ich möchte so viele Spiele wie möglich machen und mich in dieser Mannschaft mit ihrer extrem hohen Qualität weiterentwickeln. Dazu muss ich an mir zu arbeiten: an meinen Schwächen, aber auch an meinen Stärken – und die nächsten Schritte in meiner Persönlichkeitsentwicklung gehen.